Editorial: Das unfreie Wort
Von unserer Redaktion
Der erste Aufschlag findet sich am 8. Juli 2020 in Kontext. „Wir können alles außer Impfen“, lautet der Titel eines Essays, in dem Dietrich Krauß der Frage nachgeht, worin die „schwäbische Impfparanoia“ ihren Ursprung hat? Er landet sehr schnell bei Rudolf Steiner, seinen Eso-Epigonen, den Waldorfschulen, dem akademischen grünen Milieu und schließlich bei den „Querdenkern“, die für den okkulten Baukasten des Säulenheiligen ebenfalls Verwendung haben. Der Text wird zu einem der meistgelesenen und meistkommentierten in der Kontext-Geschichte.
Die Böll-Stiftung in Stuttgart folgt 2021. Sie erkennt einen „Hotspot“ der Impfverweigerer im Land und finanziert eine Studie des Soziologen Oliver Nachtwey, der zu dem Ergebnis kommt, dass fast ein Drittel der „Querdenker“ einst Grün gewählt hat. Ein knappes Jahr später schickt sie Dietrich Krauß mit dem Buch „Fehlender Mindestabstand“ auf Lesereise, in dem er den Kontext-Essay aktualisiert hat. Und jetzt gibt es noch einen 45-minütigen Podcast obendrauf. Die Stiftung freut sich, Krauß in ihr Format „Spaziergang im Süden“ aufnehmen zu können, wo er über das „Eso-Milieu“ in Baden-Württemberg sprechen soll. Der Redakteur der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ tut, was er kann und attackiert die Anthros. Bei einer Organisation, die den Grünen nahesteht.
Am 31. Oktober 2022 erreicht die Böll-Stiftung ein Protestbrief der „Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland“ mit Sitz im Stuttgarter Rudolf-Steiner-Haus, der zweite Empfänger ist die Petra-Kelly-Stiftung in München. Auf drei Seiten empören sich die Vorstände Monika Ebert und Michael Schmock über eine „bizarre Anhäufung von Halbwahrheiten“, über ein „Zerrbild“ ihrer Bewegung und insbesondere über den Satz, es gäbe anthroposophische Einrichtungen, die Behinderung als eine „Strafe für Fehlverhalten aus dem letzten Leben“ betrachten.
Und was passiert? Die Böll-Stiftung will Änderungen, vor allem zum Thema Strafe. Krauß verweigert, der Podcast fliegt aus dem Netz. „Vorübergehend offline gestellt“, lautet die Ansage aus den beiden Landeshauptstädten. Ausführlich beschrieben ist der Vorgang auf dem Blog „Volksverpetzer“.
Das freie Wort hat also seine Grenzen. Auch bei Bölls. Es endet dort, wo die einflussreichen Steiner-Nachfahren das Sagen haben oder zumindest glauben, das Gesagte ungesagt machen zu können. Wer nicht mitspielt ist Dietrich Krauß. Er besteht auf der unveränderten Fassung des Podcasts, er verschickt eine Fülle von Belegquellen und fragt sich, woher diese Anthro-Gesellschaft das Recht nimmt, einer bisher angesehenen Stiftung ins Handwerk zu pfuschen.
PS: Inzwischen scheint dort die Einsicht Fuß gefasst zu haben, es könnte souveräner sein, den Podcast wieder ins Netz zu stellen. Das werde aktuell geprüft, teilte Böll-Geschäftsführer Andreas Baumer kurz vor Redaktionsschluss mitteilt.
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