Buch über illiberale Demokratie: Orbáns Exportschlager
Petra Thorbrietz zeigt, wie Ungarn die illiberale Neuordnung Europas vorantreibt.

Was macht eigentlich Viktor Orbán? Aktuell sollte man sich diese Frage stellen. Jetzt, da die Weichen für die künftige internationale Ordnung gestellt werden, stehen zwar vor allem die Welt- und Regionalmächte im Rampenlicht. Vergessen werden sollte dabei aber nicht, welche Bedeutung Ungarn für die autoritäre Entwicklung hat – vor allem in und für Europa.
In den Verlagsprogrammen ist das Thema Autoritarismus recht präsent. Im Zuge der Leipziger Buchmesse hat Petra Thorbrietz aber so ziemlich das einzige Buch vorgelegt, das sich mit dem „System Orbán“ beschäftigt. Das verwundert: Für einen umfänglicheren Blick auf das, was Orbán und seine Fidesz-Partei seit über fünfzehn Jahren in Ungarn tun, sollten die vielen lobenden Bezugnahmen durch autoritäre Akteure Anregung genug sein, sich kritisch mit der „illiberalen Demokratie“ zu befassen.
Als Inspirationsquelle dient diese etwa dem „Projekt 25“ des US-Thinktanks Heritage Foundation. Auch AfD-Frontfrau Alice Weidel reiste kurz vor den Bundestagswahlen nach Budapest, um auf einer gemeinsamen Pressekonferenz Orbáns Ungarn als „großes Vorbild“ zu loben.
Kickl wollte den Orbán machen
Petra Thorbrietz: „Wir werden Europa erobern! Ungarn, Viktor Orbán und die unterwanderte Demokratie“. dtv, München 2025, 320 Seiten, 25 Euro
Und in Österreich machte Herbert Kickl als Innenminister deutlich, was von ihm in zukünftiger Regierungsverantwortung zu erwarten wäre. 2023 kündigte der Möchtegern-„Volkskanzler“ programmatisch an: „Machen wir’s dem Orbán nach.“
Die taz ist bei der Leipziger Buchmesse vom 27. bis 30. März mit einem eigenen Stand vor Ort in Halle 5, Stand G500. Dort werden auch wieder in zahlreichen Talks taz-Autor:innen lesen und diskutieren. Die taz Talks werden auf dem youtube-Kanal der taz live gestreamt. Zur Buchmesse erscheint am 27. März auch wieder die literataz, eine taz mit 12 Extraseiten. Die vergangenen Ausgaben können Sie hier downloaden.
Unser Programm
🐾 Donnerstag 27.03.25
11:00 Uhr: „Post-“ – Nachruf auf eine Vorsilbe – Dieter Thomä
11:45 Uhr: Lauf, Mama, Lauf! – Mareike Barmeyer
12:30 Uhr: Als wäre es vorbei – Katja Petrowskaja
13:15 Uhr: Macht im Umbruch – Herfried Münkler
14:00 Uhr: Zuhause ist das Wetter unzuverlässig – Carolin Würfel
14:45 Uhr: Das Deutsche Demokratische Reich – Volker Weiß
15:30 Uhr: Ginsterburg – Arno Frank
16:15 Uhr: Klapper – Kurt Prödel
19:00 Uhr @Galerie KUB: Was wäre, wenn wir mutig sind – Luisa Neubauer
🐾 Freitag 28.03.25
11:00 Uhr: Trotteln – Robert Seethaler, Rattelschneck
11:45 Uhr: Fischtage – Charlotte Brandi
12:30 Uhr: Russische Spezialitäten – Dmitrij Kapitelman
13:15 Uhr: Schwebende Lasten – Annett Gröschner
14:00 Uhr: Oh! Dalmatien – Doris Akrap
14:45 Uhr: Reise in die Mediengesellschaft USA – Julia Belzig
15:30 Uhr: Meine Sonnenallee – Jan Feddersen
16:15 Uhr: Digitale Diagnosen – Laura Wiesböck
17:00 Uhr: Traumaland – Asal Dardan
🐾 Samstag, 29.03.2025
10:15 Uhr: Edition Le Monde diplomatique: Indien – Modi und die Farbe der Macht – Sven Hansen, Jakob Farah
11:00 Uhr: Pazifismus, ein Irrweg? – Pascal Beucker
11:45 Uhr: Kipppunkte – Georg Diez
12:30 Uhr: Zuhören – Bernhard Pörksen
13:15 Uhr: Die dunkle Seite der Sprache – Tim Henning, Nikola Kompa, Christian Nimtz
14:00 Uhr: Norwegen, wir kommen auf Umwegen! – Wahrheitsklub mit Harriet Wolff, Andreas Rüttenauer, Rattelschneck aka Marcus Weimer, LAMINATOR
14:45 Uhr: Die Spree – Uwe Rada
15:30 Uhr: Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza – Muriel Asseburg
16:15 Uhr: Autoritäre Rebellion – Andreas Speit
17:00 Uhr: Frau Zilius legt ihr erstes Ei an einem Donnerstag –Friederike Gräff
🐾 Sonntag, 30.03.2025
10:00 – 13:00 Uhr: Hilfe in Sachen ePaper und Abo – taz Seitenwende
14:00 Uhr: Wruuum! Crash! Boom! – Comicworkshop mit Michel Esselbrügge
Dabei geht es stets um weit mehr als um eine restriktivere Migrationspolitik. Am Beispiel Ungarns zeigt Petra Thorbrietz in ihrem Buch, wie die Demokratie mit ihren eigenen Mitteln unterminiert werden kann. Kennengelernt hat die Journalistin das Land und seine Menschen über Dekaden hinweg.
Dass sich Thorbrietz den Entwicklungen in ihrer Wahlheimat immer wieder auch über persönliche Eindrücke nähert, erhellt den Blick auf gesellschaftliche und politische Dynamiken vor Ort. Manchmal geraten Thorbrietz’ Schilderungen allerdings zu sehr ins Anekdotische, etwa wenn sie von ihren ersten Ungarnbesuchen ab den 1980ern erzählt.
Insgesamt zeigt ihr Buch auf über 350 Seiten eindrücklich: Viktor Orbán und seinen Verbündeten geht es nicht nur um den Umbau der eigenen Wirtschaft und Gesellschaft, sondern auch um eine illiberale Neuordnung Europas. Und genau das gilt es im Blick zu behalten. Zu Herzen nehmen sollte man sich auch Thorbrietz’ Bitte um Unterstützung der wenigen verbliebenen unabhängigen Medien in Ungarn. Mit wenig Geld und viel Mut tragen diese dazu bei, eine kritische zivilgesellschaftliche Öffentlichkeit aufrechtzuerhalten.
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