Veranstaltung zu Nius in Kreuzberg: Solidarisch gegen Online-Pranger
Eine Infoveranstaltung zu Nius mit Berichten von Betroffenen rechter Kampagnen zieht 250 Menschen an. Reichelts Portal hatte im Vorfeld massiv Stimmung gemacht.
Die Nervosität war spürbar: Am Freitagabend standen am Eingang zum Dragonerareal in Kreuzberg gleich mehrere Dreiergrüppchen mit Anglerhüten oder Perücken herum. Die Antifaschist:innen hatten sich postiert, um die Infoveranstaltung gegen das rechte Propagandaportal Nius zu schützen. Die Veranstalter*innen befürchteten, dass Provpkateure auftauchen könnten oder auch Mitarbeiter:innen von Nius selbst, öffentlich oder inkognito.
Im Veranstaltungssaal war daher fotografieren und filmen strengstens verboten, die Moderatorin kündigte an, bei rechten Äußerungen kompromisslos vom Hausrecht Gebrauch zu machen. Doch der Abend – Auftakt eines Kreuzberger Protestbündnisses gegen Nius – verlief störungsfrei, mit rund 250 Besucher*innen war der Saal komplett gefüllt.
Die drastischen Vorsichtsmaßnahmen hatten einen Grund: Das rechte Portal mit Sitz in der Kreuzberger Ritterstaße hatte wochenlang selbst auf die Veranstaltung hingewiesen und massiv dagegen Stimmung gemacht. Die Initiative „Nein zu Nius“ sei linksextrem und mit Steuergeld finanziert, es gebe Verbindungen zur „Hammerbande“ und die ganze Veranstaltung sei ein „beunruhigender Angriff auf die Pressefreiheit“. Nius selbst sieht sich als „eine freie und junge Medienmarke“.
Dem widersprachen die, teils nicht namentlich vorgestellten Referent:innen des Abends, die über Nius zumeist als „Online-Pranger“ oder „Schlammportal“ sprachen. Das rechte Portal sei ein „als Journalismus getarntes Projekt“; es arbeite mit Stereotypen und rassistischen Vorurteilen und trete nach unten, gegen Geflüchtete, Klimaschützer*innen, NGOs und die demokratische Zivilgesellschaft. Nius sei Teil einer angestrebten Diskursverschiebung nach rechts, ein Brandbeschleuniger für rechte Inhalte, hieß es in einer ausführlichen Analyse zu Vorgehen und Strategien der von Julian Reichelt geführten Mediums.
Betroffene berichten
Auf dem Podium und in zugespielten Beiträgen kamen auch jene zu Wort, die bereits selbst zur Zielscheibe der aggressiven Nius-Propaganda geworden waren. Eine Aktivistin des Widersetzen-Bündnisses, das die Neugründung der AfD-Jugend in Gießen erheblich gestört hatte, erzählte, ein Nius-Mitarbeiter habe sich in ihre Gruppe eingeschlichen und heimlich gefilmt. Ein Mitglied des linken Unrast-Verlags berichtete, wie Nius Verlagsmitarbeiter*innen aggressiv gefilmt und belästigt habe.
Prominentester Vertreter dieser Gruppe war Guido Arnold, Teil des technologiekritischen çapulcu-Kollektivs. Nius brachte den Wisenschaftler mit den Anschlägen der Vulkangruppen auf die Energieversorgung in Zusammenhang, veröffentlichte sein Foto und observierte sein Haus. Arnold blieb bei seinen Inhalten, sprach über die Fehlerhaftigkeit von KI-Sprachmodellen und die Euption von gemeinsamen Wahrheiten durch Social Media – auch als bewusste Strategie von rechts.
Klar wurde: Reißerische Artikel von Nius oder anderen rechten Medien wie Apollo News führen meisten zur einer Welle wüster Beschimpfungen, Vergewaltigungsfantasien und Morddrohungen. Alle Betroffenen berichteten allerdings auch von großer Solidarität und gesteigertem Interesse an ihrer Arbeit.
Zwar ist das von Nius entfachte Empörungspotenzial mitunter groß, wie man an der vom Portal maßgeblich mitentfachten Kampagne gegen die Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin sehen konnte. Dennoch sollte die Bedeutung nicht überschätzt werden: Nius findet sich nicht unter den 100 reichweitenstärksten Onlinemedien und machte 2023 einen Verlust von 13 Millionen Euro. Doch das Portal muss nicht auf eigenen Beinen stehen, der Nius-Finanzier Frank Gotthardt ist Multimillionär und hat zudem beste Beziehungen zur CDU-Spitze.
Die am Schluss der Veranstaltung diskutierten Gegenstrategien waren keineswegs „linksextrem“, sondern so zivilgesellschaftlich und demokratisch wir das versammelte Publikum, das zu einem nicht geringen Teil die 50 schon überschritten hatte. „Wegducken ist keine Option“, forderte die Moderatorin, man müsse widersprechen und solidarisch handeln. Alle betroffenen Initiativen und Vereine sollten gestärkt und nicht alleine gelassen werden. Der çapulcu-Vertreter forderte, gegen rechte Medien sowie Big-Tech-Unternehmen und „Bullshit-Generatoren“ wie ChatGPT zu mobilisieren. Eine Frau schlug vor, bei linken Buchläden zu kaufen und für journalistische Standards zu kämpfen. Und irgendwann soll es auch eine Kundgebung vor dem Nius-Büro in der Kreuzberger Ritterstraße geben.
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