Wie wir wieder zusammen kommen: Wir sehen uns im Abteil!
Die Demokratie retten und die Einsamkeit bekämpfen? Beides wird nur gelingen, wenn der öffentliche Raum aktiv für soziales Miteinander gestaltet wird.
Dass dem sozialen Zusammenhalt der Zusammenbruch droht, ist ein Thema unserer Zeit. In den jüngsten Ausgaben der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte wurden Themen wie „Demokratie jenseits von Wahlen“ (42/2024) und „Einsamkeit“ (52/2024) thematisiert.
Es stellt sich heraus, dass diese Themen große Überschneidungen aufweisen, denn ein Grund für die zunehmend wahrgenommene Einsamkeit ist, dass immer mehr „Begegnungsorte“ verschwinden. Einsamkeit begünstigt auch politischen Rückzug und sogar Radikalisierung.
In den Texten werden gut gestaltete öffentliche Räume gefordert, für zufällige Begegnung sowie für Dienstleistungen, die echte Menschen in Interaktion bringen.
Die Neurobiologin Nicole Strüber identifiziert in ihrem Buch „Unser soziales Gehirn“ Automatisierung, Effizienzbestrebungen und digitalisierte Kommunikation als Treiber eines Verlusts von „Miteinander“. Termine werden über Apps vergeben, Formulare online eingereicht, Verabredungen in Textform gemacht. Sozialer Austausch ums Nötigste herum wird weggekürzt, und wir fühlen uns leer.
Unterversorgung mit Zusammensein
Strüber erklärt nachvollziehbar, dass wir nicht nur aus sozialer oder politischer Sicht an diesem Miteinander interessiert sein sollten, sondern aus neurobiologischer Perspektive sein müssen. Denn unser Gehirn und Nervensystem sind biologisch darauf ausgelegt – eine Unterversorgung mit Zusammensein und Berührung bringt unsere Biochemie aus der Balance. Bei Ärzten gibt es viel guten Willen, aber immer weniger Möglichkeiten. Bei Unternehmen aber steht die Neurobiochemie ihrer Kunden schon mal gar nicht an erster Stelle, wenn sie denn nichts einbringt.
Wenn die Biochemie aus dem Gleichgewicht ist, bilden sich Zustände von Einsamkeit und erhöhtem, weil nicht abgebautem Stress. Diese wiederum sind laut Demokratieforschung Faktoren für das Entstehen von Abgrenzung, Aggression und politischer Radikalisierung. So wird zwischen ungewollter Einsamkeit und Demokratieverfall ein Zusammenhang hergestellt. Damit wären wir beim medialen Thema Nummer eins: „Demokratie leben“ oder zumindest erhalten.
Ein Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend versucht das vor allem, indem es zivilgesellschaftliche Strukturen stärkt. Das Programm fördert Projekte, die vorrangig beraten und bilden. Es werden Debatten weitergeführt, Themen gesetzt und bearbeitet und mit Freiwilligen Demokratie-Cafés durchgeführt.
Bei diesem Zuschnitt ist allerdings die Gefahr, dass sie vor allem solche Menschen einbinden, die ohnehin nicht einsam, sondern bereits aktiviert sind. Es steht auch zu befürchten, dass solche Projekte Automatisierung und Kommunikationstechnologien nicht neu gestalten oder Effizienzgebote abschaffen. Dafür müssten sie ja in wirtschaftliche und andere Versorgungsstrukturen eingreifen, an den Strukturen des Nichtmiteinanders ansetzen. Doch das können sie nicht.
Wie freiwilliges Mülleinsammeln
Wenn zivilgesellschaftliche Organisationen Zuhörbänke anbieten, bei denen freiwillig Engagierte Menschen mit Redebedarf zuhören, ist das ein bisschen so, wie wenn ein paar Leute sich freiwillig zum Mülleinsammeln melden: Es werden die Konsequenzen eines Systems korrigiert, das aber nicht verändert wird und nun mal so gestaltet ist, dass es eben diesen Müll produziert, dass Menschen diesen Müll hinterlassen. Neurobiologin Strüber liefert gute Hinweise darauf, wo die Reise hingehen muss – mit ziemlich großen politischen Konsequenzen auf den zweiten Blick.
Gruppen tendieren dazu, sich über die Zeit hinweg miteinander zu solidarisieren und andere Gruppen tendenziell abzuwerten. Wir müssen also Gruppen aufbrechen und durchmischen, schon in der Schule!
Kinder brauchen echte Aufmerksamkeit, emotionale Unterstützung und körperliche Nähe in Betreuung? Also dann: Sorgearbeit in Kitas aufwerten, besser bezahlen und mehr Zeit geben und statt ängstlicher Distanz körperliche Nähe erlauben!
Patienten heilen vor allem dann, wenn Ärzte ihnen Aufmerksamkeit schenken und Vertrauen hergestellt werden kann? Abrechnungsstrukturen neu gestalten, sodass das beste Placebo von allen – Zuhören und Vertrauen schaffen – endlich auch als Leistung anerkannt wird! In allen Feldern geht es im Kern darum, dass Menschen endlich genug Zeit in Kopräsenz mit Menschen bekommen, um eben den Sachzweck der Beziehung mit den biochemischen Anforderungen des Gehirns an eine sichere, gute, einbindende und motivierende Interaktion zu verbinden.
Und nun zum Zug!
Dafür müssen wir vor allem auf den Alltag schauen, statt Zusammenhalt immer mehr über politische Diskurskultur zu definieren. Zum gelungenen Gespräch gehört nämlich der geschützte Raum für Nähe, die Chance, Gehirnaktivität zu synchronisieren über den Verlauf einer positiven Interaktion. Hierfür reicht es aber nicht, zufällig auf dem gleichen öffentlichen Platz zu sitzen oder an der Kasse einen guten Tag zu wünschen. Für soziale Orte braucht es mehr Investition in gutes Design, gute Infrastruktur. Denn tragen wir dem Verständnis des sozialen Gehirns Rechnung, braucht es eben doch ein bisschen mehr Rahmung für Nähe und Inhalt. Unsere gebaute Umwelt beeinflusst, wie wir uns verhalten, wie wir uns fühlen, was naheliegt, was möglich ist.
Nehmen wir das soziotechnische System Fernreisezug. Menschen auf Reisen – eigentlich eine Steilvorlage für interessante Interaktionen mit Fremden, denn man hat ja bereits eine Gemeinsamkeit. Doch beim Gedanken an die vergangenen Zugfahrten werden vielen Menschen eher nervige Mitreisende einfallen oder bei Verspätung, Zugausfall und anderen Missgeschicken ausgetauschte Unmutsbekundungen. Tiefere Gespräche mögen an Tischplätzen stattgefunden haben. Doch im Großen und Ganzen hat hier genau das Effizienzgebot – alles mit dem geringsten Einsatz von Ressourcen schaffen – verbunden mit einem besonders ungemütlichen Modell von „Modernität“ die soziale Qualität des Miteinanderreisens vermindert.
Die Deutsche Bahn hat die noch in Abteilwagen organisierten Intercity- und Eurocityzüge Anfang der 2000-er in Großraumwagen umgebaut und das System Abteilwagen damit quasi abgeschafft. In der Fachzeitschrift Signal wurde 2003 kommentiert: „Ein wichtiger Systemvorteil der Bahn, nämlich den Reisenden erheblich mehr Komfort als im Flugzeug oder Bus zu bieten, wird damit auch im vorliegenden Fall wieder ein Stück demontiert. Die Deutsche Bahn AG begründete den Umbau mit ‚modernem und zeitgemäßem Design‘. War die bisherige Form der Innenraumgestaltung etwa veraltet und unzeitgemäß? Ist wenig Beinfreiheit modern und zeitgemäß?“
Ganz offensichtlich hatte die Bahn die Entscheidung für den Großraumwagen inhaltlich nicht nachvollziehbar begründet. Wie hätte sie auch? Soziale und psychologische, sogar neurobiologische Aspekte des menschlichen Miteinanders spielen im Design von Infrastrukturen, obwohl fast alle Menschen sie nutzen (müssen), keine Rolle. Stattdessen orientieren sich Designer (häufig männlich) an aktuellen Materialien aus IT und Unterhaltungselektronik und an industrieller Rationalität.
Das Abteil wirkt anders
Der Großraumwagen vollbringt es, zugleich zu anonymisieren – zu viele fremde Menschen auf einmal – und Masse herzustellen. Irgendwo unterhalten sich seit einer Stunde zwei Kollegen über Politik, man denkt laufend mit und ist doch ausgeschlossen. Hinter einem geht alle paar Minuten eine Nachricht auf dem Handy ein, nerv! Von „Kannst du mich hören?“ bis hin zu lautem Schnarchen sind uns die Menschen zu nah, ohne uns verbunden zu sein.
Wir hören das Gespräch von Menschen, die wir nicht sehen können, sind genervt von Gerüchen, deren Verursacher wir nicht erkennen. Augenkontakt, der durch meine Reaktion das Verhalten von Mitmenschen schnell und wortlos regulieren kann, wird erschwert. Die Kontaktaufnahme gleicht in etwa dem Ansprechen von Fremden auf der Straße: Was will der denn jetzt? Fehlende Privatsphäre trotz Abschottung – eine unangenehme Kombination und eine verpasste Chance.
Das Abteil wirkt anders. Dass es einen Interaktionsraum schafft, zeigt sich im Moment des Betretens: Die Anwesenheit der anderen wird anerkannt, zumeist durch ein Grüßen und gemeinsames Sortieren der Sitzordnung. Das eigene Verhalten wird (meistens) der Nähe zu den anderen angepasst, da direkter Augenkontakt besteht und wechselseitige Reaktionen möglich sind. Das geteilte Fenster führt zu geteilter Aufmerksamkeit, zu geteilten Beobachtungen, oh, da, Rehe auf dem Feld! Gleich fängt es an zu regnen.
Das Mithören der Gespräche Fremder lässt eine volle Beobachtung zu, die uns einen neugierigen Einblick ermöglicht. Wenn jemand einen Witz macht, ist es angemessen, rüberzuschauen und mitzulachen, denn man ist mit dabei. Wenn Gespräche zwischen Fremden entstehen, kommt dabei durch den gemeinsamen Raum ein temporäres Wir-Gefühl zustande.
Kooperative Grundstimmung
Das Abteil begünstigt eine kooperative Grundstimmung und ein Aufeinandereinstellen. Was nichts anderes ist als die Herstellung von Synchronizität, die unser soziales Gehirn sich wünscht, um sich sicher, wohl und eingebunden zu fühlen.
Ein Abteil macht noch keine Demokratie? Man weiß es nicht, weil es gar nicht systematisch betrachtet wurde. Weil es die Entscheidungsträger nicht interessierte, weil sie sich für den effizienten Transport von Kunden zuständig fühlen und nicht für die Demokratie oder die Gesellschaft. Und das reicht nicht.
Stellen wir uns vor, dass unser Bedürfnis nach einer Chance auf gute Verbindung endlich das entscheidende Designmerkmal von Infrastrukturen würde, in denen wir uns gemeinsam bewegen müssen. Wir bräuchten wahrscheinlich nicht ständig darüber reden, dass Leute mehr miteinander reden sollten! Oder sonst wie in aufwendigen sozialen „Müllsammelaktionen“ die Konsequenzen und Symptome einer unsozialen Gestaltung unseres Miteinanders bekämpfen. Die Betrachtung der sozialen Qualität von Prozessen braucht endlich den ihr gebührenden Platz: ganz oben auf der Prioritätenliste und am Anfang des Gestaltungsprozesses.
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