: Verkümmernde Hirne
Neues vom bizarren Schaumwort „zunehmend“
Lange Jahre haben wir gegen den zunehmenden Gebrauch des Schaumworts „zunehmend“ gekämpft und den Kampf zunehmend aufgegeben. Denn das partizipiale Adjektiv wird inzwischen ohne jeden Sinn und Verstand eingesetzt. Zwar klingt es wertvoll und gediegen, aber seine ursprüngliche Bedeutung hat es längst verloren, sodass es immer wieder zu bizarren Konstruktionen kommt. Von der Wahrheit gesammelte Beispiele sind „Alte werden zunehmend abgehängt“ oder „Zunehmender Mangel an Bienen“ oder „Das Briefgeschäft bröckelt zunehmend“. Am Dienstag nun wurden unsere Wahrnehmungsorgane von einer weiteren formvollendeten Variante getroffen, als die Nachrichtenagentur dpa einen Kommentar der australischen Zeitung The Age zum vierten Jahrestag des russischen Kriegs gegen die Ukraine folgendermaßen übersetzte: „Russlands lebenswichtige Energieexporte verkümmern zunehmend …“ Zunehmend verkümmern – das soll doch bitte mal einer bei dpa vormachen. In der alten Trickkiste der Rhetorik nennt sich so etwas ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich. Das ist wie zunehmend abnehmen. Es funktioniert einfach nicht. Die offiziösen Schaumsprachensprecher schalten ihre Hirne zusehends nicht mehr ein.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen