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Englischsprechende ExpatsAufgeschlossen und weltoffen? My ass

Wenn Expats in Kneipen nur Englisch sprechen, wirken sie lässig. Bei Geflüchteten gilt dasselbe als verweigerte Integration. Das ist nicht fair.

Maximal egal Foto: Ralph Peters/imago

S ie bemerkt knapp „Kitchen is closed“ und schaut dabei wie ein totes Auto. Maximal egal. Wir stehen in einem Laden – Card only –, in dem englischsprachige Bücher verkauft werden und in dem es eine Teigware mit Loch gibt, welche ebenso vor allem in einer englischsprachigen Supergroßstadt gegessen wird. Ich wundere mich nicht weiter. Während sich H. ein noch daliegendes Etwas einpacken lässt, entscheide ich mich stattdessen für ein Kiosk..., ähm, Spätibier.

Ich lebe in Köln und bin seit Langem mal wieder in Berlin zu Besuch. Einen Abend später sitze ich mit K. am Tresen. Die Musik, das Stimmengewirr und Küchengeschirr schrillen schrill. Ich höre gerade so, wie der Freund das Hausbier bestellt, und sage: „Für mich auch.“ Dieses Mal schaut mich ein warnblinkendes Augenpaar an. Maximal genervt. Einige Millisekunden brauche ich für die Erkenntnis: Ich habe in der falschen Sprache bestellt. „Äh, for me as well.“

Weitere Tage und Konsumortschaften später treffe ich H. und M. in einem Lokal mit singapurischer und malaysischer Küche. Dem hainanesischen Hühnchen enthusiasiere ich schon lange entgegen. Am Ende ist es eher nice als delicious. Sobald sich der letzte Bissen Richtung Speiseröhre bewegt, zeigt man uns, wo sich die Kasse befindet. Wir verreden uns um wenige Minuten, als im schnellen Englisch irgendwas gefaselt wird und es heißt, dass unsere Zeit um sei.

Oof, whats crackin’, Berlin? Was ist los in dieser Stadt? Ich fühle mich desavouiert. Zermürbt es mich, weil ich mit meinem eher nur okayen Englisch konfrontiert werde? Oder weil ich die Attitüde, mit der selbstverständlich international gezüngelt wird, verwöhnt finde? Ich überlege, ob ich mich offenbaren soll, immerhin sind H. und M. langjährige Kumpels. Doch sie haben Köln vor einigen Jahren wegen Berlin verlassen. Sie finden Köln zwar jemötlich, aber auch kleinstädtisch – oder gar kleingeistig? Ich fürchte um das Offenlegen meines kölschen Provinzhätz und schweige. Vielleicht auch deshalb, weil ich ja beim Sprechen längst selbst wie selbstverständlich englische Wörter gebrauche. Irgendwie bin auch ich Teil des Ganzen. Not cool!

Seit 13 Jahren arbeite ich ehrenamtlich mit Menschen, die in Köln ein neues Leben angefangen haben. Die meisten sind aus ihren Heimatländern geflohen, und wenn ich sie kennenlerne, sind die Deutschkenntnisse minimal. Das Sprachschuldeutsch erinnert mich an das meiner Mutter oder Großeltern in den späten 80ern. Wenn wir gemeinsam Fahrräder reparieren, floskelt aus mir, wie gut ihr Deutsch sei. Das ist so närrisch phraseologisch, dass ich mir jedes Mal selbst den Mund zukleben möchte.

Ich muss nicht lange mit ihnen Zeit verbringen, um zu wissen, dass sie es schwer haben werden und Sprache das Mindeste ist, was ihnen helfen kann. Sie werden wegen ihres Äußeren, ihres Namens, ihrer Herkunft Stigmata und Ungerechtigkeiten erleben. Sie werden vom Gegenüber daran gemessen, wie weit sie sich integriert haben, und entsprechend beurteilt, ob sie ein guter oder schlechter Migrant sind.

Die Kosmopoliten halten sich für weltoffen und sind doch arrogant und ignorant

Es dämmert und wütet in mir: Sprache ist die Befähigung, Gedanken und Gefühle auszudrücken. Sogenannte Expats haben das Privileg, die Hilfsmittel zur Kommunikation freiwillig zu begrenzen, weil sie nicht müssen. Bisschen Spanisch für die kommende Mexikoreise? Si, claro! Deutsch, weil man halt in Deutschland lebt? Please, no. Die Kosmopoliten sind nicht, wie sie selbst annehmen, aufgeschlossen und weltoffen. Sie sind arrogant und ignorant und außerdem beschränkt.

James Shikwati hat für das Humboldt Magazin über die Konnotation der Begriffe „Expats und Immigrant*innen“ geschrieben und wie koloniale Machtstrukturen die heutige Migration prägen. Für Shikwati liegt ein Schlüssel zum Ausgleich dieses Machtspiels darin, dass man „sehr genau auf die zerstörerische Macht von Darstellungen achtet“.

Sicherlich bin ich in Berlin an Orte geraten, an denen vorwiegend ein globaler Sprachgebrauch betrieben wird, und sich in der Hauptstadt über Internationalität zu echauffieren, kann mir als hasenherzig ausgelegt werden. Trotzdem: Die sprachliche Bequemlichkeit spricht für mich nicht für eine Weltoffenheit, sondern für einen lazy excuse – für Denkverweigerung.

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