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großraumdiscoEin Hauch von Freiheit im Arbeiter- und Bauernstaat

Eine Kommune Todgeweihter, die wenigstens über ihr Leben bestimmen wollen, in der DDR: Karsten Krampitz’Roman „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“

Ausgerechnet Pankow: eine Ortsmarke, über Jahrzehnte stehend fürs politische Establishment der untergegangenen DDR, egal, ob dessen realsozialistische Führungsriege, von den Sowjets erst mal hier konzentriert, längst draußen in Wandlitz beziehungsweise Bernau wohnte. Nein, nach Pankow fuhr 1983 Udo Lindenbergs Sonderzug, gerichtet war der Song, eben, an den kein bisschen niedlich-harmlosen Ostberliner Chefrocker Erich Honecker.

Ausgerechnet hier also, in den historisch aufgeladenen Räumen einer öffentlichen Leihbücherei – einst ein Waisenhaus für jüdische Kinder – liest Karsten Krampitz an einem frostigen Berliner Winterabend aus einem Buch, das Dissidenz zum Thema hat. Die Dissidenz ganz besonders Abhängiger, von staatlicher Drangsalierung Bedrohter, sollte man meinen. „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ heißt sein Roman, erschienen im vergangenen Herbst.

Auf knapp 200 Seiten hat der promovierte Historiker Krampitz eine Geschichte fiktionalisiert, die ganz real passiert ist in der DDR. Die quer liegt zu so manchem, das bis heute hochgehalten wird im Reden über diese „zweite deutsche Diktatur“; die andererseits aber keinen Eingang gefunden hat in die jüngeren, immer etwas trotzig wirkenden Versuche, das deutsch-deutsche Selbstbild geradezurücken in einem gern auch ostalgischen Sinne.

Einen „DDR-Roman, der aus so ziemlich allen Rastern des Genres“ herausfällt“, erkannte die FAZ. „Mitten in der DDR, in einem abgelegenen kleinen Dorf in Thüringen, blühen Freiheit und Glück“, so stand es in der taz-Rezension. „Und das ausgerechnet für im Rollstuhl sitzende Schwerbehinderte und vom Staat drangsalierte Außenseiter.“ Von „einer gelebten Utopie“ schreibt der Verlag, die unorthodox linke Edition Nautilus.

Erstaunlich, was sich da ab den späten 70er Jahren in der thüringischen Provinz abspielte, „mitten in der DDR“: Eine Handvoll Menschen mit Behinderung, solche, denen die DDR-Medizin nur wenig verbleibende Zeit voraussagte, setzten ein Leben in Autonomie durch. Sie gründeten eine Kommune selbstbewusster Krüppel. „Die haben beschlossen: Wir brechen aus“, so erzählt es Krampitz nun im kleinen Vortragsraum der Janusz-Korczak-Bibliothek. „Wenn wir unsere Rente zusammenlegen und unser Pflegegeld, dann haben wir so viel, dass wir noch zwei, drei andere, zwei, drei Latscher mit durchfüttern können. Die müssen uns helfen.“

„Latscher“, das sind die Nichtbehinderten in der Kommune, anfangs Pfleger aus dem Arnstedter Marienstift, in dem die Kom­mu­nard:­in­nen sich kennengelernt hatten; später zieht die freiheitliche Zelle Gleichgesinnte aus allen Teilen des erklärten Arbeiter- und Bauernstaats an. Im Buch findet so auch die in Berlin in Ungnade gefallene Band Mischpoke Asyl im entlegenen Thüringen, angelehnt an die real existierende Combo Freygang.

Eine widerspenstige Region sei Thüringen zu DDR-Zeiten gewesen, hat der in Zittau/Görtlitz lehrende Soziologe Raj Kollmorgen 2020 im Gespräch mit der Zeit gesagt. „Auch wegen der Grenzlage war das DDR-Herrschaftsregime schwächer als andernorts, der Widerstand stärker. Ohne Jena wäre die friedliche Revolution nicht denkbar.“

Das Haus in Hartroda stellte die Kirche, einer der dort Einziehenden hatte auch Theologie studiert, im Fernstudium. Aber wegen seiner Behinderung wurde ihm nicht zugetraut Pfarrer zu werden: „Da sagte die Kirche, du kannst die Leute nicht anständig unter der Erde bringen“, erzählt Krampitz über diese Hauptfigur, die bei ihm Gruns heißt.

Matthias Vernaldi, der echte, 2020 verstorbene Laienprediger, war ab 1990 von Berlin aus ein engagierter Behindertenrechtsaktivist. Krampitz hat ihn gut gekannt, lange auch mit ihm zusammengearbeitet – dass er dann im vergangenen Jahr den „Matthias-Vernaldi-Preis für selbstbestimmtes Leben“ erhielt, ist irgendwie folgerichtig.

Die haben beschlossen: Wir brechen aus, so erzählt Krampitz nun

Mit der Rolle der Kirche in der DDR, zumal der späten, kennt Krampitz sich aus, promoviert wurde er über das Staat-Kirche-Verhältnis in der DDR nach der Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz im August 1976, überhaupt „ein Schicksalsjahr“: Vor seinem ganz überwiegend wohl DDR-sozialisierten Publikum unterbricht er immer wieder seine Lesung, streut teils herrlich abschweifende Erklärungen ein – oder auch nur einen Kalauer, der es nicht durchs strenge Hamburger Lektorat geschafft hat. Alexander Diehl

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