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Maja Göpel über Wege aus dem Wahnsinn Gegen die Shitshow

Das Grundgefühl des Niedergangs ist strategischer Bestandteil einer autokratischen Zeitenwende. Deshalb gilt es, sich der meckernd-kapitulierenden Brandbeschleunigung zu verweigern.

taz FUTURZWEI | Alles Mist? Nix mehr zu holen? Aufgeklärtes Versumpfen im Weltuntergang? Seufzend ein „aufgegeben haben“ verkünden – oder einfach ganz offen daran arbeiten, die eigenen Vorteile für noch mehr Vorteile zu nutzen?

Gesellschaftlich auschecken, alles andere hat doch keinen Zweck mehr. Und, ja, ich kann es fühlen. Noch vor vier Jahren hätte niemand geglaubt, dass so eine unfassbare Shitshow auf dem Weg ist. Da wirkte es noch wie einzelne Krisen und nicht wie eine autokratische Zeitenwende.

Aber Auschecken und Weltuntergangssound, das hören wir von Historikern und Populismusforscherinnen, ist leider strategischer Bestandteil eben dieser autokratischen Zeitenwende. Warum? Weil ein dauerhafter Abgesang dazu führt, dass sich Angst, Ohnmacht und Aggression verbreiten.

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Die offene Gesellschaft liegt gegen Rechtspopulisten und Autoritäre höher im Rückstand, als sie wahrhaben will und es bleibt nicht mehr viel Zeit. Politik und Gesellschaft wirken gelähmt. Wir analysieren die Blockaden, suchen Auswege und finden Handlungsspielraum.

Mit: Hartmut Rosa, Maja Göpel, Daniel Cohn-Bendit, Karoline Eichhorn, Alina Frieske, Ruth Fuentes, Dana Giesecke, Diana Kinnert, Reinhard Loske, Wolf Lotter, Anna-Verena Nosthoff, Lukas Rietzschel, Uwe Schneidewind, Harald Welzer u. v. m..

Drei nicht besonders gute Zutaten für konzertierte Krisenbewältigung, sondern Brennstoff für einen Typ Anführer, der diese Gefühle mit „harter Hand“ einfängt: endlich greift einer durch, schafft wieder Ordnung, verteidigt die Ansprüche. Das Grundgefühl des gesellschaftlichen Niedergangs und der Aufstieg autokratischer Führungsfiguren sind ein klassisches Tandem.

Apokalypse – gerne auch faktenfrei

Deshalb fokussiert sich zum Beispiel die russische Social Design Agency auf Weltuntergangsbeiträge, garniert mit skandalisierenden Unterstellungen gegenüber politischen Entscheidern oder etablierten Institutionen. Gerne faktenfrei. So kann den negativen Emotionen richtig Aufwind verliehen und das Misstrauen in demokratische Regelsetzung so aufgeblasen werden, dass autokratische Systemsprenger mehrheitsfähig werden.

Und damit dieses Ziel nicht zu schnell durchschaut wird, braucht es ein paar Erzählungen, die Systemsprengen als etwas Großes mit kollektivem Stolzversprechen verkaufen.

Zum Beispiel als nächste Stufe der „menschlichen Evolution“ – Favorit der TechBroligarchen. Oder eine erneut vergoldete „Westliche Zivilisation“ – Liebling der aktuellen US-Administration. Wichtig ist, eine eher kleine, aber ausreichend mächtige Gruppe von Menschen als Mitspieler zu gewinnen und dafür die Eintrittsbarriere unter „hey, mach mit uns Autokratie“ zu halten.

Dafür eignen sich zwei grundlegende Glaubenssätze, die von Vordenkern aus dem Silicon Valley als „Dunkle Aufklärung“ oder „Dark MAGA“ in elitären Zirkeln verbreitet werden.

Maja Göpel

Maja Göpel ist Politökonomin, Bestsellerautorin u. a. mit ihren Büchern „Wir können auch anders“ (2022) oder „Werte“ (2025) sowie Gründerin des Science-Society-Netzwerks Mission Wertvoll. Sie schreibt regelmäßig die Kolumne „Neue Ideen, Neue Allianzen“ in taz FUTURZWEI.

Der erste Grundsatz: das Nullsummenspiel. Mögliche Kompromisszonen werden mit gnadenlosem Entweder-Die-oder-Wir verstellt. Die liberale Idee von These-Antithese-Synthese ist schlicht nicht vorhanden.

Entweder der ineffiziente linke Wahnsinn der letzten Jahrzehnte oder die harte Hand eines genialen CEO-Staatslenkers, der mit einem A-Team von Erfolgsunternehmern wieder Ordnung schafft. Ordnung schaffen beinhaltet eine technologische Umwälzung allen Lebens, horrendes Geldverdienen als Ausweis von Erfolg und die dafür nötige Rücksichtslosigkeit gilt als Stärke. Gesellschaftliche Erneuerung entlang partnerschaftlicher Werte und demokratischem Aushandeln von Freiheiten gibt es nicht, weshalb auch vormals nüchterne sozialwissenschaftliche Strukturkategorien wie „Privilegien“ oder „Diskriminierung“ als Angriff auf hoch verdiente Lebensstile oder Rollen politisiert werden.

Der Verlust von Sachlichkeit ist selbst ein wirkungsvolles Instrument, da es natürlich für privilegierte Personen besonders einfach ist, die Lautstärke und Tonart hochzufahren, wenn sie eine Diskussion darüber beenden möchten. Im Extremfall – wie bei Donald Trump oder Elon Musk zu beobachten – wird auch systematisches Lügen normalisiert: Regeln gelten nur für die da unten, starke Männer haben es gar nicht nötig, sich an Normen und Umgangsformen für die breite Masse messen zu lassen.

Überlegenheitskomplex und Weltuntergangssound

Womit wir beim zweiten Glaubenssatz angekommen sind, dem Überlegenheitskomplex. Wenn einige Auserwählte doch schlicht so viel genialer sind als der mittelmäßige Rest, dann sollten sie sich von Empathie oder Mitbestimmung nicht einschränken lassen, schon gar nicht, wenn es um goldene Zukünfte geht. Die Botschaft der Dunklen Aufklärung lautet also: du kannst linker Verlierer oder rechter Gewinner sein und der Code des Gewinnens, der wird von uns geschrieben.

Verbinden wir das jetzt wieder mit dem allgemeinen Weltuntergangssound, dann sehen wir, warum er als Brandbeschleuniger wirkt: nicht nur wird die breite Masse noch mehr in Angst, Ohnmacht und Aggression getrieben und ordnungsstiftende Härte attraktiver, er eröffnet für Privilegierte eine Art Rücksichtslosigkeitsrealismus: wenn es doch wirklich so schlimm ist, dann heiligt der Zweck die Mittel.

Die nächste evolutionäre Stufe der Menschheit und das Wiedervergolden des Westens hört sich doch auch gar nicht so schlecht an, zumal ein von Realwerten entkoppelter Finanzmarkt all denen, die Geld besitzen, erlaubt, im Zuge des kleptokratischen Codierens der dunklen Gewinner ordentlich mitzuverdienen. In die ineffizienten Alternativen zu investieren bringt ja eh nix. Und so sinkt die Eintrittsbarriere.

Und genau deshalb finden sich all diejenigen in einer besonders harten Situation, die Empathie, Nachhaltigkeit und Demokratie weiter für die bessere Antwort auf die Fragen halten, was uns Menschen ausmacht, wie Krisen bewältigt und zukünftiges Zusammenleben funktionieren können. Die Shitshow tut weh. Anständige Regeln des Miteinanders werden bewusst zerstört und das Versprechen verunglimpft, menschliche Würde gelte auch unabhängig vom Bankkonto.

Natürlich braucht es dann Wege, diesen Schmerz auszudrücken. Aber bitte nicht als aufgegeben habenden Abgesang als zusätzlichen Brandbeschleuniger der autokratischen Agenda.

Helle Aufklärung als Gegenentwurf

Was die Helle Aufklärung stattdessen braucht, sind andere Zutaten. Zum einen stoisches Durchhaltevermögen, das die Aufmerksamkeit auf wertschätzende Umgangsformen und funktionierende Alternativen legt, anstatt Zeit und Energie an jeden inszenierten Tabubruch der Autokraten zu verschenken. Das heißt nicht, diese zu ignorieren, aber statt jedes Mal maximale Aufregung reicht eine Randnotiz mit „weiterer Beweis“ um dann Beispiele in den Fokus zu nehmen, die den Raum in der kompromissbereiten Mitte auszuleuchten. Folgende drei Leitplanken können dabei helfen.

1. Wirtschaftliche Wertungen erden: Wir sehen eine Renaissance rein monetärer Leitindikatoren und Erzählungen wie dem Bruttoinlandsprodukt, die auch dann Wirtschaftlichkeit verkünden lassen, wenn soziale und ökologische Schadschöpfung rasant ansteigen. Die direkte Attacke der US-Administration auf alle EU-Regeln, die Wirtschaftlichkeit endlich mit Transparenz über ökologische und soziale Effekte verbinden wollen, ist Teil der Rücksichtslosigkeitsagenda. Der Mitte-Fokus bleibt klar dabei, dass „Erfolg“ nicht blind nach Geldwerten deklariert wird, sondern Substanz bilanziert. Wer wirklich gut ist, zeigt das auch ganzheitlich.

2. Wirklichkeitsentwertung aufhalten: die identitätsbasierte Politisierung wissenschaftlicher Befunde begünstigt rücksichtsloses Handeln, da nicht mehr unabhängig und methodisch transparent arbeitende Instanzen der Meinungs- und Willensbildung dienen, sondern die Quelle, die mir passt – oder eben einfach eine Person, die mir passt. Also sachlich und wirkungsorientiert bleiben, naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind keine Ideologie und ein besonnener Blick auf sozio-ökonomische Verteilungseffekte kann dabei helfen, auf Chancengerechtigkeit hinzuarbeiten, anstatt sich in Lebensstilkämpfe verwickeln zu lassen. So können auch viele Personen mit Abstiegsangst wieder als eine große Gruppe adressiert werden.

3. Wertekrise parieren: es ist nicht normal, öffentliche Ämter für Partikularinteressen und Vetternwirtschaft zu nutzen, das ist Ausdruck des Überlegenheitskomplexes. Umgekehrt ist es auch keine rationale Reaktion, jede Einschränkung meiner persönlichen Wünsche als Zeichen bürokratischer Überregulierung, Freiheitsberaubung oder Repression zu bezeichnen. Hier sind besonders die privilegierten Personen unserer Gesellschaft gefragt, der Erosion der Umgangsformen entgegenzuwirken: moralische Revolutionen wirken erst dann durchschlagend, wenn auch Gewinner einer Praxis diese verurteilen.

Wie und wann genau eine Helle Aufklärung politische Mehrheit wieder besser in Zukunftspolitik umsetzen wird, das können wir natürlich nicht voraussehen.

Sich der meckernd-kapitulierenden Brandbeschleunigung verweigern, das können wir aber alle jeden Tag. Es ist nicht nur gesellschaftlich wertvoll, dass der Raum in der Mitte und eine andere Zukunftserzählung sichtbar bleiben.

Es hebt auch die eigene Laune, wenn die Suche nach dem nächstmöglichen Schritt – und sei er noch so klein - zum Ritual wird. Darüber reden tut das erst recht.

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