: Drohnen gegen Temposünder
In der Benzinpreiskrise gehen die Behörden neue Wege, Tempolimits auf deutschen Straßen durchzusetzen
Von Fritz Tietz
Sein „Gefechtsstand“ liegt im Keller des Kreishauses von Winsen an der Luhe. Kein Fenster, kein Tageslicht, nur das mattblaue Leuchten eines Bildschirms. Vassili sitzt davor wie vor einem Aquarium. Doch es sind keine Fische, die sich darin bewegen. Es sind Fahrzeuge auf der L 213. Eine der meistbefahrenen Straßen im niedersächsischen Landkreis Harburg.
Auf einer digitalen Karte kann man ihren Verlauf sehen. Vorbei an Feldern, Äckern, einem Golfplatz zieht sie sich wie eine hässliche Narbe durch die Landschaft. Vassili beugt sich vor. Das Kinn des 42-Jährigen sticht kantig vor, seine Augen sind hellwach. „Da“, sagt er leise. Ein blinkender Cursor. Ein Punkt, deutlich schneller als die anderen. Das System markiert ihn mit 92 Stundenkilometern. Erlaubt sind 70. Vassili drückt eine Taste.
Irgendwo draußen, von einemder geheimen Startplätze entlang der L 213, erhebt sich jetzt ein leises Summen. Eine der vier Verkehrsüberwachungsdrohnen (VÜD) des Landkreises Harburg. Auf einem zweiten Monitor baut sich ihr Kamerabild auf. Zunächst sieht man nur wackeliges Terrain, eine schräge Baumreihe, dann der Zoom auf die Straße: Ein Mercedes-Van, schwarz, glänzend. „Viel zu schnell“, murmelt Vassili.
Er setzt die VÜD über das Fahrzeug, bleibt zunächst hoch, beobachtend. Eine Software misst derweil alles, was gemessen werden muss: die Strecke, die Zeit. Jeder Meter, jede Beschleunigung wird registriert. Ein dichtes Datennetz legt sich um das Auto.
Vor wenigen Monaten noch, im Osten der Ukraine, hat Vassili auf ähnliche Bilder gestarrt. Da waren es Panzer, die sich durch ausgebrannte Landstriche schoben. Auf staubigen buckeligen Pisten eher als auf glattem Asphalt wie jetzt hier der Van. Aber die Logik ist dieselbe: Bewegung erkennen, Muster lesen, den Moment abpassen. Nur dass es keine russischen Militärfahrzeuge mehr sind, die Vassili zerstört. Es sind deutsche Kfzler, deren Tempoverstöße er im Auftrag der Ordnungsbehörden ermittelt.
Bisher ist es nur ein befristeter Modellversuch und der erfahrene Drohnenpilot aus der Ukraine sein Projektleiter – engagiert für zunächst drei Monate. Doch alles an Vassilis Bilanz riecht nach Verlängerung. Es ist der Geruch von Geld. Über 72.000 Euro hat der Landkreis bereits durch ihn kassiert. In nur zwei Wochen.
Der Tempo-Van passiert jetzt ein Ortseingangsschild – mit 71,0023 km/h. Vassili lässt die Drohne sinken, zieht sie nach vorne, dann wieder zurück. Ein Spiel aus Distanz und Nähe, Beobachten und Abwarten. Der Fahrer unten merkt nichts. Für ihn ist es eine normale Autofahrt. Vielleicht hat er einen Termin, Zeitdruck. Vielleicht aber auch einfach nur „schwer einen an der Waffel“, so Vassili mit hartem Akzent. Häuser rauschen vorbei, das Schild „Achtung Wildwechsel“, ein Poster mit der Bitte: „Freiwillig 30! Mach mit!“ Ein Kind hinter einem Zaun. Tempo 50? Von wegen. Die Anzeige auf dem Screen steht bei 77,6544 km/h.
Mit einer leichten Mausbewegung lässt Vassili die Drohne nach vorne kippen. Das Bild auf dem Monitor fliegt näher, überholt das Auto. Der Van kommt nun von vorn. Man sieht die Windschutzscheibe, das Gesicht: Ein Mann, Mitte vierzig. Kurzes Haar, angespannter Kiefer. Sein Blick wandert nach oben – und bleibt dort hängen. Der Moment, in dem er versteht. Die Augen vor Schreck weit aufgerissen.
Vassili betätigt den Auslöser. Jede Gesichtsfalte ist zu erkennen. Noch ein Klick. Das Nummernschild des Vans. Am Rand des Bildschirms laufen die Daten zusammen: Position, Zeitstempel, Foto. Und das Tempo natürlich. Auf vier Stellen exakt hinter dem Komma. „Exakter geht nicht“, sagt Vassili. „Null Messfehler, null Toleranz“. Längst liegt der Datensatz zwei Etagen höher auf einem Rechner der Kreisverkehrsbehörde, wo aus den Zahlen ein Bescheid wird. Der Mann im Van wird ihn schon bald in der Post haben.
Der Effekt ist spürbar, sagen sie im Haus. Weniger Verstöße, weniger Unfälle. Aber längst nicht alle halten sich an die Regeln: Da, ein neuer Punkt. Ein SUV, tonnenschwer, 88,9934 km/h. Vassili reagiert sofort. Doch diesmal läuft es anders. Noch bevor er die VÜD in Position hat, bremst der Wagen abrupt ab. Der Blinker flackert nur kurz, dann biegt das Auto in ein Waldstück. „Ah“, macht Vassili. Er lässt die Drohne tiefer tauchen, aber die Baumkronen sind zu dicht. Äste schneiden ins Bild.
„Der hat Erfahrung“, sagt er leise. „Es dauert keine fünf Sekunden.“ Mehr braucht er nicht, um „das Geschwindigkeitsgesindel abzuschießen“. Vassili knurrt. Manche Fahrer wissen das. Verstecken sich lieber, statt ein Ticket zu riskieren. Wenns sein muss, stundenlang. Bis es dunkel wird. Oder Nebel aufzieht. Dieser dichte, norddeutsche Nebel, der die Welt verschluckt. Dann blickt auch die Drohne nicht mehr durch. Vassili hebt bedauernd die Schultern. Die Technik dafür existiert. Aber sie ist zu teuer für einen deutschen Landkreis. Noch.
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