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Deutschland,ganznormal

Warum kommt die AfD auch dort auf knapp 20 Prozent, wo es Arbeit, Ärzte und Wirtshäuser gibt? Spurensuche in einem bayerischen Dorf mit dunkler Vergangenheit

„Es ist eigentlich ­wunderschön hier“: Blick auf die Kirche von Steinhöring

Aus Steinhöring Patrick Guyton (Text)und Quirin Leppert (Fotos)

Am Ortseingang von Steinhöring hat der Rewe die Pride-Flagge gehisst. Weiter hinten entlang der Straße hängt weit oben an einem Laternenmast noch ein AfD-Wahlplakat: „Zeit für freie Meinung.“ In der Mitte von Steinhöring prägt die katholische Sankt-Gallus-Kirche das Ortsbild, ein weißer Bau mit barockem Zwiebelturm. Bernd Dominique Freytag, der Vorsitzende des CSU-Ortsverbands, sitzt im Café Hasi an der Hauptstraße und sagt: „Es ist eigentlich wunderschön hier.“ Man müsse jetzt aber, nach der Bundestagswahl, „wieder ein besseres Gefühl herstellen“.

Steinhöring, mitten in Bayern. Eine Gemeinde mit 4.100 Einwohnern, nach München sind es 43 Kilometer, die Kreisstadt Ebersberg liegt fünf Kilometer entfernt. Der AfD-Anteil lag am 23. Februar bei 18,9 Prozent der Zweitstimmen. Das ist fast exakt Bayern-Schnitt, im Freistaat haben 19,0 und im Bund 20,8 Prozent die Partei gewählt.

Ein Durchschnittsort, der durch wenig auffällt. „Wir sind teils Dorf, teils Münchner Einzugsgebiet“, meint der CSU-Mann Freytag. Das ist nicht das Ruhrgebiet mit seinen wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen, nicht Ostdeutschland und auch kein abgelegener Ort in der nordbayrischen Oberpfalz.

Warum also wählt in Steinhöring fast je­de:r Fünfte die Rechtsradikalen? Ist das Bayern, ist das Deutschland, aber normal – wie die AfD plakatiert hat? Und erweist sich die These als falsch, dass der Freistaat für diese „Alternative“ ein steiniges Pflaster ist, weil die CSU schon immer stockkonservativ war und elastisch nach rechts? Rechts von der CSU jedenfalls darf es keine andere demokratisch legitimierte Partei geben, hatte der weiterhin als Leuchtgestalt gesehene Franz Josef Strauß einst gesagt. Lange ist’s her.

Der Ortsverbands-Vorsitzende Freytag ist 46 Jahre alt, eigentlich aus Franken zugewandert, aber „super integriert“. Er erscheint als liberaler Christsozialer, die es ja durchaus gibt. Man müsse „die Leute mitnehmen“, sagt er, „die Gemeinschaft im Ort stärken“. Ganz gleich von welcher Partei und mit welcher Weltanschauung, im Gemeinderat dominieren sowieso unabhängige lokale Gruppierungen. „Wir lassen die Leute rein“, meint er. Und dazu gehören selbstverständlich auch die Menschen mit Behinderung, die in dem großen „Einrichtungsverbund“ in Steinhöring wohnen, arbeiten, lernen, leben.

Freytag will keine AfD-Wähler:innen im Ort kennen, obwohl es sie ja nicht zu knapp gibt. Die Partei ist nicht präsent. Ein bekannter, aber unauffälliger Steinhöringer ist der bisherige AfD-Kreispolitiker Christoph Birghan. Der wurde jetzt für den östlich gelegenen Wahlkreis Traunstein-Berchtesgadener Land in den Bundestag gewählt. Eine Gesprächsanfrage der taz sagt er ab – er sei die ganze Woche in Berlin.

Das Votum der Steinhöringer versucht der CSUler Freytag mit verschiedenen Dingen zu erklären: „Die Bevölkerung ist beunruhigt, die gefühlte Sicherheit nicht mehr so wie früher.“ Auch hier herrsche Angst vor Jobverlust oder etwa Einbrüchen. Manchmal werde auch die Migration als Gefahr wahrgenommen.

Steinhöring hat eine schöne Landschaft mit im Sommer sattgrünen Wiesen drumherum. Es gibt alles, was man braucht: Supermarkt, Apotheke, Ärzte, Wirtshaus, Grundschule, Kita, Bankfiliale, Döner-Imbiss. In einer Holzhütte ist der „SB-Hofladen“ vom Hofgut Perwein. „Unsere Suppenhühner hatten ein schönes Leben“, schreiben die Hühnerhalter. Geld wirft man in eine Kasse, man vertraut sich hier. Eigentlich.

Dass es in der Gegend aber durchaus Rechte und Rechtsradikale gibt, wissen zwei Frauen von der Gruppe „Bunt statt Braun“ in Ebersberg. Marthe Balzer, Michaela Mellinger und etliche Mit­strei­te­r:in­nen organisieren, demonstrieren, recherchieren seit Jahren gegen und über Rechts im Landkreis. „Die werden immer mehr“, sagt Balzer. Es gebe „zig rechtsradikale Vorfälle“. An Silvester vor einem Jahr wurde bei einer Dorfparty „Sieg Heil“ gebrüllt. Schon zwei Demos fanden auf dem Ebersberger Marienplatz statt – von „Querdenkern“ mit rechtsradikalen Verbindungen, Redner war ein verurteilter Holocaust-Leugner.

Die Zahl der Gegendemonstranten ist bei so etwas aber weit höher als bei den eigentlichen Kundgebungen, erzählen die Aktivistinnen. Sie stellen sich auf vor AfD-Wahlkampfständen – „das begleiten wir mit Marschmusik“, sagt Balzer. Kein Gastwirt vermiete Räume an die AfD. „Hier sind wir richtig gut aufgestellt.“ Und mit der Polizei arbeite man bestens zusammen.

Und doch bemerkt Mellinger: „Die Menschen haben mehr und mehr Angst.“ Wegen ausländischer Nachnamen zum Beispiel. „Ich diskutiere ja mit jedem Konservativen gern“, sagt Balzer. „Man streitet sich und sagt sich dann in der Stadt wieder hallo.“ Doch die rechtsextreme Szene habe einst Corona instrumentalisiert – und nun die Windkraft. Ein wichtiges Thema, im Ebersberger Forst sind große Anlagen geplant. „Da gibt es oftmals gar keine Diskussionsgrundlage“, beklagt die Frau.

Und woran liegen die hohen AfD-Wahlergebnisse? Die Wohnungsnot ist groß, sagen sie, das Internet quillt über vor Fakenews. Die Menschen fühlen sich allein gelassen, die Mitte der Gesellschaft fürchtet einen Statusverlust. Mag alles sein. Doch Michaela Mellinger sagt auch: „In jeder Schicht kann man irgendeine Erklärung konstruieren, um Nazis zu wählen.“

Die AfD-Leute in dieser Region bleiben ein Phantom. Es gibt nicht wenige Landstriche in Bayern, wo sie sich gar nicht zeigen. Im Wahlkreis Erding-Ebersberg kandidierte Manuela Schulz, 63 Jahre alt, für den Bundestag. Sie stand nicht auf der Landesliste, hatte also keine Chance auf ein Mandat. Sie prangert an, so ist zu lesen, dass 2023 mehr als eine halbe Milliarde Euro Kindergeld „ins Ausland überwiesen wurden“ und Rentner Pfandflaschen sammeln müssen. Auch geißelt sie die „Frühsexualisierung“ von Kleinkindern und „LGBTQ+-Leitfäden für Lehrkräfte“. Auf zwei Gesprächsanfragen reagiert Schulz nicht.

„In jeder Schicht kann man irgendeine Erklärung konstruieren, um Nazis zu wählen“

Michaela Mellinger, Bunt statt Braun, Ebersberg

Wie war das noch mit der Angst?

In Steinhöring betreibt die katholische Kirche eine Tafel, regelmäßig werden im Pfarrsaal Lebensmittel an Bedürftige abgegeben. Die taz wollte dort mit den Ehrenamtlichen und den Kun­d:in­nen sprechen. Da hätte man sicher einiges erfahren über Menschen, denen es nicht gut geht, die womöglich wütend sind, sich abgehängt fühlen, und was sie über die AfD denken. Doch die Mitarbeiterin des Pfarrverbandes schreibt in einer Email: „Nach Rücksprache mit unserem Verwaltungsleiter muss ich Ihnen mitteilen, dass wir uns zu politischen Themen nicht äußern.“ Womöglich haben die Kirchenleute Angst vor den Rechten.

Der größte Arbeitgeber vor Ort trägt einen sehr bürokratischen Namen und scheut die politische Positionierung nicht: „Einrichtungsverbund Steinhöring“, kurz EVS. 400 Beschäftigte kümmern sich auf dem weitläufigen Areal um 600 Menschen mit Behinderung. Es gibt Werkstätten, Gartenbau, Tagesstätten, Wohnhäuser, Schwimm- und Turnhalle. Ehrenamtliche begleiten die Menschen zum Gottesdienst, gehen mit ihnen spazieren. Im Weiher wird gern geangelt, Motorradfahrer nehmen die Leute immer wieder in den Beiwagen und machen Ausfahrten.

Die Leiterin des EVS Gertrud Hanslmeier ist ins Café Wunderbar gekommen, das Teil des EVS ist und hat Steinhörings parteilose Bürgermeisterin Martina Lietsch gleich mitgebracht. „Vielfalt und Respekt sind uns in jeder Hinsicht sehr wichtig“, sagt Hanslmeier. Das gelte auch für die Mitarbeiter:innen, für Hautfarbe oder geschlechtliche Orientierung.

Bürgermeisterin Martina Lietsch (links) und Gertrud Hanslmeier

Die AfD lehnt der Einrichtungsverbund ganz klar ab, wie andere Organisationen von und für Menschen mit Behinderung auch. Der Lebenshilfe-Verband etwa sagt: „Teilhabe statt Ausgrenzung: Keine Stimme für die AfD.“ Die Gruppen sehen sehr genau, wie die AfD und andere Rechtsradikale behinderte Menschen diskriminieren und ausgrenzen wollen. Sie wettern gegen Inklusion, der völkisch-nationale Hardliner Maximilian Krah – Neumitglied des Bundestages – hat etwa gegen die „Tagesschau in einfacher Sprache“ gehetzt und sie als „Nachrichten für Idioten“ bezeichnet.

„Die Zusammenarbeit mit dem EVS ist hervorragend“, lobt Bürgermeisterin Martina Lietsch. Auf dem Areal werden Festivals veranstaltet und offene Tage, im Ort würden die Menschen mit ­Behinderung als selbstverständlich wahrgenommen und freundlich behandelt. „Es hetzt niemand gegen sie.“ Über die 18,9 Prozent AfD-Stimmen sagt sie kühl: „Ich nehme das zur Kenntnis.“

Das EVS-Gelände hat eine schlimme, dunkle Vergangenheit. Hier befand sich im Nationalsozialismus das erste und zentrale Heim der von der SS betriebenen Rasseorganisation „Lebensborn“. Ledige Schwangere, die als „arisch“ und damit wertvoll galten, sollten hier wie auch in anderen Häusern in Deutschland und Europa ihre Kinder entbinden können, als Nachwuchs für Hitlers Krieg. Blonde und blauäugige Kinder in den von den Nazis besetzten Gebieten wurden den Eltern entrissen, zwangsadoptiert und in linientreue Familien gesteckt. Diese Geschichte zeigt, wohin rechte Normalitätsfantasien führen können. Und nun leben genau hier Menschen, die Hitler mit den Euthanasieprogrammen ermordet hätte und ermordet hat.

Haben die sehr angesehene Behinderteneinrichtung, die Lebensborn-Vergangenheit und die AfD-Wähler in Steinhöring eine Verbindung? Gibt es da Linien? Letztlich irgendwie nicht, die Leiterin und die Bürgermeisterin schütteln die Köpfe. Aus einem Saal nebenan schallt laute Musik, Disco­lieder aus den 70ern, Hardrock aus den 90ern. Es wird Fasching gefeiert, inklusiv mit allen. Ganz normal.

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