piwik no script img

abgezockt Gier, auch Sachzwang genannt

Nein, es sind nicht nur die bösen Konzerne, die überhöhte Mieten verlangen. Es sind ich und du und was Sachzwang genannt wird, ist so zwingend nicht

Das Angebot ist knapp: Wohnungsgesuch an einem Ampelmast in Hannover Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Kürzlich erzählte mir ein Bekannter, dass er wieder einen Untermieter suche. Es ist ein netter Bekannter und ich hatte jemanden im Kopf, der gerade etwas sucht, deswegen fragte ich nach der Miete. 750 Euro, sagte der Bekannte und schob mit so etwas wie entschuldigendem Unterton hinterher: „Ich muss ja die Wohnung finanzieren.“

Die Wohnung kostet 1.500 Euro und hat vier Zimmer, das ist für den Hamburger Westen nicht mal viel. Der Bekannte hat früher mit mehr Menschen in dieser Wohnung gelebt, nach einer Trennung zahlt er die Miete allein. Ich sagte nichts, ich bin nicht die Moralpolizei. Aber ich war befremdet und ich bin es immer noch.

Es ist schräg, für ein Viertel des Kuchens den halben Preis zu nehmen und jeder Kunde in der Bäckerei würde hohnlachend den Laden verlassen, wenn man das bei ihm versuchte. „It‘s the Wohnungsmarkt, stupid“, pfeift es von den Dächern, und danke, ich kenne den Wohnungsmarkt und die magische Gleichung zwischen Angebot und Nachfrage.

Was mich beschäftigt, ist die Verbindung zwischen „Ich muss die Wohnung finanzieren“ und dem entschuldigenden Unterton, dem Wissen, dass es unfair ist und dem Verweis auf die Umstände. Kürzlich erzählte mir eine Freundin eine ähnliche Geschichte, es fehlte nur der Unterton.

Weil es geht

Die hatte lange mit einer Frau zusammengewohnt, mit der sie gelegentlich über die Hamburger Mietpreise klagte, bis die Mitbewohnerin eine Eigentumswohnung kaufte und sie ihr zur Miete anbot. Der Preis war astronomisch und als sie nach dem Grund fragte, sagte die neugebackene Vermieterin: „Weil es geht.“

Man kann lange darüber nachdenken, ob das Ganze mit oder ohne entschuldigenden Unterton unappetitlicher ist. In einer kurzen Pause kann man „Mieter helfen Mietern“ anrufen und fragen, ob das Urteil, mit dem der Bundesgerichtshof kürzlich das gewinnbringende Untervermieten verboten hat, praktische Konsequenzen dafür haben wird.

Das Urteil sei erst mal super, heißt es dort, aber praktisch gesehen gebe es ein paar Fragezeichen: Es gibt keine öffentliche Stelle, die Untervermietungen überprüft. Und für die Untermieter sei es ohnehin riskant nachzufragen, weil sie nicht automatisch in der Wohnung bleiben dürften. Und schließlich: Ob es auch für Teil-Untervermietungen gelte, sei unklar.

Aber die Untervermietungen, sagt die Mitarbeiterin von „Mieter helfen Mietern“ seien gar nicht das Hauptproblem – die Ver­mie­te­r:in­nen insgesamt holten raus, „was man rausholen kann“. Das Rausholen, genauer, das „Alles rausholen“, ist hierzulande der Ausweis gesundes Menschenverstandes, notwendige Zutat zum Überleben im Kapitalismus. Wer will, streicht eben noch die Sachzwänge drauf.

Die Sachzwänge betreffen häufig Menschen, die so viel Wohnraumüberschuss haben, dass sie ihn vermieten können, somit keine Wasser-und-Brot-Existenz führen. Ein Lieblingssachzwang ist die Alterssicherung – aber was ist das für eine Sicherung, für die andere bluten müssen?

Alles egal, sagen die Strukturveränder:innen, böse sind nur die großen Immobilienunternehmen. Aber siehe da, mehr als die Hälfte der Wohnungen in Deutschland werden von privaten Klein­ver­mie­te­r:in­nen vermietet, von meinem Bekannten und mir und dir sozusagen. Und dass man nur bei einer Wohnung Wucher betreibt, weil man leider nicht mehr zur Verfügung hat, macht es nicht geistig hochstehender.

Natürlich, neu gebauter Wohnraum würde das Geschäftsmodell erschweren. Aber bis der steht, wird es dauern, und die Erfahrungen mit der Mietpreisbremse zeigen, dass das „Alles rausholen“ mit Verve weiterbetrieben wird. Ich habe keine Antwort auf die Frage, wie man den Mietmarkt entspannen kann. Ich fände es schön, wenn Leute nicht von Sachzwängen sprächen, wo keine sind. Ich fände es noch schöner, wenn Gier nicht als Smartness durchgewunken würde. Friederike Gräff

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen