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Birte Müller
Die schwer mehrfach normale Familie

„Neurotypische Kinder“: einfach mal zurückdiskriminieren

„Sitzen eine Normalo-Mutter und eine Behinderten-Mutter mit ihren Kindern im Café. Sagt die Mutter des neurotypischen Kindes: ‚Mein Sohn ist so intelligent! Er konnte schon mit zehn Monaten laufen.‘ Denkt das behinderte Kind: ‚Was für ein Depp, ich hab mich schön bis zum sechsten Lebensjahr tragen lassen.“‘

Ich find’s ganz lustig. Obwohl der Witz natürlich Normalo-Mütter diskriminiert. Aber kannten Sie den Ausdruck „neurotypisch“? Bei mir ist er erst vor Kurzem angekommen, und falls ich jetzt mal ausnahmsweise eine Bezeichnung vor anderen kenne, liegt das nur daran, dass sie aus der Behindertenszene kommt. Der Terminus neurotypisch wurde ursprünglich von Menschen mit Autismus geprägt und bezeichnet schlichtweg Nicht-Autisten. Seit einiger Zeit höre ich ihn öfter als mehr oder weniger ernsthaftes – oder auch mehr oder weniger abfälliges – Wort für „normal“.

Vielleicht möchte man da gern mal zurückdiskriminieren. Tut ja auch manchmal ganz gut.

Zum Glück hat sich hier ausnahmsweise kein Angli­zismus durchgesetzt, das war wahrscheinlich einfach zu anstrengend mit der Aussprache: „neurologically typical“. Aber wer weiß, vielleicht sagen die Sozialpädagogik-Studierenden bald, ein Kind sei völlig „NT“ so wie vor 20 Jahren die GeschichtsstudentInnen, die alle ständig „PC“ gesagt haben, für „political correct“. Übrigens war der Ausdruck StudentInnen damals gendertechnisch PC, aber alles mögliche andere war natürlich nicht PC – und NT sagen wäre es bestimmt auch nicht.

Im Moment sagen die Sonderpädagogik-Studis statt „behindertes Kind“ gern „GE-Kind“, was für „Förderbedarf geistige Entwicklung“ steht. Das kapiert zwar jetzt fast niemand mehr, aber seit auch die Benennung als „I-Kind“ als stigmatisierend gilt, wissen sie wohl einfach nicht mehr, was sie sonst sagen sollen.

Ich habe keine Zeit, mich mit solchen theoretischen Problemen zu befassen, als Mutter kommt es mehr aufs Praktische an. Ich habe ein behindertes Kind und ein normales Kind. Umgekehrt könnte ich also auch sagen: Ich habe ein unnormales Kind und ein unbehindertes. Ach, es ist doch toll, was mit Worten alles machen kann. Und je mehr wir um den heißen Brei herumreden, desto mehr neue Unworte entstehen. Da fällt mir noch ein Witz ein:

„Lehrerin: ‚Die Vorsilbe un verleiht Wörtern meist eine negative Bedeutung. Zum Beispiel Unheil, Unfall, Untier. Wer kennt noch so ein Wort?“ Schüler: ‚Unterricht.‘“

Ob es nun einen negativen Klang hat, wenn man sagt „unbehindert“ sei dahingestellt – aber das Wort „behindert“ hat auf jeden Fall einen.

Darum kommt es ja überhaupt zu den vielen Wortkreationen in diesem Bereich. Gern bedient man sich der englischen Sprache, da klingt’s in der Regel immer gleich viel cooler. Zum Beispiel beim Behinderungs-Ersatzwort „Handicap“, was übrigens von „hand in cap“, also einer zum Betteln hingehaltenen Mütze kommt. Super!

Birte Müller

45, ist Bilderbuchillustratorin, Autorin und Mutter zweier Kinder: Willi (12) mit Downsyndrom und Olivia (10) mit Normalsyndrom. Mehr Informationen auf www.illuland.de.

Besonders gut gemeint ist der ebenfalls aus dem Englischen übertragene Ausdruck „special Needs“. Die behinderten Kinder sind dann „Kinder mit besonderen Bedürfnissen“.

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob Willi wirklich so besondere Bedürfnisse hat? Anstrengend ist es echt mit ihm, aber er hat eigentlich ganz normale Bedürfnisse: Liebe, Laugenbrötchen, lange Fernsehen. Gut, manche Bedürfnisse hat er deutlich doller oder länger als die meisten anderen Kinder. Zum Beispiel das nach Windeln oder das nach Murmelbahnen.

Aber Willis neurotypische Schwester Olivia hat definitiv besonderere Bedürfnisse als er. Sie muss unbedingt alle Getränke durch einen Strohhalm trinken (die wie Schätze gehütet und nach Gebrauch gewaschen werden, weil ich mich weigere, neue zu kaufen). Und gestern musste unter allen Umständen aus dem Leberwurstbrot mithilfe von Keksförmchen das Wort Olivia ausgestochen werden, bevor es gegessen werden konnte. Danach mussten ihr übrigens noch zwingend um 21 Uhr Lockenwickler ins Haar getüddelt werden. Das nenne ich besondere Bedürfnisse oder neurotypisch, oder einfach: typisch meine Tochter.