american pie: Mehr Kaviar
Das volksnahe Ambiente der US Open verflüchtigt sich zunehmend. Die Zahl der Luxusplätze ist dagegen beträchtlich gestiegen
Foto: Kirsty Wigglesworth/ap
Die US Open in New York haben unter den Grand-Slam-Turnieren den Ruf, die volksnahste Veranstaltung zu sein. Die lärmenden, nie ruhenden Massen im 33 Tennisplätze umfassenden Billie Jean King National Tennis Center gehören zum speziellen Flair des Turniers. Das wissen auch die Spieler. Was in Wimbledon undenkbar wäre, wird hier hingenommen.
Die besondere Atmosphäre kommt nicht zuletzt daher, dass das Turnier als Veranstaltung der Massen gedacht ist. Der Veranstalter, der gemeinnützige Tennisverband USTA, hat den Auftrag, den Sport populär zu machen. Und mit Tagestickets für 65 US-Dollar hat das bis vor Kurzem auch gut funktioniert. Es gehörte für die New Yorker im September dazu, einen Tag in Flushing Meadows zu verbringen, von Court zu Court zu wandern, eventuell einen Cocktail zu schlürfen und mit etwas Glück am Abend im Arthur Ashe Stadium einen der Stars des Turniers live zu sehen.
Die Atmosphäre im Stadtteil Flushing ist immer noch laut und rau, das gehört zu New York. Doch die US Open drohen immer weniger eine Veranstaltung der Massen zu sein. Die Tagestickets etwa können kaum noch zum Ursprungspreis erworben werden. Sie werden in Massen aufgekauft und weiterverkauft – oft zum Fünffachen des Preises. Die zahlreichen Abonnements an Firmen, die für das gesamte Turnier zu hohen Preisen ganze Blocks buchen, sind derweil allesamt erneuert worden
Dass der Markt das hergibt, liegt nicht zuletzt daran, dass die US Open seit der Coronapandemie einen Boom erfahren. Das lange Eingesperrtsein hat ein enormes Bedürfnis nach Events angeregt, das seither weiter angewachsen ist. Im vergangenen Jahr waren mehr als eine Million Menschen bei den US Open – 30 Prozent mehr als vor der Pandemie. Die Endrunden-Spiele sind mehr denn je ein Tummelplatz für Promis. Im vergangenen Jahr waren unter anderem Bruce Springsteen, Queen Latifah und Ben Stiller auf den Tribünen zu sehen.
Für die USTA bedeutet das einen Anstieg der Profite um rund 75 Prozent. Das hat wiederum beim Verband Begehrlichkeiten geweckt. Das Arthur Ashe Stadium, die Hauptarena des Turniers, wurde für 800 Millionen Dollar renoviert. Und die Renovierung kam ganz eindeutig nicht den Massen zugute.
Die Anzahl der Luxusplätze unmittelbar am Spielfeldrand wurde verdoppelt. Dafür wurde das mittlere Segment an Plätzen mit vorher erschwinglichen Plätzen von 6.000 auf 2.500 Sitze verkleinert. Das bedeutet, dass Plätze für bislang 250 bis 300 Dollar zugunsten von Sitzmöglichkeiten für 2.300 Dollar gewichen sind. Zudem wurden Umkleidekabinen und Aufenthaltsräume für Spieler ausgelagert, um Platz für VIP-Boxen zu schaffen.
Die USTA verteidigt sich damit, dass die 13.000 billigen Plätze am oberen Rand des Stadions erhalten geblieben seien. Außerdem sei der Zugang zur Anlage während der Fan-Woche, in der letzte Qualifikations-Matches und das gemischte Doppel ausgetragen werden, nach wie vor kostenlos. Doch der Trend zum Luxus ist unverkennbar. Was nicht zuletzt daran zu erkennen ist, dass der beliebteste Cocktail des Turniers, der Honey Deuce, 23 Dollar kostet. Eine Portion Chicken Nuggets mit Kaviar geht für 100 Dollar über die Theke.
Immerhin hat Bürgermeister Zohran Mamdani, wie schon bei der Fußball-WM, dem Veranstalter 1.000 billige Tickets abgerungen. Doch wie schon bei der WM war dies mehr ein symbolischer Akt. Das alleine wird die Open nicht wieder zu einem Turnier für das Volk machen. Für die 1.000 Tickets bewarben sich mehr als 360.000 New Yorker. 359.000 Bittsteller gingen also leer aus. Sebastian Moll
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