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Verfassungsausschuss über Vulkangruppen„Feuer hinterlässt nur selten Spuren“

Zum Sabotageakt des Stromnetzes in Südberlin äußert sich der Verfassungsschutz zurückhaltend. Das Ausbleiben von Neuigkeiten schadet seinem Image.

Auch weiterhin bleiben gesicherte Informationen zum Sabotageakt in Zehlendorf rar Foto: imago/taz

Aus Berlin

Nathan Pulver

Der Anschlag auf das Stromnetz Südberlins vom 3. Januar wirft viele Fragen auf. Um diese zu beantworten, tagte am Montagnachmittag der Ausschuss für Verfassungsschutz im Abgeordnetenhaus. Diskutiert wurden zwei Anfragen. Eine stammt von CDU und SPD und fragt nach dem „Kenntnisstand des Tätermilieus“. Die andere ist eine Grünen-Anfrage zur „Bedrohungslage für Berlins kritische Infrastrukturen durch Anschläge und Sabotageaktionen aus dem In- und Ausland“.

Das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach neuen Erkenntnissen, Fakten und Beweisen ist hoch. Doch gesicherte Informationen bleiben auch weiterhin rar. Die Antworten, die der Sprecher des Verfassungsschutzes dem Ausschuss gab, entsprechen weitestgehend den bisher bekannten Ansätzen in den Medien.

Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes handle es sich bei den Saboteuren des Zehlendorfer Stromnetzes „um linke Ökoanarchisten, die mit ihren Aktionen Gewalt propagieren“. Diese „machen den Kapitalismus gleichsam verantwortlich für globale Krisen und Klimakatastrophen“ sowie „den vermeintlichen Wiederanstieg des Faschismus“. Sie treten mit Bekennerschreiben an die Öffentlichkeit und bezeichnen sich dort als Vulkangruppen – der Verfassungsschutz verweise auf sie bewusst „im Plural“.

Die Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“

In einem Schreiben einer „Vulkangruppe“ hatten sich die Ab­sen­de­r:in­nen erstmals am 4. Januar 2026 zu dem Brandanschlag auf das Stromnetz in Berlin bekannt. Am 6. Januar wurde ein weiteres Schreiben einer „Vulkangruppe“ veröffentlicht. In einer sogenannten Richtigstellung reklamierten sie den Angriff noch einmal für sich, nachdem spekuliert wurde, ob der Angriff nicht eine Sabotageaktion Russlands war. In einem dritten, am 7. Januar publizierten Schreiben behaupteten mutmaßlich andere Au­to­r:in­nen, sie seien die ursprüngliche „Vulkangruppe“ und hätten mit den Anschlägen der letzten Jahre nichts zu tun. Am selben Abend erscheint ein Schreiben, in dem behauptet wird, „mit gezielten Schnitten und Bränden an den Kabelbrücken“ hantiert zu haben.

In einem am 8. Januar veröffentlichten fünften Schreiben einer „Vulkangruppe“ bedauert diese, dass neben dem Gaskraftwerk auch private Haushalte betroffen waren, da dies nicht beabsichtigt gewesen sei. Mit dem heutigen Wissen um die Auswirkungen, hätte die Gruppe den Angriff in eine warme Jahreszeit verlegt, heißt es dort. Am 11. Januar folgt ein Schreiben, das jenes der selbst ernannten ursprünglichen Vulkangruppe als „Fake“ zurückweist und für sich die Tat von 2011 reklamiert. Das bisher letzte Schreiben erscheint am 12. Januar. Mit dem bislang detailliertesten Tatbeschreibungen reklamiert es den Anschlag in Lichterfelde für sich.

Verschiedene Akteure sabotieren unter dieser Bezeichnung seit rund fünfzehn Jahren wiederholt Strom-, Schienen- und Telekommunikationsnetzwerke mit „kinetischen Mitteln“, also mit Feuer. Die ausbleibenden Erfolge in den mehrjährigen Untersuchungen erklärt sich der Sprecher durch das „hohe Maß an Professionalität und Klandestinität“, das die Gruppen aufweisen. Er fügt an: „Feuer hinterlässt nur selten Spuren.“

Der Mangel an Informationen konsterniert die anwesenden Politiker:innen. Wiederholt schießen sie mit Fragensalven durch den Raum: Was sind etwa die Kommunikationswege der Vulkangruppen? Mit welchen anderen Gruppierungen stehen sie in Kontakt? Wie rekrutieren sie neue Mitglieder? Gibt es Erkenntnisse zu ihrem sozioökonomischen Hintergrund? Linken-Politiker Niklas Schrader bemerkt: „Man kann dem Verfassungsschutz ja einiges vorwerfen, aber nicht, dass er Linksextremismus vernachlässigt.“

Sonderorganisation für Sonderauswertung

Der Sprecher will „erst mal gar nichts dazu sagen“ und betont, dass die meisten dieser Fragen „ermittlungsrelevant“ seien. Es sei daher im Interesse der Allgemeinheit, sie auch weiterhin unbeantwortet zu lassen, damit die Ermittlungen „so ruhig, so gut und so besonnen wie möglich fortgesetzt werden können“. Da die Ermittlungen mittlerweile in den Händen des Bundeskriminalamts liegen, müsse der Generalbundesanwalt entscheiden, wie er damit die Öffentlichkeit unterrichten möchte. Dagegen ließ der Verfassungsschutz wissen, dass er in dieser Sache nun eine „Sonderorganisation“ für eine Sonderauswertung gebildet habe.

Dem bisher letzten Schreiben einer Vulkangruppe vom 12. Januar lässt sich längst deren Reaktion auf die Ermittlungen entnehmen: „Sollen die Bullen doch 100 Ermittlungsansätze prüfen. Während sie lesen, sägen wir.“

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