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wortwechselTropf. Crash! Moment mal.Gibt es soziale Kipppunkte?

In der Klimakrise hat sich die Analyse der unumkehrbaren Kipppunkte bewährt. Als Fakt und Warnung. Aber in der Gesellschaftstheorie – kann dieser Begriff dort wirklich gelten?

Oh nein, da kippt was! Fußballweltmeisterschaft 2010, Deutschland gegen Spanien, Halbfinale Foto: Jens Schlueter/picture alliance

Gesellschaftliche Kipppunkte: Als Idee verführerisch, doch nur ein Mythos. Die ZDF-Doku über Mesut Özil zeigt: Deutschland hat sich nie selbst überwunden. Was wir Wandel nennen, ist oft nur ein kurzer Moment der Selektion“,

wochentaz vom 5. 4. 26

Was ist Öffentlichkeit?

Es gibt immer eine bestimmte Anzahl von Menschen, die das eine glauben (dass eine Gesellschaft mit vielen Migranten gut ist) und eine andere Anzahl von Menschen, die das Gegenteil glauben. Die Anzahl dieser Menschen verändert sich jeweils relativ langsam (durch gemachte Erfahrungen, Medien, Gespräche).

Wenn sich die Anzahl der ersten von 51 Prozent auf 49 Prozent ändert, ist eigentlich nicht viel passiert. Und dass sich die der anderen Meinung von 49 Prozent auf 51 Prozent verändert, ist auch nicht dramatisch. Aber Medien machen daraus oft etwas Fundamentales!

Sie sagen vorher, dass die Gesellschaft Migranten positiv gegenübersteht und sagen hinterher, dass die Gesellschaft Migranten ablehnend gegenübersteht. Dabei haben nur 2 Prozent der Menschen ihre Meinung geändert!

Und auch vorher schon waren 49 Prozent der Menschen skeptisch gegenüber Migranten eingestellt und auch hinterher sind immer noch 49 Prozent positiv gegenüber. Migranten eingestellt.

Medien sollten einfach aufhören, Dinge so vereinfacht darzustellen, wie sie das leider viel zu oft tun.

Kommentar taz forum

Danke für diesen Beitrag, der aber bei aller Ausführlichkeit den Blick auf die Medien leider vernachlässigt. Hier wird die mediale Sicht auf die Gesellschaft merkwürdig gleichgesetzt mit dem gesellschaftlichen Selbstverständnis. So entsteht doch immer wieder der Eindruck, nicht nur Reflexion sondern Naivität habe hier die Feder geführt.

Wenn „wir“ nicht aufhören, das Hilfskonstrukt „Narrativ“ mit der Realität zu verwechseln, können wir Politik gleich den Marketingagenturen überlassen. Kommentar taz forum

Alles ist möglich?

Sehr genau seziert: „Denn die unterlegene Möglichkeit verschwindet ja nicht. Sie wartet nur. Und das gilt in beide Richtungen.“ Ähnliches ließe sich über die gesellschaftliche Bearbeitung des NS-Regimes oder der Blauhemden- und Halstuchdiktatur sagen. Die aus dem Gestern verkleistern das Heute. taz forum

Was hier als Öffentlichkeit bezeichnet wird, ist ein eindimensionaler Konformitätskurs. Öffentlichkeit bedeutet, die subjektive Erfahrung zu artikulieren (Habermas). Und die sieht bei jedem anders aus. Diese Vielfalt bildet sich aber nirgends ab! taz forum

Danke für Einordnung und Erinnerungen. Leider ist die hier gespiegelte Unsicherheit für die allermeisten schwer erträglich. So wird es immer wieder Erklärungsmuster geben, die sich Ereignisse schön oder schlecht reden. taz forum

Özil, Gündogan haben das alles freiwillig gemacht. Warum sollte die Herkunft ein Freibrief sein, um mit Despoten zu kuscheln? taz forum

Welche Prämissen?

Intelligent gedacht, aber solange wir von Migranten, also Wandererndie vielleicht auch wieder zurückgehen, sprechen und nicht von Einwanderern, sind wir noch nicht da angekommen wo wir hin sollten.taz forum

Ich wünschte die Geisteswissenschaften hätten wieder etwas mehr Bedeutung, dann wäre es möglich über dieses Thema auf einem höheren Level und mit mehr Menschen zu reden. taz forum

9/11 war sehr wohl ein Kipppunkt. Die daraus resultierenden Veränderungen sind immer noch spürbar. Die Öffentlichkeit hat sich dann natürlich entschieden, über Anti Terror Maßnahmen zu sprechen, da die Gefahr weiterer Terrorakte real war und trotz Vorkehrungen nicht verhindert werden konnte. taz forum

Samuel Huntington schrieb in seinem Buch Kampf der Kulturen: Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert schon 1996, dass die wesentlichen Quellen für Konflikte nicht länger ideologischer oder wirtschaftlicher Natur seien, sondern auf den kulturellen Differenzen zwischen Nationen oder Gruppen verschiedener Zivilisationen beruhen. Die „Frontlinien der Zukunft“ verlaufen nach Huntington dort, wo zwei Zivilisationen aufeinander prallen. Deren unvereinbare kulturelle Prägungen (insbesondere durch die Religionen) führten zwangsläufig zu gewaltsamen Konflikten, die bestenfalls in einem „kalten Frieden“ enden. taz forum

War das jetzt der Versuch die Erkentnisse aus Soziologie und Kulturwissenschaft zusammen zu führen, um die Zustände in der Gesellschaft zu schildern? taz forum

Der Text vergleicht Äpfel und Bir­nen:­ Als Tipping Point wird die kritische Masse bezeichnet, die es braucht, damit sich eine Meinung oder auch soziales Verhalten massenhaft verbreitet. Die Zustände können temporär sein, aber auch zur Norm werden durch Selbstverstärkung. Um Mehrheitsgesellschaften zu kippen reicht schon eine kritische Masse ab 5 Prozent + X. Ein ganz anderes Feld ist der kulturelle Wandel. Der erfolgt in der Abfolge von Akkulturation, Assimilation, Transkulturation, Synkretismus. Die beiden letzteren Formen bezeichnen die Vermischung und gegenseitige Einflussnahme verschiedener Kulturen und am Ende der Kette steht dann deren Verschmelzung. Der Wandel der sozialen Normen erfolgt dabei jedoch meist im Schneckentempo! Das ist die simple Erklärung dafür, dass eine Gesellschaft sowohl mit Özil und Co ein bestimmtes Ereignis feiern und im gleichen Atemzug Sarazins Positionen teilen und die AfD wählen kann. taz forum

Danke für diesen schönen und erhellenden Kommentar! Ich empfinde ihn als tröstlich – in der Realität ist immer mehr vorhanden als das, worauf meine Aufmerksamkeit sich gerade lenkt. taz forum

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