: Ganz viele verschiedeneSpiele
So nachhaltig zersplittert waren Olympische Winterspiele noch nie. Das Event ist zu groß und sehr politisch geworden. Finale Stimmungseindrücke
Aus Mailand Andreas Rüttenauer
Zu spät. Wer nicht schon zum Springen des Teamwettbewerbs in der Nordischen Kombination nach Predazzo gefahren ist, für den gibt es keine Shuttlebusse mehr vom Bahnhof Auer. Eine junge Frau, aus deren Rucksack eine finnische Fahne herauslugt, steht ratlos da. Zwei Japaner versuchen herauszubekommen, wie der Nahverkehr von Südtirol ins Trentino funktioniert. Ein Volunteer versucht zu beraten. „Alle Busse haben Verspätung“, sagte er. Ein Linienbus kommt noch. Doch ob der ohne Schneeketten hochkommt ins Skistadion von Tesero, kann der Fahrer nicht garantieren. Es schneit. 30 Zentimeter Neuschnee sind angesagt. Etwa 50 Olympiafans steigen ein. Ein paar geben auf und bleiben im Tal.
Spontan bildet sich eine Gruppe von Olympiatouristen, die sich ein Großraumtaxi teilt. So sitzen zwei Münchnerinnen, zwei Männer aus dem Schwarzwald, ein Biathlonfan aus Dresden, der Reporter der taz und ein Australier zusammen in einem Kleinbus. Und alle hoffen, dass es der recht waghalsige Fahrer beim Versuch, es noch rechtzeitig zum Start der Läufer nach Tesero zu schaffen, nicht übertreibt. Er gibt sein Bestes. Rechtzeitig zum Sturz von Vinzenz Geiger sind alle an der Strecke.
Doch allein die Fahrt beschert ihnen schon das, was man vielleicht einen olympischen Moment der Begegnung nennen kann. Die Münchnerinnen staunen über den Dresdner, der schon seit ein paar Tagen in der Gegend ist. Bei den Staffeln war er, hat gesehen, wie die deutschen Langläuferinnen Bronze im Teamsprint gewonnen haben, und er hat noch Karten für den Massenstart im Biathlon.
40 Euro hat er pro Karte gezahlt, weil er sich schon zu Vorverkaufsbeginn als Interessent hat registrieren lassen. Die Schwarzwälder sind im Langlaufurlaub und wollen mal olympische Luft schnuppern. Den Münchnerinnen geht es ähnlich. Ihnen würde es reichen, wenn sie die Siegerehrung sehen könnten. Und der Australier? Was macht der denn hier? Er ist für die 50 Kilometer der Männer am Samstag angereist. Da startet sein Schulfreund Seve de Campo. Er zeigt ein paar Fotos, die ihm sein Freund von der Eröffnungsfeier geschickt hat.
Am Ende der zwei olympischen Wochen, nach unzähligen Medaillenentscheidungen, ist der Auftakt dieses Megaevents fast schon vergessen. Damals ist wenig über die nette Show gesprochen worden, bei welcher der unvermeidliche Andrea Bocelli wieder einmal sein unvermeidliches „Nessun Dorma“ geschmettert hat. ICE war das große Thema zur Eröffnung der Spiele.
Dass die mörderischen Truppen Donald Trumps, die zur Abwehr von Migration vor nichts zurückschrecken, auch in Mailand anwesend waren, um Sicherheitsaufgaben im Zusammenhang mit dem Olympiabesuch von US-Vizepräsident JD Vance zu übernehmen, hatte die Stadtgesellschaft aufgewühlt. Bei der Eröffnungsfeier erntete Vance Pfiffe von dem nicht gerade als besonders aktivistisch verschrienen Olympiapublikum.
An den anderen Olympiaorten, in Bormio, in Livigno, Predazzo, Tesereo und Cortina d’Ampezzo war die Aufregung weit weniger groß. Dort hatte man auch nicht miterleben müssen, wie ein paar Tage ganze Straßenzüge mit massivem Polizei- und Militäraufgebot abgesperrt wurden, damit die Wagenkolonne des US-Vizepräsidenten freie Fahrt zu den Wettkampfstätten hatte, die er besucht hat. Am Platz vor dem Duomo sah es einmal fast so aus, als würde eine Art Militärparade vorbereitet.
Aber so war das eben bei dieser Ausgabe der Olympischen Winterspiele. Jeder Austragungsort hatte seine eigene Stimmung. In Livigno, wo im Snowpark, auf der Buckelpiste und an den Aerialschanzen auf Ski und Snowboard getrickst wurde, sah es bisweilen so aus wie an einem Globetrotterhotspot irgendwo auf der Welt, wo junge Menschen aus den USA, Kanada, Australien, Japan oder Neuseeland zusammenkommen, um mit dem immer gleichen Bier zur immer gleichen Musik die immer gleiche Party zu feiern. Dass auch die herausragenden Sportlerinnen und Sportler, deren Salti und Schrauben in atemberaubender Höhe wahrhaft spektakulär sind, vermitteln, es sei alles nur Spaß, was sie da treiben, passt da nur allzu gut.
Michela Moioli, die in Italien so verehrte Snowboarderin, die Silber und Bronze im Boardercross gewonnen hat, schlüpfte einmal bei der Champions-Parade im Fan-Village in die Moderatorinnenrolle und fragte die kanadische Freeskierin Megan Oldham, was sie bei ihren Sprüngen von der Big-Air-Schanze empfunden habe: „Did you have fun?“ Ja, was denn sonst. Natürlich hatte die Olympiasiegerin Fun.
Eine Busstunde von Livigno entfernt, hinter dem 2.200 Meter hohen Foscagno-Pass, unten im Tal, war die Stimmung weit weniger gut. In Bormio, wo die Alpinski-Wettbewerbe der Männer sowie das neue Ski-Mountaineering stattgefunden haben, musste man bisweilen auf die Straßenbeflaggung mit den fünf Ringen schauen, um sicherzugehen, dass da gerade Olympische Spiele stattfinden. Hätten die Schweizer Spitzenskifahrer nicht so viele Fans, wäre es auch an den Renntagen wohl eher ruhig geblieben. Und so ist auch um Lucas Pinheiro Braathen, den extrovertierten brasilianischen Riesenslalom-Olympiasieger aus Norwegen, nicht wirklich die ganz große Party ausgebrochen.
Der deutsche Slalomspezialist Linus Straßer, der sein Rennen auf Platz neun beendet hatte, sprach gar von einer „sterilen“ Atmosphäre. Im alpinen Rennzirkus gibt es gewiss größere Events. Im Vergleich zu den Partyrennen von Kitzbühel oder Schladming kommen die Spiele fast schon vornehm daher. Dass man das neue Zielhaus an der Piste Stelvio so gebaut hat, dass die erste Zuschauerreihe fünf Meter über dem Auslauf ist, war der Stimmung sicher nicht gerade zuträglich.
In Cortina d’Ampezzo, wo die Frauen ihre alpinen Skirennen ausgefahren haben, sah die Zieltribüne auch nicht anders aus als in Bormio. Die Stimmung war aber weitaus besser an dem Ort, an dem der italienische Skisport so etwas wie seine Zentrale hat, während Bormio zwar eine schwere Abfahrt, aber eben keine große Wintersporttradition hat. Als dann noch Federica Brignone zweimal Gold für Italien auf der Piste gewonnen hat, kannte der Jubel in Cortina kaum Grenzen.
Darüber hätten die Männer vielleicht gerne in der Kantine des Olympischen Dorfs mit den Skirennläuferinnen gesprochen. Derartige Begegnungen waren bei diesen Spielen, die sich von der Lombardei über das Trentino bis nach Venetien und Südtirol erstreckt haben, nicht möglich. Und so waren vor allem die Athleten in Bormio in ihrem olympischen Dorf, das aus drei umzäunten Hotels bestand, ein wenig einsam. Dass Straßer behauptete, da sei die Stimmung vor vier Jahren in Peking ja noch besser gewesen, ist angesichts der irrwitzigen Hygieneblase, in die Sportlerinnen wegen der noch grassierenden Coronapandemie damals eingesperrt waren, dann doch ein wenig verwunderlich.
Wer die vielen Fans aus Skandinavien mit ihren kleinen Fahnen im Langlaufstadion oder an der Loipe gesehen hat, die beinahe schon hysterische Stimmung beim Eiskunstlauf in Mailand erleben durfte, die Besetzung der Eisschnelllaufhalle durch Fans aus den Niederlanden oder die Lautstärke während der Spiele der Eishockeyteams aus den USA oder Kanada, wird kaum sagen können, den Spielen habe es an Stimmung gefehlt. Während es in den Hallen brodelte, war es nicht ganz so einfach, an einem verregneten Tag bei vorfrühlingshaften Temperaturen in Mailand in Wintersportstimmung zu kommen. Da konnten die Sponsoren noch so viele Pavillons mit irgendwelchen Produktpräsentationen und viel schneeweißer Farbe im Stadtraum platzieren.
Großstädte im Winter können eben auch ungemütlich sein. Aber da lassen sich die großen Hallen finden oder unterbringen, dort gibt es genug Hotelbetten für die Fans der Eissportarten. Der riesige Platzbedarf für die Produktion der Fernsehbilder ist ebenso vorhanden wie Räumlichkeiten für das Medienzentrum oder die organisatorische Leitung der Spiele. Die sind einfach zu groß geworden, um sie in einem Ort in den Bergen unterzubringen. Einmal keine neue Biathlonanlage zu bauen, sondern einfach das bestehende und vor allem von den Fans aus Deutschland so geschätzte Stadion von Antholz mit olympischen Weihen zu versehen, ist der Weg der Nachhaltigkeit, den das IOC mit seiner Agenda 2020 eingeschlagen hat.
2030 finden die Winterspiele in den französischen Alpen statt. Auch das werden Spiele der weiten Wege. Das Zentrum soll in Nizza sein. Wer von da mit Bus und Bahn zu den alpinen Skirennen nach Val-d’Isère fahren möchte, ist mehr als zehn Stunden unterwegs. Auch in vier Jahren wird es das olympische Gemeinschaftsgefühl nicht geben, und die Fans in der Stadt werden nicht spüren können, wie sich Olympia an der Langlaufstrecke von La Clusaz in Hochsavoyen anfühlt.
Auch 2030 wird es eine Herausforderung sein, die Fanmassen in die Alpentäler zu bekommen. Schön war das bei italienischen Spielen wirklich nicht immer. Wer nach einem Rennen vom Langlaufstadion noch einmal hochgeschaut hat ins malerisch gelegene Bergdorf Tesero, dem wird der Geruch von Dieselabgasen in die Nase gekrochen sein. Das Motorbrummen der unzähligen Reisebusse war für die Fans vor Ort wohl das typische Geräusch dieser Spiele. Obwohl die Anreise mit privatem Pkw zu den Wettkampforten in den Bergen nicht erlaubt war, krochen vor und nach dem Start eines Rennens stundenlang Wagenkolonnen durch die Orte. VIP-Gäste mussten natürlich nicht im Bus mit Krethi und Plethi anreisen, die wichtigen Funktionäre ebenso wenig. Der Aufwand, der für die TV-Übertragungen getrieben wurde, fand seinen Niederschlag in einer Unzahl von Fahrzeugen.
Zusammengebunden wurden die Wettbewerbe sowieso allein durch die Übertragungen. Die Medien haben aus den über Norditalien verteilten Spielen ein Gesamtwerk gemacht. Die Ringe und das Logo der Spiele sehen eben an der Skisprungschanze in Predazzo genauso aus wie beim Curling in Cortina. Unzählige Mitarbeiter des IOC und der Sportverbände achten auf ein einheitliches Erscheinungsbild. Und so muss sich ein Sportler auch schon mal von irgendeiner offiziellen Person mit Knopf im Ohr anschnauzen lassen, weil er den falschen Weg in die Mixed Zone zu den Journalisten eingeschlagen hat.
Und ein anderer muss gar den Wettbewerb verlassen, weil er gegen irgendeine Regel verstoßen hat. Der Ausschluss von Wladyslaw Heraskewytsch von den Spielen war der Skandal dieser Spiele. Der ukrainische Skeletoni hatte auf seinem Helm Bilder von 20 Sportlerinnen und Sportlern aufbringen lassen, die im Krieg der Russischen Föderation gegen sein Heimatland ums Leben gekommen sind. Das war dem IOC, zu viel der Erinnerung an die Realitäten der Welt da draußen. Unterdessen schiebt das IOC ausgerechnet in diesem harten Winter, in dem Russland die ukrainische Energieversorgung ein ums andere Mal attackiert, die Rückkehr russischer Hoheitszeichen in den Weltsport an.
Mit den Realitäten in der Heimat hatten auch Sportlerinnen und Sportler aus den USA während der Spiele zu kämpfen. Nicht wenige von ihnen haben ihren inneren Zwiespalt formuliert, ihre Heimatliebe in die Arenen getragen, nicht ohne vorher klargestellt zu haben, wie unwohl sie sich damit derzeit fühlen. Auch einige der immer sehr zahlreichen Olympiatouristen aus den USA haben ihren Unmut über die Zustände in der Heimat in die Arenen getragen. Die Ankündigung Donald Trumps, zum Ende der Spiele nach Italien zu kommen, muss ihnen wie ein Hohn vorkommen. Allein mit seiner Ankündigung hat er gerade zu dem Zeitpunkt die Spiele regelrecht gekapert, als man gerade vergessen hatte, wie unangenehm die Anwesenheit seines Vize zu Beginn der Spiele war. 2028 finden die Sommerspiele in Los Angeles statt. Gut möglich, dass die Welt sich dann ein wenig wehmütig an die Stimmung der Spiele in Italien erinnert.
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