Begegnung mit dem Autor Jochen Schimmang: Paperback Writer
Zu seinen Leitmotiven gehört es, sich aus der Welt davonzustehlen. Jetzt hat Jochen Schimmang ein neues Buch geschrieben. Eine Begegnung in Oldenburg.
Jochen Schimmang holt mich vom Bahnhof ab und betätigt sich mit feiner Ironie als Fremdenführer durch sein Oldenburg. Viel kann er mir nicht zeigen, es ist nicht weit zu seiner Wohnung in dem pittoresken ehemaligen Handwerkerviertel etwas oberhalb des Pferdemarktes. Immerhin am schönen Programmkino Casablanca kommen wir vorbei. Als er mich später wieder zurück zum Zug begleitet, geraten wir in einen Wolkenbruch und stellen uns unter die Kino-Markisen. Der freundliche Filmvorführer gewährt uns schließlich Obdach.
Er habe auch gerne in Berlin, Bochum und Köln gelebt, erzählt mir Schimmang, aber hier fühle er sich mittlerweile tatsächlich „zu Hause“. In einem seiner Bücher wäre jetzt vielleicht eine kleine Abschweifung fällig, um das mitschwingende Heimat-Pathos zu dimmen.
Im Hausflur ein Treppenlift. Seine Frau Sabine, die man aus seinen Büchern kennt, kommt mir im Rollstuhl entgegen und begrüßt mich mit blitzenden Augen. Sie ist die Lebenslustigere in dieser Ehe, kommt mir in den Sinn. Der Gedanke ist in etwa so anmaßend wie die Idee, einen Schriftsteller am Platz seines Schaffens aufzusuchen, um seinem Werk dadurch womöglich noch näher zu kommen.
Das Buch
Jochen Schimmang: „Die Versehrten springen nicht vom Zehner“. Erzählungen. Edition Nautilus, Hamburg 2026. 204 Seiten, 24 Euro
Aber Schimmang kennt den Literaturbetrieb lange genug, er spielt bereitwillig mit und umschifft jede potenzielle Peinlichkeit mit Jovialität und Herzlichkeit. „Das ist mein Arbeitszimmer, Schlafzimmer und meine Bibliothek“, erklärt er, als er mir einen Platz anbietet.
Proust-Lektüre mit vierzehn
In seinem neuen Buch mit autobiografischen Erzählungen „Die Versehrten springen nicht vom Zehner“ erzählt er von seiner ersten Proust-Lektüre mit vierzehn. Mittlerweile hat er die „Recherche“ dreimal gelesen. „Ich wollte ganz früh Schriftsteller werden und mich hat immer zunächst die Sprache gefangen genommen, wenn nicht, dann habe ich das Buch eben weggelegt. Die Sprache, um es ein bisschen plakativ zu sagen, muss stimmen, das ist das Material, mit dem wir arbeiten. Nicht der Plot und vor allen Dingen nicht irgendeine Botschaft, die man vermitteln will. Das kann man ja machen. Aber dann soll man einen Flyer schreiben oder heute in die sozialen Medien gehen. Sprache stand für mich immer an erster Stelle.“
Seiner eigenen Prosa merkt man diese frühe Schule durchaus an. Schimmang erzählt tastend, abwägend, betrachtet die Phänomene von mehreren Seiten und wartet darauf, was sie in ihm imaginativ auslösen. „Ja, das ist sicherlich auch durch Proust vermittelt worden“, räumt er ein, „aber diese Methode, die Sachen zu umschleichen und 33 Umwege zu nehmen kommt auch von Lars Gustafsson. Gustafsson war rein von der Entwicklung, vom Know-how, für mich ein ganz wichtiger Autor. Ich habe bei ihm gelernt, auf wie vielfältige Art und Weise man erzählen kann. Heute ist das sowieso klar, wir kennen alle diese hybride Form, jeder Roman ist ein halber Essay. Es erzählt doch jetzt keiner mehr ganz naiv eine Geschichte herunter, sondern der Autor ist zugleich auch sein eigener Kommentator.“
In der Erzählung „Unverhoffte Sehnsucht“ kehrt er noch einmal zurück zu seinen Anfängen als Schriftsteller, nach Bochum Mitte der Siebziger Jahre, in das er geflohen war, um seiner Berliner K-Gruppe zu entkommen und wieder am richtigen Leben teilzunehmen. Schimmang beginnt ein Zweitstudium, Psychologie, geht aber schon bald nicht mehr hin und widmet sich stattdessen ernsthaft dem Schreiben.
„Um sich durchzusetzen, benötigt man, glaube ich, am Anfang immer eine gehörige Portion Größenwahn. Ich habe also meine Texte an den einzigen Verlag geschickt, der damals für mich in Frage kam, nämlich Suhrkamp. Ich habe einfach unglaubliches Glück gehabt, ich hatte ja keinen Vermittler, keinen Agenten, die gab es damals noch nicht, und auch keinen gestandenen Autor als Fürsprecher. Ich habe mich selbst empfohlen, und zwar tatsächlich, indem ich als Anschreiben die ersten beiden Strophen von,Paperback Writer' von den Beatles genommen habe. Ich habe sonst nichts weiter dazu geschrieben.
Und ich hatte das Glück, dass der Lektor Hans-Ulrich Müller-Schwefe eben auch noch relativ neu in dem Verlag war und noch Entdeckungen machen wollte und sich Manuskripte wahrscheinlich noch sehr viel gründlicher angeguckt hat, als er es später getan hat. Irgendwann wird es einem zu viel. Ich habe ihn 1975 oder 76 zum ersten Mal in seinem Verschlag besucht, da passten gerade zwei Leute rein, er und ich. Er ist auch eine ziemlich zarte Erscheinung. Ansonsten stapelten sich Bücher und Manuskripte bis an die Decke. Man musste Angst haben, dass es über einem zusammenbricht.“
Ein grandioser Einstand
Mit Müller-Schwefe entwickelt sich eine produktive Partnerschaft, die in Schimmangs Debütroman „Der schöne Vogel Phönix“ mündet. „Immer wenn ein Teil fertig war, habe ich ihm den geschickt. Er hat unheimlich viel gestrichen, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Das war schon unser gemeinsames Kind, dieser Text.“ „Der schöne Vogel Phönix“ ist ein grandioser Einstand. Die Rezensionen sind überaus wohlwollend, der Roman verkauft sich 30.000-mal. Die deutsche Gegenwartsliteratur hat offensichtlich auf Jochen Schimmang gewartet.
Aber solche Auflagenhöhen bleiben in der Folge eher die Ausnahme. Seine sprachbewusste, selbstreflexive Literatur rechnet eher mit einem erlesenen, kleineren Publikum, den happy few sozusagen. Im angelsächsischen Raum gibt es dafür den Begriff des writerʼs writer.
„Dass ich ein sehr publikumskompatibler Autor bin, habe ich nie geglaubt“, räumt er ein. „Aber ich höre jetzt immer häufiger, und das könnte ja auch für normale Leser von Interesse sein, dass ich einen ganz bestimmten Sound habe, der so unverkennbar ist, dass man ihn nach ein paar Sätzen erkennt – und dass offensichtlich eine angemessene Zahl von Lesern diesen Sound liebt.“
„Das Beste, was wir hatten“ (2009), sein großer, nostalgisch gestimmter Roman über den Verlust der Rheinischen Republik, war noch so ein privater Bestseller und der noch jungen Geschäftsbeziehung mit der Edition Nautilus sicher nicht abträglich. Nach Stationen bei Suhrkamp, der Frankfurter Verlagsanstalt und Schöffling hat er bei den Hamburgerinnen jetzt endlich sein verlegerisches Zuhause gefunden.
Ein verstorbener Beinahe-Freund
Eine andere Erzählung aus dem neuen Buch „Requiem für einen Solitär“ widmet sich dem wenig bekannten Essayisten Christian Linder. „Er war kein Außenseiter. Er hat sehr viel gemacht, gerade für den Rundfunk und hatte durchaus seinen Platz im Betrieb. Aber er hat nicht dasselbe gemacht wie die anderen. Er hat nie wirklich eine Rezension geschrieben mit den üblichen Versatzstücken. Ich kenne das ja nun aus eigener Erfahrung bis zum Erbrechen. Das waren immer völlig andere Ansätze, mit denen er an Autoren und auch an Bücher herangegangen ist.“
Schimmang nähert sich behutsam dem 2024 verstorbenen Beinahe-Freund, indem er dessen eigene Methode der biografischen Schnitzeljagd auf ihn anwendet. Linder glaubt: „Ein Schriftsteller ist jemand, der exemplarisch darunter leidet, dass er sein Leben nicht erzählen kann.“ Deshalb muss er es literarisch camouflieren, und der Interpret ist gehalten, dieses Rätsel zu lösen.
Schimmangs „Mutmaßungen über Christian“ lesen sich so suggestiv – da ist der abwesende Vater, den die Mutter vor dem Sohn versteckt, weil er nicht gut genug ist, und der Sohn, der diese Lücke ausfüllen muss –, dass ich mir schließlich die Frage stelle, ob er hier eine exemplarische Analyse vorlegt, eine Art Ermunterung, seine Person und sein Werk auf dieselbe Weise zu durchleuchten.
Sollen wir den im Werk verborgenen Rätsel Schimmangs auf die Schliche kommen? „Also, ich ich weiß es nicht genau. Wenn es das gäbe, wäre ich wahrscheinlich gar nicht erfreut, wenn jemand das herausbekäme, ich würde das wohl gerne weiter verstecken wollen. Aber ich weiß nicht, ob ich es habe. Ich war natürlich jetzt, als ich dieses Requiem für Christian geschrieben hatte, aufgerufen darüber nachzudenken. Sagen wir es mal so: Ich möchte Ihnen die bisherigen Ergebnisse nicht mitteilen.“ Das habe ich mir schon gedacht, zumal es uns den Spaß an der Spurensuche verderben würde.
Beobachtung aus dem Versteck heraus
Zu einem der Leitmotive in Schimmangs Werk gehört das Verschwinden, der Impuls, sich aus der Welt davonzustehlen, um sie aus dem Versteck heraus genauer beobachten zu können als bei einer aktiven Teilhabe. In der letzten Geschichte „Heimkehr eines Badegastes“ geht es um das endgültige Verschwinden. Der Protagonist fährt mit dem Zug nach Ostende, genießt seine Fahrt dorthin, den Aufenthalt und geht am Ende, mit sich selbst im Reinen, ins Wasser. Ein seltsam froher Suizid ist das.
In seiner Bochum-Reminiszenz zitiert Schimmang Wolfgang Hildesheimers Roman „Das Paradies der falschen Vögel“: „Am besten sind die dran, die nie geboren sind. Aber das kommt unter tausend Fällen höchstens zwei- bis dreimal vor.“
Ist der Impuls des Verschwindens womöglich auch so eine Art existenzieller Selbstschutz? Einer, der sich absichtlich an den Rand begibt, greift möglichen Verletzungen vor und holt sich damit ein Stück Kontrolle zurück. Nicht die haben mich da hingestellt, ich habe es selbst getan. Damit könnte viel mehr gemeint sein als Schimmangs Position im Literaturbetrieb.
Seine autobiografischen Erzählungen aus den beiden Bänden mit „Geländegängen“ und „Die Versehrten springen nicht vom Zehner“ füttern nachgerade solche Spekulationen. Aber sie sind auch nur eine weitere Lesart, noch ein Spaß mehr, den man mit diesem Werk haben kann. Man könnte ja auch sagen, ein Buch, das mir die Welt aufschließt, sich bestenfalls sogar in meine Vita einmischt, hat doch schon alles, was es braucht. Ich muss nicht mehr wissen, was der Autor dazu sagt und denkt.
Für Schimmang kein Problem. „Es bleibt immer dem Leser überlassen, wie er an Literatur herangeht. Dessen Rolle wird ja sowieso haltlos unterschätzt.“ Allerdings nicht von ihm.
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