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Unters Messer

Manche Menschen spenden ihren Körper der Wissenschaft

Seinen Körper zur Verfügung stellen kann jeder, der bis etwa 100 Kilometer von Hannover und also der MHH entfernt wohnt. Das dazu nötige Vermächtnisformular kann widerrufen werden (Näheres: www.mh-hannover.de/anatomie_koerperspende.html).

Eine anonyme Bestattung ist nicht zwingend, Angehörige eines Spenders können auch ein individuelles Begräbnis organisieren.

Nicht in Frage kommen Menschen mit schweren infektiösen Erkrankungen, auch nach Organspende oder Obduktion ist keine Körperspende möglich. Eine Altersobergrenze hingegen gibt es nicht.

Körperspenden nehmen auch die anatomischen Institute der Unikliniken in Hamburg, Lübeck, Kiel und Göttingen an.

Von Joachim Göres

Ein kleiner Grabstein liegt auf dem Celler Stadtfriedhof in der Nähe des Krematoriums. Darauf ist zu lesen: Medizinische Hochschule Hannover Juli 2015 – Okt. 2018. Ein paar Meter weiter eine Stele mit einem längeren Text: „Letzte Ruhestätte für Menschen, die ihren Körper nach ihrem Tod dem Institut für Funktionelle und Angewandte Anatomie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) für die medizinische Lehre und Forschung zur Verfügung gestellt haben“. Im Weiteren wird beschrieben, wie wichtig die Leichen für die Studierenden sind, die daran ihre ersten Schnitte üben können und so den Bau des menschlichen Körpers besser verstehen.

In diesem Urnengrab werden Körperspender anonym bestattet. Man könnte vermuten, dass viele von ihnen die Kosten für die Beerdigung sparen wollen – ein Irrtum. Seit 2003 müssen MHH-Körperspender 1.200 Euro für ihre Bestattung zahlen; damals wurde das Sterbegeld der Krankenkassen abgeschafft. „Das Finanzielle spielt für die Motivation die geringste Rolle“, sagt Andreas Schmiedl, seit zehn Jahren Leiter des MHH-Vermächtniswesens. „Die meisten wollen ihrem Tod einen Sinn geben und mit ihrem Körper der Wissenschaft und Forschung dienen.“ Der Professor führt häufiger Gespräche zu diesem Thema: Manche Leute möchten mit der Spende ihre eigene Dankbarkeit für erhaltene medizinische Hilfe ausdrücken. Und für nicht wenige Alleinstehende ist wichtig, dass mit dem Begräbnis alles geregelt ist.

Für die Hinterbliebenen kann die Spende zur Belastung werden: Die Leiche wird kurz nach dem Tod in Alkohol fixiert, darf knapp ein Jahr nicht angerührt und meist erst nach zwei Jahren bestattet werden. „Manche Angehörigen haben daran zu knabbern, dass sie so lange auf ein Grab für ihren geliebten Menschen warten müssen“, sagt Schmiedl. „Wir laden Angehörige in die MHH-Kapelle zu einer Gedenkfeier ein.“ Daran nähmen auch Studierende und Dozenten teil. „Das kann ein Trost sein.“ Bei dieser Feier berichten auch die angehenden Mediziner über ihre Ängste: Für nicht wenige ist so ein Körperspender der erste Tote, den sie zu sehen bekommen. „Beim ersten Schnitt steigt die Spannung“, weiß Schmiedl. „Doch die meisten gewöhnen sich schnell daran.“