Politische Graffit in Russland: „Du ziehst uns in die Hölle!“
Auf russischen Straßen prangen Graffitis, die Putin und den russischen Angriffskrieg kritisieren. Eine Fotostrecke zeigt, wie die Kreml-Propaganda unterlaufen wird.
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In der Zeit vom 1. bis 7. Januar 2026 öffnet Mediazona mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland.
Seit Beginn der Vollinvasion in der Ukraine suchen Menschen in Russland nach anonymen Formen des Protests, um Strafen für antikriegsbezogene Äußerungen zu vermeiden. Sie hinterlassen Botschaften im öffentlichen Raum, indem sie Sticker und Flugblätter kleben, Graffiti sprühen und Sprüche an Wände schreiben. Seit 2022 dokumentiert die Anthropologin Alexandra Arkhipova diese Protest-Streetart in Russland anhand von Fotografien, die ihr von Follower:innen zugeschickt werden.
Mediazona präsentiert eine Fotostrecke, die sichtbar macht, wie Menschen in Russland über Krieg und Repressionen denken und einander Halt geben. Die Fotostrecke ist auf Englisch und Russisch verfügbar.
Die Anthropologin bezeichnet Menschen, die sich mithilfe von Streetart gegen den Krieg stellen, als „semiotische Partisanen“, weil ihre Kreativität die Bedeutung der offiziellen Propaganda untergräbt. „Sie zeigen, dass es viele Menschen gibt, die diesen Krieg ablehnen“, sagt Arkhipova. „Und sie kämpfen für die Möglichkeit, einen alternativen Standpunkt im öffentlichen Raum sichtbar zu machen.“
Die politischen Botschaften variieren. Manche sind direkt, etwa das Graffito „Nein zum Krieg!“. Andere richten sich an zwei imaginäre Gesprächspartner:innen. Der eine ist „ein Russe“, der der Propaganda glaubt oder sich selbst als „unpolitisch“ bezeichnet und sich von den Geschehnissen distanziert. Genau diese Menschen versuchen semiotische Partisanen zu erreichen.
Das zweite Ziel der semiotischen Partisanen ist Wladimir Putin. Im ersten Kriegsjahr enthielt Streetart oft direkte Botschaften an Putin, ohne dass sein Name immer erwähnt wurde: „Hau ab!“, „Du hast es vermasselt!“, „Du ziehst uns in die Hölle!“.
„Nein zum Krieg!“
In den vergangenen Jahren ist die Zahl direkter Botschaften – nicht nur an Putin, sondern allgemein – zurückgegangen, sagt Arkhipova gegenüber Mediazona. „Der Dialog findet innerhalb der Gruppe statt, nicht mit einem externen Publikum“, sagt sie. „Gleichzeitig besteht kein Zweifel daran, wem all diese Inschriften mit verschleierten Todeswünschen gewidmet sind.“
Auf dem Bürgersteig nahe einer Schule in Lobnja bei Moskau steht in Kreide geschrieben: „Er ist noch nicht tot, aber am Ende seiner Kräfte! Nein zum Krieg!“ In Sankt Petersburg zeichnet jemand minimalistisch ein Grab und ergänzt die Worte „Blumen für Wolodja“. Auch das Motiv des Balletts als Symbol für den Tod des „Führers“ fand sich in der russischen Protestkunst wieder.
Es gibt viele weitere Symbole, darunter den Papierkranich als Zeichen gegen den Krieg. Auch Russen lassen ihn an beliebigen Orten zurück. „Diese kleine, unscheinbare Geste richtet sich weniger an ihre Mitmenschen als vielmehr an sie selbst“, glaubt Arkhipova. Der deutsche Historiker Alf Lüdtke bezeichnete solche Dinge als Eigensinn. Es handelt sich weniger um eine politische Aussage als um eine Geste, die zeigen soll: Ich habe mich nicht gebeugt, ich behalte meinen eigenen Willen, ich bin gegen diesen Krieg.
An einem Eingang zur U-Bahn in Kasan, Tatarstan, ist ein Aufkleber mit der Aufschrift „Freiheit für politische Gefangene“ zu sehen. OVD-Info, ein Menschenrechts- und Medienprojekt, verzeichnet in seinem Bericht „Repression in Russland im Jahr 2025“ 142 Fälle von Verfolgung wegen kriegsfeindlicher Äußerungen. Das ist eine geringere Zahl als in allen Jahren zuvor, in denen der Krieg in vollem Umfang geführt wurde. Alle diese Fälle stehen im Zusammenhang mit Äußerungen gegen den Krieg in der Ukraine.
Anklagen wegen „Diskreditierung“ der Armee
Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Repressionen in Russland nachgelassen haben, betonen die Autoren des Berichts. Der Fokus des Staates liegt nun auf besonders schwerwiegenden Anklagen: Hochverrat und „Terrorismus“.
„Aufrufe zum Terrorismus“ waren 2025 die häufigste politische Anklage: Mindestens 81 Fälle von Verfolgung gab es, davon 46 wegen Kriegsgegnerschaft. An zweiter Stelle steht die Verbreitung von „Fake News“ über die russische Armee mit mindestens 46 Fällen im Jahr 2025, die „Diskreditierung“ der Armee folgt mit mindestens 15 Fällen.
Zitate aus Liedern von Künstler:innen, die sich offen gegen den Krieg in der Ukraine ausgesprochen haben, sprechen oft für sich selbst. „Gegen die Regierung zu sein bedeutet nicht, gegen das Vaterland zu sein. Ich liebe Russland wegen des Dufts von Schwarzen Johannisbeeren“, so lautet eine Zeile aus dem Lied „Labyrinth“ des Rappers Face.
Der Borisowskoje-Friedhof in Moskau, auf dem am 1. März 2024 der in der Strafkolonie ermordete Alexej Nawalny beigesetzt wurde, ist laut Arkhipova zu einem echten „Volksdenkmal“ geworden. Die Menschen bringen bis heute Blumen und Nachrichten zum Grab des Politikers. „Das ist eine Möglichkeit, eine kollektive Aussage zu machen und zu zeigen: ‚Wir sind viele.‘“
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