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Studie zu Rechtsradikalen an HochschulenDie Sprachlosigkeit der Universitäten

Institutionelle Sprachlosigkeit und Vereinzelung prägen den Umgang mit rechtsextremen Vorfällen. An Unis sind Betroffene häufig auf sich allein gestellt.

Der mittlerweile verurteilte Franco A Foto: Boris Roessler/picture alliance

Rassistische Parolen in Vorlesungen, Hakenkreuze auf dem Unicampus oder gar ein Nazi als Professor. Rechtsextremismus an Hochschulen kennt viele Erscheinungsformen. Die meisten Universitäten positionieren sich in Leitlinien gegen Diskriminierung. Doch im Umgang mit extrem rechten Vorfällen sind Betroffene häufig auf sich allein gestellt, wie die neue Studie „Rechtspopulismus und Rechtsextremismus an Hochschulen“ der Otto-Brenner-Stiftung zeigt.

Auf Grundlage von Interviews mit Studierenden und wissenschaftlichem Personal stellen die Autoren Lukas Otterspeer (Erziehungswissenschaftler) und Christoph Haker (Soziologe) unter anderem eine „organisierte Vereinzelung“ fest. Das heißt: Ob und wie auf rechtsextreme Vorfälle reagiert wird, hängt oft vom Engagement und den Fähigkeiten Einzelner ab. Einen Grund dafür sehen die beiden Autoren darin, dass Hochschulen kaum Strukturen für einen kollektiven Umgang mit Rechtsextremismus bereitstellen. Neutralitätsansprüche in Hochschulen würden diese Tendenz zudem befördern.

Doch was bedeutet das genau? Schließlich bleiben Hochschulen meist nicht untätig. An vielen Universitäten gibt es inzwischen verschiedene Anlaufstellen für Betroffene, beispielsweise Antidiskriminierungsbeauftragte und Beratungsangebote. Zudem positionieren sich die meisten Universitäten in Stellungnahmen und Leitlinien für Vielfalt und gegen Diskriminierung.

Zwischen der Selbstbeschreibung von Hochschulen und der Realität klaffe aber ein Bruch, sagt Studienautor Haker im Gespräch mit der taz. Wenn es zu Vorfällen an Hochschulen komme, gebe es oftmals „keine klaren Strategien“, so der Soziologe. „Betroffene fühlen sich mit extrem rechten Vorfällen häufig alleingelassen und müssen selbst überlegen, wie sie mit diesen Vorfällen umgehen“, sagt Haker.

Der Rechtsterrorist Franco A. durfte weiterstudieren, als gegen ihn schon ein Prozess lief

Doch wie häufig kommt es an Unis zu solchen Situationen? Und wie verbreitet sind rechte Einstellungen an deutschen Hochschulen? Zahlen zu extrem rechten Einstellungen unter dem Personal an Hochschulen gibt es nicht. Mit Blick auf die Studierendenschaft konstatieren Otterspeer und Haker, man könne anhand von Ergebnissen aus der Einstellungsforschung „vorsichtig schlussfolgern“, dass der Anteil der Studierenden mit rechtsextremer Orientierung „relativ gering“ sei.

Zugleich zeichne sich jedoch ab, dass der Anteil derjenigen Studierenden steige, der sich gegenüber extrem rechten Einstellungen neutral verhält. Untersuchungen wie etwa die Studierendenbefragung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zeigen zudem, dass rund ein Viertel der Studierenden im Studium Diskriminierung erfährt.

Schon ein einzelner rechter Fall an Universitäten kann drastische Auswirkungen auf die Sicherheit und das Wohlbefinden vieler haben. Besonders deutlich wird das etwa am Beispiel des inzwischen verurteilten Rechtsterroristen Franco A. Dieser gab sich als syrischer Geflüchteter aus, hortete Waffen und plante Anschläge.

Und er war noch während des laufenden Prozesses gegen ihn an der Universität in Frankfurt am Main im Fach Jura eingeschrieben. Teile des Lehrpersonals, der AStA und Studierende forderten deshalb 2021 von der Universität ein Schutzkonzept. Die Unileitung reagierte in einer Stellungnahme jedoch lediglich mit einem Pflichtbekenntnis gegen „extremistische und terroristische Einstellungen oder Handlungen“. Eine Universität habe in solchen Fällen „keine universitären Sonderbefugnisse“, hieß es darin weiter.

„Institutionalisierte Sprachlosigkeit“

Eine solche Reaktion folge einem Muster, „das für den Umgang mit Rechtsextremismus […] im deutschen Wissenschaftsbetrieb typisch zu sein scheint“, resümieren Haker und Otterspeer in ihrer Studie. „Institutionalisierte Sprachlosigkeit“ nennen Haker und Otterspeer das. Diese drücke sich darin aus, dass die „(impliziten) Normen in Hochschulen“ nicht ohne Weiteres dazu geeignet seien, einen Umgang mit Rechtsextremismus zu finden.

Rechtsextremismus werde in Leitlinien und Stellungnahmen von Hochschulen häufig als ein externes Problem beschrieben, sagt Haker. Doch Hochschulen müssten Rechtsextremismus auch „als ein eigenes Problem begreifen“.

„Das würde beispielsweise bedeuten, dass Hochschulen sich darüber informieren, welche lokalen Gegebenheiten im Bereich Rechtsextremismus vorhanden sind“, so der Soziologe. Dazu gehöre etwa, die Situation in der jeweiligen Stadtgesellschaft ebenso in den Blick zu nehmen wie lokale Burschenschaften und ihre Vernetzung oder Aktivitäten der AfD im Hochschulumfeld.

Was der Fall Franco A. an der Uni Frankfurt jedoch auch deutlich macht: Die Betroffenen bleiben oft nicht handlungsunfähig, sondern verbünden sich, sprechen Missstände an und stellen Forderungen. Otterspeer und Haker sehen jedoch vor allem die Universitäten in der Verantwortung, etwas zu ändern. In ihrer Studie plädieren die beiden Autoren deshalb für eine „Diversifizierung“ der Hochschulen.

So müssten etwa Perspektiven der Betroffenen stärker anerkannt werden und es müsste ihnen in Hochschulen solidarisch begegnet werden. Zudem müsse es „klare Ansprechpartner für Betroffene von Rechtsextremismus geben“, sagt Haker. Diese müssten parteiisch sein, „und in der Lage, die Perspektive von Betroffenen einzunehmen“. Mit Blick auf die konstatierte Sprachlosigkeit bedeute dies, dass Universitäten etwa Fortbildungsangebote für das wissenschaftliche und administrative Personal anbieten. „Hochschulen müssen Rechtsextremismus proaktiv zum Thema machen“, so Haker.

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1 Kommentar

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  • Die Unis sind nach meiner Wahrnehmung nicht nur bei Rechtsextremismus recht schweigsam, auch bei antisemitischen und linksextremistischen Tendenzen wünsche ich mir oft eine klarere Haltung.