250. Geburtstag von Jean Paul

Aus dem Mond gefallen

Ein postmoderner Schriftsteller in der Goethezeit: Jean Paul schrieb verspielt, labyrinthisch und wahnsinnig komisch. Er war seiner Zeit voraus.

Ein Postmoderner in der Goethezeit: Jean Paul. Bild: dpa

Humor ist keine Gabe des Geistes, sondern eine des Herzens, heißt es in Ludwig Börnes Denkrede auf Jean Paul, dessen Geburtstag sich am 21. März zum 250. Mal jährt. Die Rede stammt aus dem Jahr 1825, in dem der im oberfränkischen Wunsiedel geborene Humorist und Autor ausschweifender Romane wie „Siebenkäs“, „Titan“ oder „Flegeljahre“ verstarb.

Man muss Börne nicht vorbehaltlos zustimmen. Aber als humoristischer Bruder im Geiste weiß der bissige Journalist und demokratische „Jungdeutsche“ genau, wovon er redet, wenn er von Jean Paul redet.

Der gilt heute noch als schwieriger und intellektuell verstiegener Autor. Da ist auch was dran. Seine Bücher sind in der Regel handlungsarm, kryptisch oft und zu einem wesentlichen Teil nicht abgeschlossen; berüchtigt sind die nicht enden wollenden Digressionen über Gott und die Welt.

Jean Paul: "Erschriebene Unendlichkeit. Briefe". Hanser Verlag, München 2013. 783 Seiten, 34,90 Euro

Jean Paul: "Ideengewimmel. Texte und Aufzeichnungen aus dem unveröffentlichten Nachlass". Andere Bibliothek, Berlin 2013. 301 Seiten, 19 Euro

Jean Paul: "Das große Lesebuch". Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2013. 463 Seiten, 12,99 Euro

Jean Paul: "Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Witz". C.H.Beck, München 2012. 90 Seiten, 12,95 Euro

Petra Kabus, Bernhard Echte (Hrsg.): "Das Wort und die Freiheit. Jean-Paul-Biografie". Nimbus Verlag, Wädenswil 2013. 420 Seiten, 39 Euro

Dieter Richter: "Jean Paul. Eine Reise-Biographie". Transit Verlag, Berlin 2012. 144 Seiten, 16,80 Euro

Günter de Bruyn: "Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter". S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2013. 352 Seiten, 21,99 Euro

Beatrix Langner: "Jean Paul. Meister der zweiten Welt. Eine Biographie". C.H.Beck, München 2013. 608 Seiten, 27,95 Euro

Christian Thanhäuser und Bernhard Setzwein: "Jean Paul von Adam bis Zucker. Ein Abecedarium". Haymon Verlag, Innsbruck 2013. 255 Seiten, 19,90 Euro

Helmut Pfotenhauer: "Jean Paul. Das Leben als Schreiben". Hanser Verlag, München 2013. 511 Seiten, 27,90 Euro

Michael Zaremba: "Jean Paul. Dichter nd Philosoph. Eine Biografie". Böhlau Verlag, Köln 2012. 335 Seiten, 24,90 Euro

Aber Jean Paul ist auch ein ungeheuer sinnlicher, gelegentlich kitschverdächtiger (da scheint schon mal ein Mond als „lächelnder Christuskopf“ auf ein liebendes Paar herab), vor allem wahnsinnig komischer Autor. Früh experimentierte er mit Montagetechnik und Selbstreferenzialität. Heute könnte man ihn am ehesten mit Thomas Pynchon vergleichen: ein Postmoderner in der Goethezeit.

Bekannter Unbekannter

Johann Paul Friedrich Richter, der sich aufgrund seiner Rousseau-Begeisterung in Jean Paul umbenannte, ist einer der bekannten Unbekannten der Literatur seiner Epoche.

Bereits im Todesjahr war es still um ihn geworden, und es sollte im Laufe des 19. Jahrhunderts noch stiller werden, bis sich Stefan George – und auch Hermann Hesse – knapp hundert Jahre nach seinem Ableben um eine Renaissance bemühten. Dabei landete er seinerzeit mit dem tränenfeucht-pathetischen Liebesroman „Hesperus“ einen Bestseller, der beinahe so bekannt wurde wie Goethes „Werther“.

Nach der Veröffentlichung 1795 setzte ein echter Jean-Paul-Kult ein, vor allem seine weiblichen Leser verfielen ihm der Reihe nach, und nicht wenige wollten ihn am liebsten ehelichen – sehr zum Unbehagen Goethes und Schillers übrigens. Letzterer bezeichnete ihn als „aus dem Mond gefallen“, und Goethe verspottete ihn als „Chinese in Rom“, sprich fränkisches Landei im klassizistischen Weimar, wo Jean Paul vorübergehend lebte.

Jean Paul, ein Vollblutskeptiker

Aber der hielt es dort persönlich eh lieber mit Herder und Wieland, dessen satirische Werke ihn genauso beeinflussten wie Laurence Sternes die literarische Moderne vorwegnehmender Roman „Tristram Shandy“. Der Autor der „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ war ein Vollblutskeptiker, dessen Denken Zeit seines Lebens tief mit der Aufklärung verbunden war.

Trotz allem philosophischen Gehalt hilft es, sich seinen Werken – frei nach Börne – nicht nur mit dem Geist, sondern auch mit dem Herzen zu nähern. Dem „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal“ zum Beispiel. „Eine Art Idylle“ nannte Jean Paul dieses frühe, genuine Werk, das bis heute immer noch gelesenen wird. Besagtes „Schulmeisterlein“ würde so gerne alle zeitgenössische Literatur verschlingen, kann sich aber kein einziges Buch leisten.

Buchklassiker Marke Eigenbau

Doch aus Not wird hier Tugend, Wutz schreibt sich die Bücher selbst – und erfindet kurzerhand den Inhalt. So stehen am Ende neben einer „Kritik der reinen Vernunft“ Marke Eigenbau auch „Werthers Freuden“ im Bücherschrank: Der frühe Entwurf einer Demokratisierung des Wissens, wie sie sich in digitalen Zeiten des Internets sukzessive verwirklicht. Überhaupt erinnern Jean Pauls labyrinthische Romane an scheinbar unendlich verlinkte Blogs. Ihr Autor strebte nach kultureller Globalisierung.

Im Jubiläumsjahr erscheinen nun zahlreiche Bücher, die die Möglichkeit bieten, es doch noch mal – oder auch mal wieder – mit Jean Paul zu versuchen. Für Einsteiger eignet sich besonders ein Jean-Paul-Lesebuch mit dem „Wutz“, der „Rede des toten Christus“, verschiedenen Romananfängen und mehr.

Endlich wieder greifbar ist der Band „Ideengewimmel“, in dem Texte aus dem gigantischen Nachlass des Vielschreibers enthalten sind. Günter de Bruyns neu aufgelegte Biografie von 1975 hat an Gültigkeit nicht verloren, auch wenn sich in der Jean-Paul-Forschung einiges getan hat und seither zahlreiche Briefe erschlossen wurden.

Frauenheld, schrulliger Kauz und machistischer Alkoholiker

„Erschriebene Unendlichkeit“ heißt ein umfangreicher Auswahlband, der zeigt, dass die geschliffenen Briefe Vorstufen für spätere Werke darstellen. Wieder sind es vor allem vornehme Damen, die sich um einen Briefverkehr bemühen, um in seinem Werk verewigt zu werden.

Keine Frage, der aus ärmsten Verhältnissen stammende Jean Paul war ein Frauenheld – wenn auch der Verkehr mit dem anderen Geschlecht meist platonisch verlief. In jungen Jahren war er ein Rebell, der seine Hemden „à la Hamlet“ mit offener Brust trug, später schrulliger Kauz, machistischer Ehemann und an Diabetes und Migräne leidender Alkoholiker. Immerhin war er der erste freie Schriftsteller, der (anders als Lessing) von seinem Schreiben auch leben konnte.

Und er konnte nicht leben, ohne zu schreiben. Als eine Art Komplementärbuch zu de Bruyns Klassiker liest sich Helmut Pfotenhauers vorzügliche Biografie, die ihrem Untertitel „Das Leben als Schreiben“ folgend die fließenden Grenzen zwischen Erlebtem und Erdichtetem abtastet. Lesenswert ist auch Michael Zarembas fundierte und kompakte Lebensbeschreibung. Beatrix Langner wiederum ist in ihrer Biografie zwar sehr ausführlich, allerdings vermisst man in ihren teils blumig geratenen kulturgeschichtlichen Abschweifungen so etwas wie den Jean Paul’schen Witz. Kurios kommt Dieter Richters Reise-Biografie daher, die im Wesentlichen aus Briefpassagen des reisenden Jean Pauls besteht. Ein Abecedarium namens „Jean Paul von Adam bis Zucker“ bietet eine humoristische Orientierungshilfe, während eine Bildbiografie namens „Das Wort und die Freiheit“ den Schriftsteller und sein bewegtes Leben plastisch vor Augen führt.

In gewisser Weise hatte Schiller wohl recht mit der Behauptung, Jean Paul sei aus dem Mond gefallen. Dieser großartige Schriftsteller war eben seiner Zeit voraus.

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