„4.48 Psychose“ am Deutschen Theater: Die Geometrie des Unglücks

Sarah Kanes letztes Stück „4.48 Psychose“ sprüht vor Verzweiflung und Depression. Ulrich Rasche inszeniert das Stück als dreistündige Sprechoper.

Acht Menschen auf einer abgedunkelten Bühne

Wie in vielen Inszenierungen Rasches laufen die Schauspielenden hier durchweg auf Laufbändern Foto: Arno Declair

Das Orchester gleitet vorüber. Wie ein Totenschiff durch die Dunkelheit. Vier MusikerInnen an elektronischer Orgel, Schlagwerk und Bass sitzen auf dem äußersten Ring der Drehbühne im Deutschen Theater in Berlin und spielen die düsteren Klangsätze von Nico van Wersch. Ins Endlose könnten ihre Repetionen laufen, von Schlägen getrieben. Wenn sie verstummen, ist es jedes Mal wie ein Sprung von der Klippe. Nur das Licht an den Notenpulten lässt die Musiker erkennen.

Sie umkreisen die Schauspielenden, die in Ulrich Rasches Inszenierung von „4.48 Psychose“ von Sarah Kane wie in vielen Stücken aus der Hand dieses Regisseurs über Laufbänder gehen, endlos auf der Stelle treten, immer in Bewegung sind und trotzdem nicht vorankommen. Alles ist hier auch Geometrie, das Licht aus schmalen Röhren oder gepunkteten Linien, die Kreise der Drehbühnen, die Diagonalen der Laufbänder – es ist ein äußerst kontrollierter Raum, den Rasche zusammen mit Franz Dittrich konzipiert hat.

Die Spielenden erscheinen darin wie von Licht gerahmt in einem flachen Bild und verschwinden im dunklen Raum dahinter wieder wie beim Ausblenden eines Films. Das Verschwinden, die Auslöschung, um die Sarah Kanes Text „4.48 Psychose“ kreist, ist hier sehr ästhetisch gefasst.

Drei Frauen und sechs Männer geben dem Text ihre Stimme. Kathleen Morgeneyer kämpft sich Wort für Wort voran, „Ich hab das Gefühl, die Zukunft ist hoffnungslos und es wird nie besser“, als drohten ihr bei jeder Silbe die Gedanken zu entgleiten, als hätte die Zunge Mühe, die Laute aus dem Mund zu lassen. Linda Pöppel, lang und zierlich, hängt irgendwie schräg zu ihrer eigenen Körperachse. Katja Bürkle stemmt sich gegen den Abgrund, das Nichts, dem sie mit jedem Schritt näherkommt.

Vorwärts, seitlich, rückwärts

Manchmal klingen die mikroportverstärkten Stimmen, als würden sie über einen Abgrund weggerufen. Schritt für Schritt heben sie dabei die Beine, mühsam jedes Mal, keine Spannung im Körper. Das Gehen der Müden, vorwärts, seitlich, rückwärts, den Körper immer frontal zum Publikum, auch wenn die Laufbandrichtung sich ändert, ist hier eine Qual und ein Zwang, von Anfang an auf Unausweichlichkeit gestellt. Manchmal entsteht ein zusätzliches Bild der Bedrängnis, der Enge, wenn die männlichen Schauspieler dicht an die Frauen rücken.

„4.48 Psychose“ ist Sarah Kanes letztes Stück, sie beging 1999 Suizid. Von der jungen britischen Autorin kam in den 1990er Jahren etwas Ungebändigtes und Wütendes in die Theater, das von Grausamkeit ebenso wie von Verletzlichkeit geprägt war. Vor allem aber von einer Sprache, die durchdringt, die nicht überhöht war, sondern fluchdurchsetzt und doch Erschütterungen und Tragik in einem Ausmaß transportierte, wie es der Dramatik der Gegenwart nur selten gelingt.

In „4.48 Psychose“ fließen Medikationen und Diagnosen einer an Depression Erkrankten ein, Gespräche mit Therapeuten, Selbstverletzungen und Schmerz, Wut über den Ausschluss, Verzweiflung über die Unfähigkeit, in Kommunikation zu treten. In der Schaubühne war eine mitnehmende Inszenierung von Falk Richter von 2002 mehr als zehn Jahre lang zu Recht im Repertoire. Es haute einen um.

Es spricht jemand am Rande der Auflösung, zwischen psychotischen Schüben und der Ruhigstellung durch Medikamente. Hinzu kommt Liebeskummer, das Unglück, keinen Adressaten zu haben für die sehnsüchtigen Rufe „finde mich“. Dass der Text auf den Suizid zusteuert, das endgültige Verschwinden, ist von Anfang klar. Und doch ist der letzte Satz „bitte öffnet den Vorhang“.

Kein Unterschied zwischen Jäger und Gejagtem

In Rasches Inszenierung wird das Stück zu einer Sprechoper. Meistens steht eine Stimme im Vordergrund, manchmal teilen sich zwei eine Textpassage, manchmal sprechen sie im Chor. Wird der Raum tief und das ganze Ensemble sichtbar hinter dem/der einen vorne, entsteht ein ambivalentes Bild, wie ein Chor oder Corps die Menge hinter dem Solisten, ihn ebenso treibend wie auch in seiner Haut steckend. Man kann nicht mehr unterscheiden zwischen Jäger und Gejagter.

Den Zuschauer in einen solchen Zwiespalt zu drängen, gehört zu den Stärken von ­Ra­sches Inszenierung. Aber sie überrollt einen auch, am Ende der drei Stunden fühlt man sich so platt, als wären die Laufbänder über einen drübergerollt. Die Musik, die immer dabei ist, übertönt die eigene Musikalität der Sprache von Sarah Kane, die eine differenziertere Rhythmik hat, neben dem Stakkato der Worte auch das Schweigen kennt.

Hier wird man so vereinnahmt, so aufgesogen, dass kaum Distanz entstehen kann und damit auch die Möglichkeit einer Reibung. So entstehen auch keine Fragen danach, was das Außen, die Welt, mit diesem Innen, dem Unglück zu tun hat – und das ist ein Verlust.

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