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Umstrittenes BuchRowohlt geht Väterrechtlern auf den Leim

Der Rowohlt Verlag will mit einem Buch über Eltern-Kind-Entfremdung ein vermeintliches Tabu brechen. Nach Kritik an Desinformation rudert er zurück.

Erlebnisbericht einer Mutter oder Argumentationshilfe für die Väterrechtsbewegung? Foto: Rolf POss/imago

Es liest sich wie eine Propagandaschrift der Väterrechtsbewegung: Unter dem Titel „Werde ich meine Kinder je wiedersehen? Die zerstörerische Macht der Eltern-Kind-Entfremdung nach einer Trennung“ kündigte der Hamburger Rowohlt Verlag im Dezember ein Sachbuch zum Familienrecht an. Thea Talbusch – der Name der Autorin ist ein Pseudonym – „erlebt den Albtraum jeder Mutter. Sie verliert ihre Kinder durch Entfremdung“, heißt es zu dem „aufrüttelnden Buch“. Mit ihm will der Verlag nach eigenen Angaben ein „Tabuthema“ publik machen. Ursprünglich sollte es im Februar erscheinen.

In den Schlagworten des Pressetextes ist die Rede von „gezielter Manipulation bei Kindern“ und „subtilen Strategien der Entfremdung“. Diese Strategien würden sich juristisch oft nur schwer fassen lassen, „aber eine verheerende psychologische Wirkung entfalten“. Das Buch fordert eine „institutionelle Reform“: Jugendämter und Gerichte müssten „spezifisch geschult und besser informiert werden, […] um Entfremdungsprozesse früh zu erkennen und darauf zu reagieren“.

Um eine Pointe vorwegzunehmen: So wie geplant wird der Titel nicht erscheinen, auch wenn der Text schon vor Weihnachten gesetzt vorlag.

Denn was als Erlebnisbericht einer traurigen Mutter daherkommt, wird zu einer Argumentationshilfe für die Väterrechtsbewegung, die – wie 2023 Correctiv dokumentierte – den Gewaltschutz von Frauen und Kindern untergräbt.

Selbst das Verfassungsgericht lehnt das Konzept ab

Erst durch Kritik von außen wurde der Rowohlt Verlag sensibilisiert dafür, dass er mit dem Gerede von Eltern-Kind-Entfremdung, was sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, einen unwissenschaftlichen Begriff verwendet. Dieser geht zurück auf das vom US-Kinderpsychologen Richard Gardner benannte Parental Alienation Syndrom (PAS), mit dem Väterverbände operieren, um zu behaupten, dass ihnen Mütter mit Lug und Trug die Kinder entziehen. Ziel der angeblich „entsorgten“ Väter: sich Vorteile zu verschaffen in Verfahren zum Umgangs- und Sorgerecht, zuweilen sogar trotz häuslicher Gewalt.

Ich würde mir wünschen, wenn Sie sich nicht durch umstrittene Experten aus welcher Szene auch immer manipulieren ließen

Rainer Becker, Ehrenvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, in einem Brief an den Rowohlt Verlag

Im November 2023 entschied das Bundesverfassungsgericht: „Mit der vom Oberlandesgericht herangezogenen Eltern-Kind-Entfremdung wird auf das überkommene und fachwissenschaftlich als widerlegt geltende Konzept des sogenannten Parental Alienation Syndrom (kurz PAS) zurückgegriffen. Das genügt als hinreichend tragfähige Grundlage für eine am Kindeswohl orientierte Entscheidung nicht.“ Die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Reem Alsalem, nannte den Begriff in einem UN-Bericht ein „Pseudokonzept“.

Aufrüttelnd wurde die Ankündigung des Rowohlt-Buches tatsächlich für viele, die seit Jahren für Aufklärung zum Thema kämpfen. Die Journalistin Stephanie Schmidt, die im April 2025 im Deutschlandfunk das Feature „Die Entfremdungs-Lüge: Wie rechte Netzwerke das Familienrecht unterwandern“ veröffentlichte, schrieb an den Verlag: „Nichts ist derzeit so wichtig wie wissenschaftlich genaues Arbeiten.“ Die sogenannte Entfremdung aber sei „Junk Science“.

Die Buchautorin Sonja Howard („Im Zweifel gegen das Kind: Wie Gerichte, Jugendämter und Polizei die Kinderrechte mit Füßen treten“) sagte der taz, es sei „erschreckend“, dass noch immer Bücher zu einem Schlagwort verfasst würden, hinter dessen Konzept sich eine „verworfene Ideologie“ befinde: „Das Grausame ist der Rattenschwanz familiengerichtlicher Verfahren, in denen angeblich entfremdete Kinder gegen ihren Willen über Jahre in Umgänge gezwungen werden. Und das Schlimmste ist, dass dieser Begriff nachweislich seit Jahrzehnten von Gewalt- und Missbrauchstätern genutzt wird, um weiterhin – meist erfolgreich – Zugriff auf ihre Opfer haben zu können.“

Nachwort von umstrittenem Kinderpsychologen

Der Ehrenvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker, wandte sich direkt an Rowohlt: „Ich würde mir wünschen, wenn Sie sich nicht durch umstrittene Experten aus welcher Szene auch immer manipulieren ließen. Streit um gefühlte Eltern-Kind-Entfremdung nützt in aller Regel nur Gutachtern, die hierzu vor Gericht für viel Geld Stellung nehmen sollen.“

Letzteres war eine Anspielung auf den Bremer Kinderpsychologen Stefan Rücker, der bei der Entstehung des Buchs von „Thea Talbusch“ eine wichtige Rolle spielte. Er ist einer der wichtigsten Lobbyisten der Väterrechtsbewegung in Deutschland. Er hat die Buchautorin nach eigenen Angaben vor etwa fünf Jahren kennengelernt und spricht von „Jahren der Zusammenarbeit“. Rücker hat für das Buch ein elfseitiges Nachwort verfasst. Auf der Rückseite des Buchumschlags sollte er mit der Empfehlung zitiert werden: „Was Thea zu sagen hat, muss hinaus in die Welt.“

Rowohlt holte sich damit einen „Familienrechtsexperten“ ins Boot, der seit Jahren in der Väterrechtlerszene unterwegs ist. Er unterstützte die vom Väteraufbruch für Kinder initiierte Kampagne „Genug Tränen! Kinder brauchen beide Eltern!“ Für entfremdete Kinder sagt er dort ein „deutlich erhöhtes Entwicklungsrisiko“ voraus, mit „Depressionen, Essstörungen, selbstverletzendem Verhalten sowie Alkohol- und Drogenerkrankungen“.

Auf Rückers Homepage steht das Statement: „Eltern-Kind-Entfremdung ist Kindesmisshandlung und für mich ein Verbrechen an der seelischen Entwicklung von jungen, orientierungsbedürftigen Menschen. Es ist sogar schlimmer als körperliche Verletzungen, weil die heilen.“ Das kann man so lesen, als würde er körperliche Gewalt gegen Kinder relativieren.

Gutachten für Christina Block

Auch die Steakhaus-Erbin Christina Block, Hauptangeklagte im laufenden Prozess um die Rückholaktion ihrer beiden damals 10 und 13 Jahre alten Kinder in der Silvesternacht 2023/24, hat Rücker beraten, nach Recherchen der Wochenzeitung Die Zeit für 40.000 Euro: „In einem seiner Gutachten, die Christina Block bei Gericht einreicht, schreibt er, David und Emma seien durch ihren Vater von der Mutter entfremdet worden. Mit den Kindern gesprochen hat der Psychologe für das Gutachten allerdings nicht.“

Im November 2025 war Rücker Gesprächspartner in einem Podcast des Hamburger Abendblatts zum Thema Eltern-Kind-Entfremdung. Gerhard Schröders früherer Regierungssprecher Béla Anda lobte den Podcast auf LinkedIn: „So wichtiges Thema.“ Anda ist seit September 2025 PR-Berater von Christina Block und soll ihr Image in der Berichterstattung zum Prozess aufpolieren.

Warum hat bei Rowohlt die Qualitätssicherung versagt? Warum gab es vom Lektorat des Verlags keine frühe Bitte um Einschätzung beispielsweise bei der Rechtsanwältin Asha Hedayati, die 2023 ebenfalls für Rowohlt das Sachbuch „Die stille Gewalt. Wie der Staat Frauen alleinlässt“ verfasst hat?

Hedayati schreibt in dem Buch, Konzepte wie PAS, Eltern-Kind-Entfremdung oder „Bindungsintoleranz“ hätten eine „misogyne und mutterfeindliche Wurzel“: „Es ist doch mindestens erstaunlich, dass Gerichte und Jugendämter sich offenbar nicht vorstellen können, dass Kinder möglicherweise aus guten Gründen den anderen Elternteil ablehnen, vielleicht weil ihnen wirklich Gewalt angetan wurde oder sie die Gewalt des Vaters gegen die Mutter miterleben mussten.“

Wie Rowohlt reagiert

In einem Freitag-Interview 2024 sagte Hedayati zum Thema „Eltern-Kind-Entfremdung“: „Das ist der Begriff der Väterrechtler-Lobby“, ein „unwissenschaftlicher Propagandabegriff“.

Rücker beantwortet einen Fragenkatalog der taz zu seiner Zusammenarbeit mit „Thea Talbusch“ nicht.

Beim Rowohlt Verlag läuft das Krisenmanagement auf Hochtouren. Der Button auf dem Buchtitel zur „zerstörerischen Macht der Eltern-Kind-Entfremdung“ wurde entfernt, die Umschlagseite des Buches mit dem Werbespruch von Rücker im Internet getilgt.

Eine Rowohlt-Sprecherin sagte der taz, die Verwendung des Begriffes „Eltern-Kind-Entfremdung“ werde derzeit „einer intensiven inhaltlichen Prüfung“ unterzogen: „Bis zur Beendigung der Schlussredaktion werden wir darauf verzichten, den Begriff weiterzuverwenden.“ Zur Frage, ob das Nachwort von Rücker wie geplant erscheinen wird, sagt die Verlagssprecherin, dies sei „Bestandteil der Prüfung im Rahmen der Schlussredaktion, die noch nicht beendet ist“.

Update 9.1.2026: Nach Erscheinen dieses Artikels verschob der Rowohlt-Verlag den Erscheinungstermin um neun Monate auf den 31. Dezember 2026. Eine Verlagssprecherin erklärte auf Anfrage, dies sei vorsichtshalber mit Blick auf die Abläufe im Buchhandel und das noch offene Ende der Schlussredaktion geschehen. Die Veröffentlichung stehe allerdings „nicht zur Disposition.“

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