: NeueZweigefürihrGrab
Als Ende Juli kurz die Grenze nach Ceuta offen ist, versuchen Tausende Marokkaner:innen, nach Spanien zu kommen. Viele sterben, auch die 26-jährige Fußballerin Faten El Azizi. Das ist ihre Geschichte
Foto: Christian Jakob
Aus Ceuta und Tétouan Christian Jakob
Blumen liegen hier keine. Nichts soll vom Gebet für die Verstorbenen ablenken. Stattdessen gibt es grüne Myrtenzweige. Ihre kleinen Blätter erinnern an Lorbeer, die Zweige sind schlicht, so wie die Tausenden Gräber auf dem Hauptfriedhof von Tétouan im Norden Marokkos. Dicht an dicht liegen sie auf dem Hang am Fuß des Jebel Dersa, des Hausbergs der Stadt.
Die Myrtenzweige sind das Geschäft von Jamila Ben Omar El Aziz. Auf einer Plane vor ihren Füßen liegt ein großer Stapel. Daneben stehen ein Dutzend 5-Liter-Wasserflaschen. Auf dem Kopf trägt Jamila den Chachiya Jeblia, den großen Strohhut der Frauen des Rifgebirges. Dunkle Wollbänder laufen sternförmig vom Kopf zur breiten Krempe. So steht sie an diesem Freitagmorgen am südlichen Haupteingang des Friedhofs und wartet. Hin und wieder kommen Menschen vorbei. Sie umarmen Jamila still. Dann gehen sie weiter. Fast jeder in der Stadt kennt ihre Geschichte.
Jamila hatte gesagt, sie wolle nicht weg an diesem Vormittag. Freitags, vor dem Gebet, besuchen die meisten ihre Toten. Die wollte Jamila nicht verpassen. Wenn Kundschaft da ist, gießt sie Wasser über die weißen Fliesen der Grabeinfriedung, um den Staub abzuspülen, der aus der nahen Küstenebene herüberweht. Dann nimmt sie die vertrockneten Myrtenzweige von den Gräbern, legt frische hinein und bekommt dafür einige Dirham als Lohn.
Doch es ist so wenig los, dass sie die Zweige schließlich liegen lässt und durch das Tor zur Straße geht. „Komm“, sagt sie nur.
Die Hauptstraße, die am Friedhof vorbei in Richtung der Altstadt führt, ist benannt nach Mohammed Ameziane. Der hatte 1912 in Tétouan den zweiten großen Aufstand der Amazigh, der Rifberber, angeführt. Sie wollten die spanischen Kolonialherrscher vertreiben. Spanien aber blieb. Es ist immer noch da in Tétouan. Vor allem in den Köpfen.
Jamila läuft die Avenue Mohammed Ameziane stadtauswärts. Es sind nur wenige Meter zu einem mit Büschen bepflanzten Kreisverkehr, an dem Sammeltaxis warten. Sie überquert einen Zebrastreifen, läuft vorbei am Café al Mers, wo rauchende Männer auf Plastikstühlen hocken. Dann steht sie vor einem Hauseingang und entriegelt eine schwarz lackierte Metalltür. Sie steigt schnaufend die schmalen Stufen hinauf, ihre Wohnung liegt im ersten Stock. Fliesen am Boden und an der Wand, darüber Tapeten in Seidenoptik. Glühbirnen ohne Schirm hängen an Kabeln aus der Decke. Außer einem schwarzen Kunstledersofa gibt es keine Möbel. An einer Seite des Raums liegen gestapelte Matratzen. Bilder an den Wänden zeigen drei junge Männer, zwei junge Frauen.
Jamila setzt sich auf das Kunstledersofa. Sie deutet auf die Wände. Alles hier habe sie selbst gemacht. Jetzt, wo die Wohnung so schön sei, wolle der Vermieter mehr Geld. Wie zur Strafe. Sie könne es kaum bezahlen.
Sie zeigt Richtung Kreisverkehr. An jenem Tag, vor sechs Wochen, habe es in der Luft gelegen. Alle hätten davon gesprochen. Die Straße sei voller junger Leute gewesen, die nach Ceuta wollten, in die nahe gelegene Enklave Spaniens. Jamila sprach mit ihrem Sohn darüber. Montaser, 31, lebte bei ihr, er war arbeitslos, wie so viele hier. Sie zeigt auf das Foto eines jungen Mannes mit Seitenscheitel, dünnem Oberlippenbart, hochgeknöpftem Hemd mit Stehkragen.
Die Grenze ist offen, sagt sie an jenem 30. Juli zu ihm.
Jamilas ältester Sohn ist schon vor längerer Zeit nach Spanien gegangen. Seine Familie hat er in Tétouan zurückgelassen. Er lebt heute in Ávila, in der Nähe von Madrid. Dorthin will auch Montaser. Nun bietet sich womöglich die Gelegenheit.
Ihre Töchter hören das Gespräch mit an. Faten ist 26 Jahre alt, Amira 15. Bis zu jenem Donnerstag leben sie zusammen mit ihren Brüdern Jawal und Montaser und ihrer Mutter Jamila in der Wohnung mit den Mosaikfliesen, die heute wirkt, als wäre sie ausgeräumt.
Wenn alle gehen, dann gehen wir auch, sagen die beiden jungen Frauen.
„Ihr nicht“, sagt Jamila. „Euer Bruder ja, aber ihr nicht.“
Es nützt nichts. Faten ruft eine Freundin an. Zu viert brechen sie auf: Montaser, Faten, deren Freundin und Amira, die jüngste Tochter. Die Sammeltaxis, die sonst hier am Kreisverkehr starten, sind längst alle weg, so viele Menschen sind Richtung Ceuta unterwegs. Kurierfahrer bieten die Strecke auf den Ladeflächen ihrer Transporter an. 40 Minuten dauert die Fahrt, vorbei am Flughafen, an Ferienanlagen entlang der Küste, die auch jetzt, am Ende des Sommers, erstaunliches Grün tragen, vorbei an dem kleinen Jachthafen von Marina Smir. Dann erreicht die Gruppe Fnideq, die letzte Stadt vor der Grenze.
Montaser geht allein weiter, zu den Grenzanlagen, die bald offen stehen, warum auch immer.
Faten, ihre Freundin und Amira gehen zum Strand.
Am Strand sei die Familie oft gewesen, sagt Jamila. Das Meer ist nicht weit von Tétouan. Ihre Kinder konnten gut schwimmen, sagt sie.
An der Grenze von Marokko und Spanien ist eine Betonmauer weit ins Meer gebaut. Große Felsbrocken liegen um ihren Sockel. Wer nach Ceuta schwimmen will, muss sie umrunden. Tausende Menschen gehen an diesem Tag ins Wasser. Faten erreicht einen Fels. Amira kommt nicht weiter. Faten geht zurück ins Meer, will ihr helfen, so berichtet Amira es später. Dann sieht Amira sie nicht mehr. Sie erreicht den Strand auf der spanischen Seite allein.
11 Leichen birgt die marokkanische Polizei an diesem Tag. Insgesamt sollen laut NGOs über 140 Menschen an diesem Tag beim Versuch, die Grenze zu überqueren, gestorben sein.
Am Morgen des 31. Juli bittet Jamila ihre Schwester, Fatens Tante, eine weibliche Leiche in der Leichenhalle von Tétouan zu identifizieren.
12 Jahre alt ist Faten, als der Vater stirbt. Kurz darauf geht das Mädchen von der Schule ab. Sie muss Geld verdienen. „Seitdem hat sie mit mir auf dem Friedhof gearbeitet“, sagt Jamila. „Wir waren das ganze Leben zusammen.“
Wenn sie nicht mit ihr auf dem Friedhof ist, spielt Faten Fußball. „Sie ist immer im Fußballtrikot herumgelaufen, auch auf dem Friedhof.“ Erst spielt sie auf der Straße, dann in Jugendmannschaften, mehrere Jahre in der regionalen Frauenliga für den Club Moghreb Atlético Tétouan. „Das war ihr Traum“, sagt Jamila.
Die Schuhe muss sie selber kaufen. Zu den Heimspielen kommt die Mutter immer mit, die Auswärtsspiele im Norden Marokkos – in Tanger, Chefchaouen, Aslihah – sind ihr zu weit.
Später wechselt Faten zum Verein Ittihad Tanger. Jeden Sonntag fährt sie nun mit dem Bus zum Training in das 60 Kilometer entfernte Tanger, 1,5 Stunden hin, 1,5 Stunden zurück. Zu den Spielen fährt Jamila dann nur noch selten.
Die Wahl
Bei der Parlamentswahl am Mittwoch gewann die monarchistische Partei PAM 97 von 395 Sitzen. Es folgten die Mitte-rechts-Parteien RNI und Istiqlal. Die islamistische Partei PJD konnte die Zahl ihrer Sitze mehr als verdoppeln
Die Wahlbeteiligung
Die offizielle Wahlbeteiligung war mit nur 38 Prozent so niedrig wie seit fast 20 Jahren nicht. Tatsächlich lag sie noch niedriger, weil fast elf Millionen Menschen nicht zur Wahl registriert waren. Vor allem die Jungen gelten als politikverdrossen, das Misstrauen in Parteien ist groß. Viele wollen das Land verlassen. (cja)
Als Fußballerin ist Faten in Tétouan bekannt.
Warum wollte sie weg?
„Sie hatte keine Arbeit. Es gibt hier nichts“, sagt Jamila.
20 Euro verdienten die beiden auf dem Friedhof pro Tag, 30 Euro an guten Tagen. Für Siege beim Fußball gab es manchmal etwas Geld vom Verein. Das habe sie der Mutter gegeben.
„Die junge Generation denkt, sie findet in Spanien den Reichtum, den sie hier nicht bekommt“, sagt Jamila.
Vielen jungen Marokkaner:innen erscheint Spanien wie die Antwort auf ihre Probleme: Bei 38 Prozent liegt in Marokko die Jugendarbeitslosigkeit, fast 80 Prozent der unter 30-Jährigen arbeiten im informellen Sektor, also ohne soziale Absicherung und meist ohne Registrierung. Im Schnitt verdienen sie dabei etwa 230 Euro im Monat. Auf fast 13 Prozent summiert sich die Inflation seit 2022. Von den enormen Einkünften, etwa aus dem Tourismus – kein afrikanisches Land hat mehr Besucher – und den Milliarden aus dem Rohstoffverkauf profitiert vor allem eine kleine Elite. Die Regierung investiert in Prestigebauten für die Fußball-WM im Jahr 2030. Über 250.000 junge Menschen sollen sich 2025 an den Gen-Z-Protesten im Land beteiligt haben. Der Staat reagierte mit Gewalt, Tausenden Festnahmen und Verfahren.
Das Spanien, in das viele junge Marokkaner:innen auch aus diesen Gründen heute wollen, ist mit ihrem eigenen Land auf das Engste verwoben. Vor allem Spaniens Süden, Andalusien, stand rund 800 Jahre unter muslimischer Herrschaft. Viele der Herrscher und Truppen kamen aus dem Gebiet des heutigen Marokko. Kämpfer aus dem Gebiet des heutigen Spanien wiederum zerstörten im Jahr 1399 Tétouan. Die Stadt wurde wiederaufgebaut von Menschen, die aus dem heutigen Andalusien flohen, als die maurische Herrschaft dort 1492 zu Ende ging. In den folgenden Jahrhunderten kamen immer mehr Menschen aus dem heutigen Spanien nach Tétouan – und Spanien eroberte gleichzeitig immer mehr Gebiete im Norden Marokkos. 1860 wurde Tétouan erstmals spanisch, 1912 dann zur Hauptstadt des Protektorats Spanisch-Marokko.
In Spanisch-Marokko entstand eine nationalistische Militärkultur, viele der Offiziere hier sahen sich als „Retter Spaniens“. Die Gewalt, mit der sie die Kolonialherrschaft durchgesetzt hatten, brachten sie später mit in den Spanischen Bürgerkrieg. Von Tétouan aus stürzten sie die demokratische Zweite Spanische Republik.
Zugleich bauten die Spanier das Viertel Ensanche, das heutige Zentrum Tétouans. Läuft man von dort zur Altstadt, der Medina, werden die breiten Straßen nur langsam schmaler und voller, die Häuser niedriger. Eine echte Grenze ist kaum zu erkennen. Spanische Spuren findet man überall in der Stadt. 1913 eröffneten die Spanier das Stadion Saniat Rmel. Hier spielte der einstige spanische Club Atlético Tetuán. Nachdem Spanisch-Marokko 1956 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, ging aus dem Club der heutige Verein Moghreb Atlético Tétouan hervor – in dem auch Faten El Azizis Ex-Mannschaft spielt. 20 Minuten sind es zu Fuß von ihrer Wohnung zum Stadion.
Französisch, die zweite marokkanische Amtssprache, spricht in Tétouan kaum jemand. Wenn die Menschen neben Arabisch ein paar Worte einer anderen Sprache können, dann ist es Spanisch, das auch in der Schule gelehrt wird.
Jamila El Azizi, Mutter von Faten El Azizi
Die Straße von Gibraltar, die Afrika und Europa hier an der schmalsten Stelle des Mittelmeers trennt, war seit jeher weniger eine geografische Barriere als vielmehr eine Verbindung. Sie wurde für Eroberung und Unterwerfung ebenso genutzt wie für Austausch und Handel. So entstand ein Raum, den die Überlagerung stärker geformt haben dürfte als die Abgrenzung.
Wer sich heute der Nordspitze Afrikas vom Meer aus nähert, der sieht schon von weitem die Fahne Spaniens. Sie überragt alles im Hafen von Ceuta, als müsse sie beweisen, dass dieser Ort spanisch ist und nichts sonst.
Faten El Azizi und ihre Geschwister waren drei von etwa 70.000 Menschen, die Ende Juli nach Ceuta drängten, ungehindert von den marokkanischen Soldaten, die sie sonst an allen anderen Tagen auch mit Waffengewalt abgewehrt hätten. Wie die allermeisten von ihnen kehrte Fatens Schwester Amira zu ihrer Mutter nach Tétouan zurück. Etwa 13.000 Migrant:innen aber sind nach offiziellen Angaben Mitte September noch in Ceuta. Fast alle sind Marokkaner. Fatens Bruder Montaser ist einer von ihnen. Er hofft auf ein Aufenthaltsrecht. Wenig spricht dafür, dass er es bekommt.
„Invasion“, „Lawine“, das sind die Worte, mit denen über Menschen wie ihn in Ceuta geredet wird. Die Leute sagen es nicht nur am Tresen in der Bar. Die Stadtregierung hat sie zur offiziellen Formel erhoben. Kaum ein Statement kommt ohne die Vokabeln aus.
Gleichzeitig ist auf der anderen Seite der Grenze, in Marokko, immer häufiger der früher nur diskret ausgesprochene Zusatz „besetzt“ zu hören, wenn von den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla die Rede ist. Aus der Sicht vieler Marokkaner:innen sollte das Gebiet zu Marokko gehören.
In Ceuta liegt auch deshalb Pogromstimmung in der Luft. Es geht dabei nicht nur um die Afrikaner, die am Strand hausen. Ihre Anwesenheit wird als Existenzfrage von Ceuta verhandelt. Die Migrant:innen gelten vielen als Vorhut einer Eroberungsarmee – wenn sie nicht schon direkt selber eine sind.
So sieht es auch der Fahrer, der sein Taxi in Ceuta Richtung Grenze steuert. Man muss ihn nicht fragen, er fängt von alleine mit dem Thema an. Mit den Migranten gehe es so nicht mehr weiter, sagt er. Die Schule habe begonnen, heute, aber es sei kein normaler Schulanfang. Die Migranten würden in die Schulgebäude eindringen, Fäkalien hinterlassen, Mädchen belästigen. So sei es, kein Zweifel, er höre das überall.
Vom Straßenrand winkt ihm jemand zu. Der Fahrer tritt auf die Bremse, durch das geöffnete Seitenfenster ruft er dem Mann einen Schwall auf Arabisch zu, akzentfrei. Auch die Antwort kommt auf Arabisch. Er sei in Marokko geboren, seine Frau Muslima, aber in Ceuta zur Welt gekommen, sagt er. Seit vielen Jahren lebe er hier. Wie die Hälfte der Einwohner:innen Ceutas ist der Taxifahrer Muslim. „Ich bin Spanier. Das Land hat mir meine Gesetze gegeben, meine Rechte.“
Foto: privat
Die Migranten würden ihre Scheine aus dicken Geldbündeln ziehen, wenn sie ihn für eine Taxifahrt bezahlen, sagt er dann.
Was soll das heißen?
Die Sache sei faul. Der linke Premierminister Pedro Sánchez habe sich von Marokko kaufen lassen, um Ceuta abzutreten. Die Migranten seien das Werkzeug dazu.
„Das werden wir nicht zulassen.“
Wir, die Spanier.
Die Konfrontation sei nur noch eine Frage der Zeit, sagt er. „Viele Leute verkaufen hier gerade ihre Wohnungen, wusstest du das? Sie hauen ab, solange es noch geht.“ Wenn es einen Krieg gebe, „dann kämpfe ich auf der Seite der spanischen Armee“.
Kaum jemand könnte das Gleichzeitigsein von Spanien und Afrika in dieser Region stärker verkörpern als dieser Familienvater. Doch er klingt, als freue er sich schon auf den Kampf, der Ceuta als strikt und rein spanisch und nichts sonst verteidigen soll.
Nur zwei Landgrenzen zwischen Afrika und Europa gibt es: Eine ist in Melilla, die andere hier, in Ceuta. Aus Richtung Spanien ist kaum zu erkennen, wie gewaltig und hochgerüstet die Anlagen sind. Wer herüber will, muss durch die beiden Zollhäuser, danach führt ein 400 Meter langer, ummauerter Gang durch einen kahlen, schwer bewachten Streifen. Er soll es unmöglich machen, sich den hohen Grenzzäunen auch nur zu nähern. Auch am Ende des Mauergangs, auf der marokkanischen Seite, gehen die Abwehranlagen immer weiter: ein Zaun am Meeresufer, Wasserwerfer, Soldaten, Polizei, Mannschaftswagen, Absperrgitter, Kilometer um Kilometer entlang des Strandes, an dem Faten El Azizi und ihre Schwester ins Wasser gegangen sind.
Foto: Marcos Moreno/Europa Press/dpa
Die Grenze soll eine klare Linie ziehen zwischen Europa und Afrika. Wer diese übertritt, ohne die Erlaubnis zu haben, der kann sich nicht sicher sein, dass nicht auf ihn geschossen wird. Vorgekommen ist das in der Vergangenheit schon mehrfach. Hunderte Millionen Euro kassiert Marokko für die Bewachung. Noch mal 115 Millionen Euro soll die EU nun „kurzfristig bereitstellen“, damit sich ein Tag wie der 30. Juli nicht wiederholt.
Invasion, Abwehr – in solchen Begriffen wird gedacht und gesprochen über diesen Berührungspunkt von Afrika und Europa, an dem die strikte Trennung der beiden Kontinente umso künstlicher wirkt, je genauer man hinsieht. Und manchmal öffnen die engen Verbindungen Türen, wo kaum jemand darauf zu hoffen wagt.
Ittihad Tanger, Faten El Azizis Fußballverein, war zu einem Freundschaftsspiel eingeladen, erzählt ihre Mutter. In Spanien. Dorthin mitfahren durfte, wer ein Visum hatte. Faten hatte keins. Das hat sie ihr erzählt. „Sie hat geweint,“ sagt Jamila.
Nicht erzählt hat Faten ihrer Mutter, dass sie beim spanischen Generalkonsulat in Tanger ein Visum beantragt hat. Als Ziel gab sie ihren Bruder in Ávila bei Madrid an. Als Kontakt nannte sie dessen Telefonnummer.
Dass viele internationale Medien über den Tod von Faten El Aziz berichteten, hat vor allem mit dem existenziell tragischen Umstand zu tun, dass ihr Visaantrag positiv beschieden und dies unmittelbar nach ihrem Tod bekannt wurde. In den Zeitungen war zu lesen, dass die Mutter am Tag der Beerdigung einen Anruf aus dem Konsulat erhalten habe und erfuhr, dass der Pass mit dem Visum abgeholt werden könne.
Jamila schildert es etwas anders: Das Konsulat habe den Bruder angerufen, der dann die Mutter informierte.
Foto: Antonio Sempere/sp/dpa
So oder so: Als junge, unverheiratete Frau ohne Kinder, Immobilie oder festen Job hatte Faten eigentlich keine guten Aussichten auf ein Visum. Warum sie doch eins bekam – das sagt das Konsulat auch auf Anfrage nicht.
Später am Vormittag steht Jamila Ben Omar El Aziz wieder am Südtor des Friedhofs und wartet auf Kundschaft.
„Willst du es sehen?“ fragt sie irgendwann.
Dann läuft sie los, den Hauptweg entlang, hangaufwärts. Zwischen den Gräbern wuchern Wunderblumen. Wie kleine leuchtende Trompeten hängen ihre violetten Blüten an den Sträuchern.
Es ist windig. Jamila läuft weiter, den Hügel hoch, über den Vorplatz einer kleinen Kapelle. Im Schatten sitzen ein paar Arbeiter, sie grüßen sie. Ein Wachmann schließt sich ihr an, läuft hinter ihr her, durch ein zweites Plateau voller Gräber. Die Parzelle, auf die Jamila zuläuft, liegt kurz vor der Mauer, am nördlichen Ende des Friedhofs.
42 Tage ist das Grab alt. Zwischen all den anderen, älteren, die genau gleich aussehen, sticht es nicht weiter hervor.
Jamila setzt sich auf den Rand mit den weißen Fliesen. Die Myrtenzweige auf dem Grab sehen noch frisch aus. Jamila nimmt sie trotzdem in die Hand, dreht sie um und wirft sie dann auf den Boden. Sie legt neue Zweige auf das Grab. Auf einer Fliese sind in schwarzen Buchstaben Fatens Name und der Todestag eingraviert. Sie streichelt die Fliese, als sei es die Wange ihrer Tochter. Dann weint sie.
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen