Stefan Alberti findet Werbung von Billigfliegern überhaupt nicht easy

Das Plakat sollte den Abflug machen

Ein Morgen wie so oft. In Gedanken auf dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit, ein bisschen müde noch … stopp, da war doch was! An der Bushaltestelle! Gestern schon gesehen, aber weitergefahren – musste eine Einbildung sein, reines Wunschdenken. Wohl doch nicht. Also: anhalten, umdrehen, genau angucken. Tatsächlich: „Bezahlbarer Altbau“, steht da.

Doch bevor sich im plötzlich ganz wachen Hirn Fragen wie „Wo?“ und „Wie viel?“ formieren können, fällt die Grundlage dafür schon wieder weg: Es ist kein Wohnungsangebot, sondern eine neue Werbung der Fluglinie Easyjet. „Erkunde Europas schönste Altstädte, z. B. in Sevilla, Madrid oder Barcelona“. Unterlegt ist das mit einem Bild von drei jungen Menschen, die sich in einer Altstadtgasse mit grobem Pflaster selfisieren.

Eine Fluglinie greift also das Großthema Wohnungsnot auf und nutzt es für Aufmerksamkeit. Klappt ja auch – sonst hätte es ja kein Anhalten beim Radeln gegeben. Ist die Werbung nun zynisch? Oder sarkastisch? Wieder mal vergessen, was der Unterschied ist. Auf jeden Fall ist sie daneben. „Bezahlbarer Altbau“ ist nämlich in Berlin und in anderen europäischen Metropolen auch deshalb so rar, weil Easyjet Hunderttausende Touristen in genau diese Metropolen bringt. Menschen, die dafür sorgen, dass aus immer mehr normalen Wohnungen Ferienwohnungen werden. Wohnungen, die denen nun fehlen, die da dauerhaft leben müssen oder wollen.

Wider jeden guten Geschmack

Da kann man nun einwenden: Das ist ja nicht die Schuld von Easyjet, die befriedigen ja nur eine Nachfrage, es liegt auch an jedem Einzelnen dieser Hunderttausenden, dass Wohnraum – und nicht nur Altbau – immer weniger bezahlbar ist. Ganz zu schweigen von den vielen tausend Tonnen Co2, die diese Trips kosten. Und wenn nicht so viele Eigentümer ihre Wohnungen dem örtlichen Markt entziehen würden, weil sie mit Kurzzeitvermietung mehr verdienen wollen, liegt das auch nicht an Easyjet. Wohl wahr. Aber die Wohnungsnot gegen jeden guten Geschmack für eine Plakatwerbung auszuschlachten, ist ganz allein eine Entscheidung von Easyjet.

Immerhin liegt wie so oft die Alternative nah. Sogar sehr nah. Genauer gesagt: Auf der Rückseite des Easyjet-Plakats, innen in der Bushaltestelle. „Wir machen Tempo beim Umweltschutz“, steht da vor einem Foto eines Eisenbahnviadukts. Also eine jener Brückenbauten mit vielen kleinen Rundbögen, drei, vier Etagen übereinander – wie auf Urlaubsbildern aus Südfrankreich. Bloß ist dieses Viadukt im Vogtland, und zudem das größte der Welt, nämlich die Göltzschtalbrücke. „Deutsche Bahn. Bringt uns mehr als nur hin“, steht da auch noch. Kann man durchaus so stehen lassen. Auf der anderen Haltestellenseite aber ist auf schnellen Plakatwechsel zu hoffen.