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Doris AkrapGeraschelFasten wie die Feste fallen statt Fasten bis zum Umfallen

Foto: privat

Vor der Erfindung von Kühlschrank, Gewächshaus und Lieferketten gingen spätestens Ende Februar die Wintervorräte zur Neige. Die Eröffnung einer Filiale vom Mini-Spar war noch in weiter Entfernung und also musste an Essen gespart werden. Und wie das so ist mit den Religionen, wurde aus der Not was Spirituelles gezaubert: die Fastenzeit.

Heute ist Fasten lifestyle und eine ganzjährige Beschäftigung. Ausgerechnet diese Woche, kurz vor Aschermittwoch, dem Beginn der christlichen Fastenzeit, hat die Wissenschaft nun festgestellt: Intervallfasten bringt nichts. Beziehungsweise auch nicht mehr als andere Diäten. Zwar wird weniger Essen prinzipiell immer noch als effektiver Weg zum Abnehmen empfohlen. Täglich nur etwa acht Stunden (oder für die volle Portion protestantische Euphorie: nur jeden zweiten Tag) mit Nahrungsaufnahme und den Rest mit Verzicht zu verbringen, scheint aber keine Supersizeversion von Longevity zu bringen.

Weder Lebensqualität noch Diabetesstatus und Blutfettwerte würden sich sonderlich beeindruckt von größeren Esspausen zeigen. Gewichtsverlust und verbessertes Körpergefühl seien auch mit jedem herkömmlichen Verzicht erzielbar.

Wer sich „gesund ernährt“, so eine weitere aktuelle wissenschaftliche Erkenntnis, kann im Schnitt zwei bis drei Jahre länger unter den Lebenden verbringen als ein Wesen, das nicht auf seine Ernährung „achtet“.

Wow! Das ganze Leben Verzicht üben für gerade mal zwei, drei Jahre mehr? Sicher, wenn es dann mal so weit sein wird, werde ich die zwei, drei Jahre wahrscheinlich schon gern noch mitnehmen wollen. Aber was für eine Aussicht sind zwei bis drei Jahre irdisches Vegetieren gegen die Verheißung des ewigen Lebens?

Pro­tes­tan­t*in­nen sind bekanntlich die kulturellen Vorläufer der Selbstoptimierung, für zwei, drei Jahre Lebenszeitbonus tun sie alles: liefern, nicht lümmeln! Auch die Work-life-Balance ist am Ende nichts anderes als die protestantische Vermessung des Lebens. Der ganze Protestantismus ist eine einzige Fastenreligion.

Seit Aschermittwoch ist die gesamte christliche Welt und zufälligerweise auch die gesamte muslimische Welt in der Fastenzeit. Die Christen verkürzen sich damit das Warten auf Ostern, der Tag, an dem Gott seinen Sohn von den Toten hat auferstehen und ins ewige Reich holen lassen und der Menschheit bis auf Weiteres versprochen hat, ihn von dem Bösen zu erlösen und fortan jeden Einzelnen auch so zu behandeln wie seinen Sohn.

Hier ­erscheinen zwei Kolumnen im Wechsel. Nächste Woche: „Grauzone“ von Erica Zingher

Im Gegensatz zu der ungewissen Zukunft und der Frage, ob Gott sich an sein Versprechen erinnert, wenn man mal an seine Türe klopft, stellt sich die Erlösung beim vorösterlichen Fasten recht schnell ein: der Verlust von Weihnachtsspeck und Winterfett. Doch selbst hier bietet vor allem der Katholizismus ein Schlupfloch. Dafür wurde er ja erfunden: um für jede Regel einen Weg zu finden, wie man sie umgehen kann. So ist zwar feste Nahrung beim Fasten unerwünscht, dem Flüssigen aber sind keine Grenzen gesetzt. Dank der Mönche im Mittelalter gibt es deswegen das „Fastenbier“ mit wesentlich höherem Würz- und Alkoholgehalt als jedes herkömmliche, ein absoluter Partykracher.

Heute aber ist Protestantismus statt Partykracher, selbst die Armbanduhr schlägt Alarm, wenn sie der Meinung ist, ihr Träger hatte eine Überdosis Transfette. Clean Eating und Rund-um-die-Uhr-Überwachung der Nahrungsaufnahme hat derart pandemische Ausmaße, dass selbst die Kirchen in Bedrängnis kommen und den Menschen nahe legen, in der Fastenzeit auf andere Dinge zu verzichten als auf Essen: Social Media, Streaming, Autofahren.

Das ganze Leben Verzicht üben für zwei, drei Jahre mehr?

Es soll jeder nach seinem Fastenplan glücklich werden. Ich aber werde weiter fasten wie die Feste fallen und nicht fasten bis zum Umfallen.

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