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Heinrich Mann als politischer AutorZur Verteidigung der Gesellschaft entschlossen

Es gibt eine Zeit der Poesie und eine Zeit der harten Worte. Eine Rede auf Heinrich Mann, dessen Kampf gegen den Faschismus beispielhaft bleiben muss.

Mit 60 ins Exil: Grabstelle von Heinrich Mann in Berlin Foto: Imago/Schoening

Zuletzt verbrachte ich einige Sonntage an Heinrich Manns Grab in Berlin auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof und legte ihm ein Töpfchen roten Klatschmohn auf die wunderschöne, von dem Bildhauer Clemens Seitz gestaltete Büste. Ich drehte die Pflanze so, dass die Mohnblüten Heinrichs Gesicht streichelten.

Ich denke jetzt oft an ihn.

Es muss schwer sein, mit über 60 Jahren das erste Mal ins Exil, nach Frankreich vertrieben zu werden und ein zweites Mal mit 70 Jahren in die USA. Denn man vergisst es schnell, ins Exil gehen bedeutet nie, sich geordnet und organisiert zu bewegen, sondern gedemütigt, enteignet, mit ungewisser Aussicht, ob nicht nur der Körper Ruhe und Sicherheit finden werden, sondern auch die Sprache.

Ein Schriftsteller wird nie nur aus dem Land vertrieben, sondern auch aus den Worten. Heinrich Mann schrieb in seinen Jahren im französischen Exil viel über die politischen Umstände seines Heimatlandes. Sein politisches Einschreiten konnte aber nur deshalb geschehen, weil er erstens über gute Französischkenntnisse verfügte und genügend Kontakte, die seine Schriften auch publizierten. Dann musste er vor den Nazis weiter über Spanien und Portugal in die USA fliehen. Er konnte kein Englisch sprechen, und also verstummte und vereinsamte er.

Die Schriftstellerin Mely Kiyak hält eine Rede
Foto: Soeren Stache/dpa
Die Rede

Bei diesem Text handelt es sich um eine gekürzte Fassung der Dankesrede, die Mely Kiyak am 25. März gehalten hat, als sie den Heinrich-Mann-Preis für Essayistik entgegennahm. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird von der Berliner Akademie der Künste vergeben.

Mely Kiyak wurde 1976 in Sulingen geboren. Für die aktuelle Neuausgabe von Thomas Manns „Deutsche Hörer!: Radiosendungen nach Deutschland“ schrieb sie Vor- und Nachwort (Fischer Verlag). Zuletzt erschienen: „Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an (Hanser, 2024). „Dieser Garten. Die unglaublich fabelhaften Nonnen aus Fulda und ihre genialen Erfindungen“ (Microtext, 2024).

Heinrich Manns gesamtes Werk ist eine einzige Auseinandersetzung mit seiner Gesellschaft. Vor allem seine späte Biografie und die seiner ganzen Familie ist nicht die Geschichte von weltmännischen Kosmopoliten, wie sie gelegentlich gerne erzählt wurde. ­Neulich las ich irgendwo die Notiz, „Heinrich Mann lebte nach 1933 in seinem geliebten Frankreich“, als handelte es sich um eine freiwillige Entscheidung.

Aus Deutschland fliehen

Die Geschichte der schreibenden Manns ist die Geschichte von deutschen Künstlern, die sich im fortwährenden, aktiven schriftstellerischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten befanden und deshalb gezwungen waren, aus Deutschland zu fliehen.

Heinrich Manns erste Frau Maria Karnová war Jüdin und wurde mit der gemeinsamen Tochter Leonie und der Oma in Tschechien von der Gestapo festgenommen. Manns erste Schwiegermutter starb im KZ Theresienstadt. Maria wurde nach dem Krieg von ihrem Neffen Klaus Mann, der als Soldat für die Amerikaner kämpfte, aus Theresienstadt befreit.

Was für ein Bild! Klaus Mann trägt seine abgemagerte und schwerkranke jüdische Tante aus dem Todeslager. Sie überlebte ihre Verletzungen leider nicht. Die Geschichte der Manns kann nicht in Literatur hier und Politik da getrennt werden. Und also kann auch ich heute nicht apolitisch sprechen.

Von Thomas Mann weiß ich, dass er sich mit der Frage, inwieweit der Künstler sein Feld verlassen sollte, um auf die Seite des, wie er es nannte, „sozialen Aktivismus“ zu wechseln, sehr umtrieb. Ich verstehe gut, dass er seine Identität als Künstler und sein prosaisches Werk vor der Vereinnahmung seiner politischen Anliegen zunächst in Schutz nehmen wollte. Diesen Streit mit sich selbst kennen wir alle, die wir mit unserem Schreiben oder Sprechen in der Öffentlichkeit stehen. Es gilt, die Kunst nicht mit der eigenen politischen Meinung zu kontaminieren und das ästhetisch Mehrdeutige durch moralisch Eindeutiges zu minimieren.

Politische Verhältnisse

Aber: Diese Entscheidung kann nur treffen, der nicht existentiell bedroht wird. Thomas Mann wollte nicht politisch sprechen, aber irgendwann entscheidet nicht mehr das Individuum, sondern das Weltgeschehen. Die politischen Verhältnisse schreiben an jedem Werk mit, ob wir wollen oder nicht. Weil, wie Thomas Mann einmal schrieb, es Stunden und Augenblicke gäbe, wo der Künstler „von innen her nicht weiterkann, weil unmittelbare Notgedanken des Lebens den Kunstgedanken zurückdrängen“ und „krisenhafte Bedrängnis der Allgemeinheit auch ihn auf eine Weise erschüttert, dass die spielend leidenschaftliche Vertiefung ins Ewig-Menschliche, die man Kunst nennt, zur seelischen Unmöglichkeit wird“.

Es gibt also offenbar eine Zeit der Schönheit und Poesie und eine Zeit der klaren, harten Worte. Die Frage, ob man sich positionieren möchte oder nicht, war damals wie heute, Thema in vielen künstlerischen Zirkeln. Heinrich Mann war in Paris auf dem internationalen Schriftstellerkongress Juni 1933 und war angesichts der über 250 Intellektuellen aus 35 Ländern und mehreren Erdteilen schier begeistert, denn sie alle standen „an derselben Front, alle zur 'Verteidigung der Kultur entschlossen“.

Die Eröffnungsveranstaltung war trotz hoher Eintrittspreise voll besetzt, 3.000 Zuschauer, darunter zahlreiche Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich, waren gekommen, um zuzuhören. Die Reden wurden über Lautsprecher nach draußen übertragen, weil nicht alle Platz im Saal fanden. Es ging um „die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft“, und es sprachen viele prominente deutschsprachige Exilanten, darunter Anna Seghers, Heinrich und Klaus Mann, Robert Musil, Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger.

Einige planten den Aufbau einer Schriftstellervolksfront gegen den Faschismus, daraus wurde aber nichts. Auch politisch hatte der Kongress keine Auswirkungen, weil die Positionen der Schriftsteller zu weit auseinander lagen. Trotzdem galt der Kongress als Erfolg. „Man hatte seinen Protest demonstriert, sich gegenseitig Mut gemacht, Netzwerke geknüpft. In den drei folgenden Jahren wurden weitere Kongresse in London, Valencia und 1938 wieder in Paris abgehalten.“

Europäische Konferenzen

An diese Schriftstellerkonferenzen anknüpfend organisierte ich 2014 und 2016 gemeinsam mit meinen Kollegen Antje Rávic Strubel, Tillman Spengler und Nicol Ljubić zwei europäische Schriftstellerkonferenzen in Berlin. Beide Male nahmen unter großem ­Publikumsandrang 30 Teilnehmer aus 25 Ländern teil. Der Heinrich-Mann-Preisträger György Dalos, ein Exilant aus Ungarn, sprach in seiner Eröffnungsrede von der Bedrohung des Kontinents: Wenn das europäische Projekt für Menschen seiner Generation, Dalos ist Jahrgang 1943, die Öffnung der Grenzen, den Abbruch der Mauern, die Ausweitung der Welt, also Freiheit bedeute, so könne der drohende Natio­nalismus nichts anderes bedeuten als die freiwillige Rückkehr in die Unfreiheit.

Der Schotte John Burnside lebte damals noch und brachte uns viel zum Lachen. Wenn wieder ein Schriftsteller die großen Worte Freiheit und Menschenrechte in den Mund nahm, meldete er sich und zeigte auf den Himmel. Vergesst nicht die Amseln, mahnte er, Europa sei für ihn an allererster Stelle der Gesang der Amseln. Dann erst skizzierte er die Idee Europas als einen kulturellen und staatsbürgerschaftlichen Zufluchtsort, so wie es für Naturfreunde die Wälder und Seen seien.

Wenn wir aber, so mahnte er damals einige unter uns ab, uns nicht einmal vorstellen können, dass eine große Idee über die Einzelansprüche eines Staates und über die ihn steuernden Macht- und Finanzinteressen hinausreichen könnte, dann seien wir dazu verurteilt, fortan unwürdig zu leben.

So leidenschaftlich und kämpferisch ging es weiter, und alle sahen und besprachen wir, womit wir es heute, über ein Jahrzehnt später, zu tun haben, egal ob wir aus Island, Israel, Ukraine, Russland, Schweiz, Österreich oder dem türkischen Teil Kurdistans angereist waren.

Was suspekt bleibt

Auch unsere Konferenzen haben nichts bewirkt. Am Ende sind wir nicht Schreibende geworden, weil wir zum Kollektiv neigen und uns als Korrespondenten unserer Länder verstehen. Die Quelle unseres lodernden Feuers entsprang zu keinem Zeitpunkt unserem Wunsch nach politischer Intervention, sondern weil wir so glücklich waren, dass wir uns endlich einmal sehen und sprechen konnten, denn wir kannten uns meistens nur von zwischen den Buchdeckeln. Da war so eine Kraft, so ein Licht und das Gefühl mit dem Hadern und allen Fragen nicht allein zu sein.

Wir gingen auseinander, so wie die vor uns, 1935, 1938, 1988 oder 2010 in Istanbul, wo ein Europäisches Schriftstellerparlament stattfand, und auf eine Idee von José Saramago und Orhan Pamuk zurückging.

Ich sagte es oft, jene Kunst, die lediglich aus einem Willen zur Veränderung der Verhältnisse entsteht, wird mir immer suspekt bleiben. Denn was sonst tut sie, außer zu propagieren und zu predigen. Und wie ließe sich als Rezipient darauf anders reagieren, als sie brav zur Kenntnis nehmend abzunicken? Kunst ist die Suche nach Erkenntnis und Einordnung, der Versuch von Deutung und manchmal auch nur der Wunsch, seine ureigene Angelegenheit artifiziell auf die Reihe zu kriegen.

Kunst kommt von Künstlichkeit, vom Spiel, von der Lust sich an den Ausdrucksformen zu probieren. Gut erzählte Geschichten bleiben un­eindeutig, nicht weil der Künstler das Leben nicht begriffen hätte, sondern ganz im Gegenteil, weil er um die Tiefgründigkeit des Menschen weiß. Alles, was wir an Liedern, Dramen oder Romanen lieben, erzählt immer von einer Protagonistin, einem Protagonisten in ihrer und seiner unvergleichlichen, außergewöhnlichen Situation. Keines dieser Werke beansprucht Allgemeingültigkeit. Gerade deshalb sind sie es. Ohne die Geschichten, die wir uns erzählen, zeigen oder singen, gäbe es keine Freiheit, keine Menschenrechte, keine Aussicht auf Zukunft.

Nicht fein genug?

Für unsere Kritiker ist es ein Leichtes, uns zu diskreditieren oder zu denunzieren, denn wir legten etwas in die Mitte. Ohne uns wären sie alle aufgeschmissen. Nur weil es unser Wirken gibt, können sie sich an uns satt hassen. Sind wir manchmal nicht fein genug, nicht wohltemperiert genug? Das liegt nicht an uns, sondern an den Verhältnissen.

Für den Künstler der Freiheit ist es ein Leichtes, geschmackssicher und cool aufzutreten, unangreifbar und witzig zu sein, für den Künstler der Unfreiheit droht stets die peinliche Gefahr des Pathos. Weil das Ziel von Diktatur, Autokratie oder Faschismus, ist, dass wir nicht mehr empfinden sollen, dass wir innerlich tot sind. Wir entschieden uns aber für das Leben.

Wissen Sie, an was ich dachte, als ich an Heinrich Manns Grab stand?

Ich dachte nicht an den angriffslustigen Schriftsteller, der sich keine Sekunde zu fein war, sich an die Seite der Entrechteten und Armen zu stellen, der gegen den Ersten Weltkrieg war, als fast alle Künstler dafür waren. Dachte nicht an ihn, als den vornehmen, einsamen Mann voller Schönheitsdrang, wie er von seinem jüngeren Bruder Thomas beschrieben worden war. Ich dachte auch nicht an ihn als einen, der gerne außerhalb seines Standes liebte, weil ihm das Talent für Hierarchien fehlte.

Ich dachte auch nicht an den verstummten Schriftsteller, dem niemand mehr zuhören wollte und der im fernen Amerika seinen letzten Roman „Der Atem“ so enden ließ: „Es war still. Die Helligkeit des Gartens war gelöscht. Die Welt schlief gelähmt wie in Nächten ihrer ausgebrochenen Katastrophen, wenn auch wir müde sind und das Wort niederlegen.“

Heinrich Mann als Vater

Ich stand am Grab von Heinrich und dachte an den zärtlichen Vater, der er auch war, und an seine Briefe, die er seiner Tochter schickte: „Glück ist“, schrieb er an seine Leonie einmal, „Glück ist erstens Selbstvertrauen, zweitens Güte. Ich bin überzeugt, dass Du Güte hast und hoffe innig, dass Du Dich im Leben auf dich selbst verlassen kannst. Möge es Dir gut gehen mein liebes Kind!“

Ich dachte, Heinrich Mann, du warst ein Schriftsteller, einer der Wohlmeinendsten, Angriffslustigsten, Edelsten, aber du warst auch ein Vater, dein größtes Werk ist, dass du die Zärtlichkeit nie vergessen hast.

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