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Stadtbild für alle

Für die einen ist eine Bordsteinkante eine Bordsteinkante, für andere ist sie ein Hindernis. Wie können Städte alle mitdenken? Ein feministischer Gedankenspaziergang durch Berlin-Kreuzberg

Aus Berlin Jasmin Kalarickal

Wenn die Bahn am Kottbusser Tor einfährt und einen gelben Streifen durch den Himmel zieht, flattern die Tauben über den Platz. Nach einer Weile lassen sich wieder nieder. Mal vereinzelt, mal zusammen. Der „Kotti“ ist umrandet von Hochhäusern, viel sozialer Wohnungsbau. Menschen mit diversen Geschichten, Wünschen und Bedürfnissen, Neu- und Alt­ber­li­ne­r*in­nen leben hier. Für wen Multikulti ein Reizwort ist, bleibt besser fern.

Ende Februar steht hier Frieda Grimm, bereit für einen Gedankenspaziergang. Seit Langem beschäftigt sich die 30-Jährige damit, wie eine feministische Stadt aussehen könnte, eine mit dem Anspruch, diverse Lebensrealitäten zu berücksichtigen. Denn traditionell wurden Städte eher von Männern für Männer geplant und gebaut. Feministische Perspektiven wollen daher Normen hinterfragen. Bauten und Körper, der Kampf um Raum, all das ist eng verwoben. Wer wo Platz findet, hängt vom Standpunkt ab. Vom Startpunkt. Vom Startkapital.

Grimm wohnt selbst in einem Mehrgenerationenprojekt, sie hat urbane Zukunft und Architektur studiert, beschäftigt sich aktivistisch und auch beruflich in einer Genossenschaft mit solidarischer Stadtentwicklung. Als Treffpunkt hat sie das Gecekondu vorgeschlagen. 2012 entstand die Holzhütte bei einer Besetzungsaktion von Kotti und Co., einer Mieter*inneninitiative, die gegen zu hohe Mieten und Rassismus kämpft. Bis heute ist die Hütte geduldet, Vernetzungsraum für die Nachbarschaft und für Grimm „ein motivierendes Beispiel, dass es sich lohnt, gemeinsam zu kämpfen“. Für Wohnraum und gegen Diskriminierung.

Die Erfahrungen jeder Person bestimmen, was sie als angenehm und sicher empfindet

Frieda Grimm, Stadtentwicklerin

Eine Bordsteinkante ist für die einen nur das, für andere ist sie ein Hindernis. Menschen sind umgeben von denselben Straßen und Häusern, aber die Wahrnehmung kann sehr unterschiedlich sein. Kinder, obdachlose Menschen, Drogensüchtige oder Feierwütige bewegen sich nicht gleich. Viel hänge „mit dem eigenen Körper, Erfahrungen, der Zuschreibung von außen, der Sozialisation zusammen“, sagt Grimm.

Ein Gegenentwurf zur autogerechten Stadt, in der vor allem Männer zur Arbeit und nach Hause fahren sollten, sei die 15-Minuten-Stadt. „Die meisten bewegen sich eher im Zickzack, weil man bei der Apotheke noch ein Rezept abholt und dann noch das Kind vom Kindergarten“, sagt Grimm. Das gelte vor allem für Menschen, die Careaufgaben übernehmen. Kleiner Radius, kurze Wege. Rund um den Kotti ist das unideologisch entstanden: Wohnen und Gemüsemarkt, Fahrrad- und Strickladen, alles liegt beieinander. Der Kotti ist Zuhause, Arbeitsplatz, Ausgehort. Müll, Armut, Alltag, Feiern, alles findet gleichzeitig statt. Die Polizei nennt den Kotti einen kriminalitätsbelasteten Ort, unterhält extra eine Wache. Aber ob Polizei mehr Schutz oder mehr Bedrohung bedeutet – auch das hängt vom Standpunkt ab.

„Die Erfahrungen jeder Person bestimmen, was sie als angenehm und sicher empfindet“, sagt Grimm. Das mache die Erforschung von Städten so spannend, aber auch komplex. Manche sitzen bei Kälte in beheizten Wohnungen, andere nicht. Wer gerechtere Städte wolle, müsse über „ökonomische Ungleichheit sprechen“. Probleme ließen sich nicht nur mit Polizei, mehr Beleuchtung und Überwachung lösen.

Grimm ist sicher, dass es nicht die eine perfekte Version einer feministischen Stadt gibt. Es brauche „eine Offenheit, auf gesellschaftliche Veränderungen einzugehen.“ Einfach ist das nicht. Sind Häuser und Straßen mal gebaut, bleiben sie für Jahrzehnte. Aber der öffentliche Raum kann verändert werden. Am Oranienplatz, nur wenige Minuten entfernt, steht ein Denkmal für die Opfer von Rassismus und Polizeigewalt. Es wurde 2020 von Unbekannten errichtet. Eine schlichte Betonstele, Rosen liegen davor. „Es ist ein sehr aktives Denkmal, ein schönes Beispiel für Erinnerungskultur“, sagt Grimm. „Vielleicht wollen sich nicht alle mit Bismarck oder irgendeinem anderen Kaiser beschäftigen.“

Foto: Der Platz am Kottbusser Tor, von Berliner*innen nur „Kotti“ genannt Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

Um möglichst viele Diskriminierungsformen mitzudenken, müssten viele An­woh­ne­r*in­nen mitgestalten dürfen. Wichtig seien auch „dritte Orte“, also soziale Orte jenseits von Arbeit und Zuhause. „Aufenthaltsorte für Jugendliche, Bibliotheken, Nachbarschaftsräume ohne Konsumzwang“, sagt Grimm. „Manche Personengruppen brauchen öffentliche Räume mehr als andere, weil sie weniger finanzielle Ressourcen haben.“ Andere bräuchten auch mehr Schutz. Als Beispiel im Kiez nennt Grimm das Frauenzentrum Schokoladenfabrik, das Angebote an Menschen richtet, die unter patriarchalen Strukturen leiden. Dort endet der Spaziergang.

Nur in der Theorie seien öffentliche Räume allen zugänglich. Sportanlagen werden im Sommer oft von Männern, gern oberkörperfrei, dominiert. Aber es gäbe Versuche, das aufzubrechen: Das feminist spaces collective etwa sucht diese Orte in Gruppen auf, um sie zugänglicher zu machen. Und in Grimms Vision einer solidarischen Stadt finden neben unterschiedlichen Menschen auch Pflanzen und Tiere ihren Platz.

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