: Der heilige Gral der Western-Comics
Hommage-Bände setzen „Blueberry“ sowie Lucky Luke, die großen Western-Figuren der Comic-Kunst, neu in Szene. Nicht alles ist dabei restlos gelungen
Von Christoph Haas
Achtzig Jahre alt ist Lucky Luke inzwischen. Für eine berühmte Comic-Figur ist das eine respektable, aber keineswegs ungewöhnliche Lebensdauer. Blake und Mortimer, das von Edgar P. Jacobs erfundene Abenteurerduo, ist genauso alt. Superman gibt es seit 1938, Batman seit 1939, und Hergés Tim kann in drei Jahren sogar den 100. Geburtstag feiern. Mit Ausnahme der zuletzt genannten werden alle diese Serien – und es ließen sich viele weitere aufzählen – regelmäßig fortgesetzt.
Trotz ihrer ungebrochenen Popularität ist es allerdings schwierig, in ihnen nicht bloß Bekanntes wiederzukäuen. Im französischen Sprachraum hat sich daher die Tendenz durchgesetzt, im Umgang mit Figuren, die eine zugleich glorreiche und belastende Tradition besitzen, mitunter radikale Brüche zu wagen. Ein eklatantes Beispiel hierfür sind die „Spirou“-Alben von Émile Bravon, die im von Nazideutschland besetzten Belgien des Zweiten Weltkriegs spielen.
Undenkbar wäre früher auch gewesen, dass deutsche Künstler ihre Version frankobelgischer Klassiker präsentieren dürfen. Viermal war dies bereits der Fall, mit „Spirou in Berlin“ (2018) und dem Marsupilami-Abenteuer „Das Humboldt-Tier“ (2022) von Flix sowie den „Lucky Luke“-Alben von Mawil (2019) und Ralf König (2021). Für Reinhard Kleist hat Flix nun ein Szenario geschrieben, in dem der Lonesome Cowboy auf Jacob und Wilhelm Grimm trifft.
Die beiden sind in die USA gereist, um dort Lesungen aus ihren „Kinder- und Hausmärchen“ zu veranstalten. Nachdem sie frustriert festgestellt haben, dass sich dafür niemand interessiert, kommt ihnen eine, wie sie meinen, rettende Idee: Sie wollen amerikanische Märchen sammeln.
Nach einigen gescheiterten Versuchen führt Lucky Luke die Grimms zu Ma Dalton, die den ahnungslosen Professoren jedoch eine gewaltige Lügengeschichte auftischt, indem sie ihre missratenen Söhne „als die prächtigsten und anständigsten Jungs, die der Wilde Westen hervorgebracht hat“, schildert. Als diese davon erfahren, sind sie nicht gerade begeistert – schließlich wollen sie als Banditen allseits gefürchtet werden.
Dass reale historische Figuren in „Lucky Luke“, auftreten, ist keine Novität. Bei den „Grimm Brothers“ kommt hinzu, dass sie als deutsche Stubenhocker in eine Welt geraten, die ihnen völlig fremd ist. Dieser Culture Clash ist ein klassisches Komödienmotiv – die Gags, die Flix aus ihm generiert, sind allerdings recht vorhersehbar.
Unterhaltsam sind dagegen die Anspielungen auf Märchen: Wie Hans im Glück tauscht Luke alles Mögliche gegeneinander, und gegen Ende schlägt Jolly Jumper mit einem furiosen Auftritt nach Vorbild der Bremer Stadtmusikanten gleich eine ganze Horde Outlaws in die Flucht. Die Bilder Reinhard Kleists orientieren sich an Morris, sind dank eines lockereren, etwas kratzigen Strichs aber durchaus eigenständig.
Einen anderen Zugang wählen Appollo (Text) und Brüno (Zeichnungen) in ihrer „Lucky Luke“-Hommage „Dakota 1880“. Hier ist Luke der bewaffnete Begleiter einer Postkutsche, die vom Norden der USA nach Kalifornien unterwegs ist. Erzählt wird diese Reise überwiegend aus der Perspektive eines jungen Afroamerikaners, der als Kind schon einmal auf den Cowboy getroffen ist und sich ihm nun anschließt.
Das ganze Album ist im Grunde eine Folge von Begegnungen, darunter mit zwei ebenfalls realen Gestalten: der legendären Scharfschützin Annie Oakley und dem Politiker Louis Riel, der als Anführer der Métis, der Nachfahren europäischer Kolonisatoren und deren indigener Frauen, gegen die kanadische Bundesregierung rebellierte. Hinzu kommen unter anderem eine junge Frau, die zu ihrem Ehemann, einem Kavallerieoffizier, reist, und zwei erbittert miteinander verfeindete Avantgardepoeten.
Angesichts von sieben Kapiteln und einem Epilog, die sich auf insgesamt gerade 51 Seiten verteilen, fallen die einzelnen Episoden recht kurz aus. Zum Teil zu kurz, vor allem die Kavallerieepisode und eine andere, in der Luke mit einem sehr energischen Einsatz eine junge Prostituierte vor einem brutalen Saloonbesitzer beschützt, wirken wie Splitter eines größeren Ganzen, von dem man gerne mehr erfahren hätte.
Was das Album rettet, sind die von der Ligne claire inspirierten Zeichnungen Brünos, vor allem aber die vorzügliche Kolorierung von Laurence Croix: blauweiße Winterlandschaften; graugrün und trostlos, eine Prärie im Dauerregen; in dunkel glühendem Rot und tiefem Schwarz ein brennendes Haus, ein brennender Wald; das Monument Valley, leuchtend wie ein außerirdischer Wüstenplanet von Moebius.
Von Neudeutungen fast völlig verschont geblieben ist „Leutnant Blueberry“. Um sich an diesen Heiligen Gral der Western-Comics zu trauen, braucht es auch erheblichen Mut. Selbst wenn große Talente sich ihrer annehmen, kann eine Revision gründlich schiefgehen – so in dem von Joann Sfar geschriebenen und von Christophe Blain gezeichneten Album „Das Trauma der Apachen“ (2019). Der in übergroßem Prachtformat erschienene Band „Auf den Spuren von Blueberry“ versammelt jetzt auf rund 120 Seiten Beiträge von nicht weniger als 28 Zeichnern und einer Zeichnerin, von denen sechs mit einem Szenaristen zusammengearbeitet haben.
Gerade die renommierten Namen unter ihnen enttäuschen. Dominique Bertail bleibt weit unter der hohen Qualität, die man von ihm aus seinen dokumentarischen Alben über eine berühmte Résistancekämpferin im okkupierten Frankreich („Madeleine, die Widerständige“) gewohnt ist. Michel Blanc-Dumont belässt es dabei, seinen Helden, den Trapper Jonathan Cartland, mit Blueberry die Hände schütteln zu lassen. Enrico Marini hat wohl vor allem Spaß daran gehabt, eine dominant auftretende Pin-up-Version von Chihuahua Pearl zu zeichnen.
Das grundsätzliche Problem ist aber auch hier die Kürze der Geschichten. Im Gegensatz zu Genres wie Crime, Horror oder Humor taugt der Western im Comic nicht für ein paar Seiten, die in eine Pointe münden. Sein Reiz liegt in der Entfaltung, im Epischen – und abgesehen von den genialen Zeichnungen Jean Girauds beruht die anhaltende Faszinationskraft von „Leutnant Blueberry“ darauf, dass Jean-Michel Charlier sich bei seinen Szenarios meisterhaft darauf verstand, Handlungsbögen, die über mehrere Alben reichen, zu konstruieren.
So löst die Lektüre von „Auf den Spuren von Blueberry“ vor allem einen Wunsch aus: sich wieder einmal in das Original zu vertiefen.
Flix (Text), Reinhard Kleist (Zeichnungen): „Lucky Luke-Hommage 8 – Die Grimm Brothers“. Egmont Ehapa, Berlin 2026. 49 Seiten, 9,99 Euro (Softcover) und 17 Euro (Hardcover)
Appolo (Text), Brüno (Zeichnungen): „Lucky Luke-Hommage 7: Dakota 1880“. Aus dem Französischen von Klaus Jöken. Egmont Ehapa, Berlin 2026. 64 Seiten, 9,99 Euro (Softcover) und 17 Euro (Hardcover)
Verschiedene: „Auf den Spuren von Blueberry“. Aus dem Französischen von Horst Berner. Egmont Ehapa, Berlin 2026. 129 Seiten, 65 Euro
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