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Krankenpflegerin aus Mogadischu„Wir wurden beschimpft, auch von Frauen“

Muna Ali Abdillahis Vater bestärkte sie schon als Kind, sich für ihre Rechte einzusetzen. Die Krankenpflegerin aus Mogadischu spricht über Gewalt gegen Frauen.

„Politische Repräsentation von Frauen ist wichtig“ – Muna Ali Abdillahi Foto: privat

Schon als junges Mädchen habe sie eine gewisse Wut im Bauch getragen, erzählt Muna Ali Abdillahi. Wenn sie in der Schule von Jungen provoziert und belästigt wurde, dann habe sie sich das nicht einfach gefallen lassen: „Ich kämpfte – auch physisch – wenn es sein musste.“

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft
feministaz

Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.

Muna Ali Abdillahi lebt in Mogadishu, der Hauptstadt Somalias, an der Ostküste Afrikas. „Unsere Gesellschaft ist stark patriarchal geprägt“, erzählt sie am Telefon. Dennoch sei es ihr Vater gewesen, der sie ermutigt habe, für sich und ihre Rechte einzustehen. Ali Abdillahis Kindheit liegt schon viele Jahre zurück. Aber ihr Kampf für Frauenrechte, der ist der heute 45-Jährigen über all die Jahre geblieben.

Inzwischen arbeitet die ausgebildete Krankenpflegerin als Gender-Expertin mit Schwerpunkt geschlechtsspezifische Gewalt und weibliche Genitalverstümmelung. Sie berät in Somalia unter anderem das Bildungsministerium, hat schon als Managerin für Projekte gearbeitet, die von der Weltbank finanziert wurden. „Ich kümmere mich mit einem Team um den Schutz von Frauen und Kindern in Gemeinschaften“, sagt sie.

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Wichtig sei ihr dabei, dass Frauen ökonomisch und politisch gestärkt werden. „Politische Repräsentation von Frauen ist wichtig“, sagt Ali Abdillahi. Denn Frauen seien „von allen Konflikten und Katastrophen besonders getroffen, deswegen müssen ihre Stimmen und Lebenswelten besser Gehör finden.“ Sie seien auch unentbehrlich für Friedensarbeit, denn sie agierten oft sehr lokal.

Auf der Flucht sein, das kennt Ali Abdillahi aus eigener Erfahrung

In den deutschen Schlagzeilen taucht Somalia vor allem wegen Dürre, Wasserknappheit und einer anhaltenden Hungerkrise auf. Das Land ist enorm von den Folgen des Klimawandels betroffen. Zudem wird die Bevölkerung von der islamistischen Al-Shabaab-Miliz terrorisiert. Es sind keine einfachen Ausgangsbedingungen.„Auch in Mogadischu ist die Wassersicherheit nicht für alle gewährleistet, teilweise müssen Frauen lange Wege zurücklegen, um an Wasser zu kommen“, sagt Muna Ali Abdillahi. Für die vielen Binnengeflüchteten sei es besonders schwer, an Nahrung und Arbeit zu kommen. Auf der Flucht zu sein, das kennt sie auch aus eigener Erfahrung.

Eine Weltkarte mit Stecknadeln, die ein Netzwerk markieren
Solidarisch vernetzt

Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.

Ali Abdillahi hat in Mogadischu die ersten zehn Jahre ihres Lebens verbracht. 1991, als Somalias damaliger Militärdiktator Siad Barre gestürzt wurde und das Land in den Wirren eines Bürgerkriegs versank, floh ihre Familie nach Hargeisa, die Hauptstadt von Somaliland. Somaliland ist de facto seit 1991 ein eigener Staat, wird international aber weitgehend nicht als solcher anerkannt. Erst kürzlich allerdings erfolgte die Anerkennung durch Israel.

Bevor sie später nach Mogadischu zurückkehrte, machte Ali Abdillahi im Edna Adan Maternity Hospital in Hargeisa ihre Ausbildung. Dort lernte sie auch Ifrah Yousuf kennen, eine Hebamme aus Somaliland. Das Non-Profit-Krankenhaus kümmert sich um die Gesundheit von Frauen, Kindern und Kriegstraumatisierten, klärt auf über weibliche Genitalverstümmelung.

Nach ihrer Ausbildung arbeitete Muna Ali Abdillahi zunächst als Krankenpflegerin, seit den 2000er Jahren engagiert sie sich in verschiedenen Nicht-Regierungs-Organisationen. Anfangs setzte sie sich für Bildungschancen von Jugendlichen ein, später konzentrierte sie sich auf Frauenthemen – ein damals extrem tabuisiertes Thema.

„Gewalt an Frauen, Genitalverstümmelung, über all das wurde nicht gern geredet“, erzählt Ali Abdillahi. „Wir trafen auf sehr viel Widerstand und wurden beschimpft. Auch von Frauen. Oft wurde uns vorgeworfen, wir wollten ihnen westliche Kultur überstülpen.“

Aber manches habe sich auch verändert. Heute sei es einfacher geworden, über Frauenrechte öffentlich zu sprechen, sagt Muna Ali Abdillahi. „Aber somalische Frauen leiden immer noch stark.“ Sie verdienten Grundrechte, politische Teilhabe, ein gerechteres Rechtssystem. „Einfach ein Leben, das sie genießen können.“

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