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Zwischen Bibern und Eisvögeln

Ein Natur- und Kulturerlebnis: das Paddeln auf der Wümme im Nordwesten Niedersachsens

Wasserstände: www.pegelonline.nlwkn.niedersachsen.de.

Kanu-Verleihe: Kanu-Scheune, Hauptstraße 2, 28865 Lilienthal, ☎0162-900 36 14, www.kanuscheune.de; Kanuverleih Hellwege, Dorfstraße 3, 27367 Hellwege, ☎04264 / 39 99 92, www.kanuverleih-hellwege.de; Wümme-Kanuvermietung, Schmiedeberg 37, 27389 Lauenbrück, ☎ 04267 / 15 43, www.wuemmekanu.de; Kanuverleih Mielke, Buhrfeindstraße 22, 27356 Rotenburg, ☎ 0162 / 424 30 16, www.kanuverleih-mielke.de.

Einkehren: Kaisers Gasthaus, Dorfstraße 1, 27367 Hellwege, ☎ 04264 / 29 73, www.kaiser-deutschland.de; Café im Rilke-Haus, In der Bredenau 81, 28870 Fischerhude, ☎ 04293 / 13 85, www.cafe-im-rilke-haus.de; Gasthof Meyerdierks am Hexenberg, Ebbensiek 1,28870 Ottersberg, ☎ 04298 / 38 48, www.gasthof-meyerdierks.de.

Von Reimar Paul

Hinter Ottersberg wird das Paddeln schwieriger. Und spannender. Von Stürmen umgeworfene Bäume, Weiden und Erlen zumeist, liegen quer über dem Fluss und müssen umfahren werden. An einigen Stellen können wir die Kanus nur mit Mühe zwischen den Stämmen, den herunterhängenden Zweigen und dem Ufer hindurchmanövrieren. Ein paar Meter weiter müssen wir die Köpfe einziehen, damit wir nicht gegen ein Hindernis stoßen.

Die Uferböschung ist hier sehr dicht. Naturschutzauflagen verhindern, dass Gestrüpp gelichtet oder entfernt wird. Zum Glück für die Tiere: Vor uns kreuzt eine Schwanenfamilie mit sechs oder sieben Jungen den Weg. Auf der linken Seite verschwindet eine fette Bisamratte im Dickicht. Ein Kuckuck ruft, dann noch einer. Und plötzlich schießt ein stahlblauer Eisvogel über das Wasser.

Wir sind mit ausgeliehenen Kanadiern auf der Wümme unterwegs. Der knapp 120 Kilometer lange Fluss entspringt in der Lüneburger Heide und fließt durch das nördliche Niedersachsen, bevor er sich nahe Bremen mit der Hamme zur Lesum vereinigt, die wiederum in die Weser mündet. In ihrem gesamten Verlauf steht die Wümme unter Natur- oder Landschaftsschutz. Sie gehört zum europäischen Schutzgebiet Natura 2000. Auf beiden Seiten verläuft der Wümme-Radweg.

Einer der saubersten Flüsse im Norden

Das Wasser hat fast durchgehend die Güteklasse II – mäßig belastet also. Die Wümme zählt damit zu den saubersten Flüssen im Norden. Bemerkenswert ist das Vorkommen bedrohter Wanderfischarten wie Meerneunauge, Flussneunauge, Meerforelle und Lachs. Fischotter und Biber sind hier ebenfalls heimisch, wir bekommen an diesem Tag aber keine zu Gesicht.

Mit Paddelbooten zu befahren ist die Wümme ab Lauenbrück im Kreis Rotenburg – sofern der Mindestwasserstand am Pegel Hellwege 50 Zentimeter beträgt. Wir sind dort kurz hinter dem Stauwerk in die Kanadier gestiegen. Und wollen bis zum Bootsplatz Hexenberg bei Lilienthal fahren. Knapp 30 Kilometer flussabwärts, eine längere Tagestour.

Nach zwei Stunden gemütlichen Paddelns durch Wiesen und Wälder teilt sich Wümme in einen Nord- und einen Südarm. Der Südarm wurde in den 1970er-Jahren kanalisiert, diese Strecke lohnt daher nicht wirklich, außerdem gibt es hier mehrere nicht befahrbare Wehre. Der schönere Nordarm fließt zunächst durch den Flecken Ottersberg. Hier verästelt sich der Fluss zu einer Art Binnendelta, im Winterhalbjahr stehen auf den Wümmewiesen oft große Flächen wochenlang unter Wasser, sie bilden ein Vogelrastgebiet von hoher Bedeutung. In Vor-Klimawandel-Zeiten mit einigermaßen kalten Wintern konnte man hier kilometerweit Schlittschuh laufen.

Auf dem Nordarm sind die Wehre durch sogenannte Sohlgleiten ersetzt – künstliche Rampen aus Holz- oder Betonschwellen, die quer zum Flussbett liegen. Weil es zuletzt wenig geregnet hat, schrammen unsere Boote ein paar Mal hörbar über die Steine. Kentergefahr besteht aber nicht.

Lohnende Pause im Künstlerdorf Fischerhude

Eine weitere Pause lohnt unbedingt in Fischerhude. Das kleine Dorf entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts zur Künstlerkolonie. Die Maler Heinrich Breling und Otto Modersohn ließen sich hier nieder, ebenso Hans Buch, Rainer Maria Rilkes Ehefrau Clara, der Komponist Karl Gerstberger und der Schriftsteller Die­drich Speckmann.

Wir besichtigen das kleine Museum in Modersohns früherem Wohnhaus und trinken Kaffee im traumhaft schönen Garten des Rilke-Hauses, durch den sich einer der Wümme-Altarme zieht. Weil es hier fast keine Strömung gibt, spiegeln sich Blumen, Bäume und die verwitterten Holzbänke wunderbar im blanken Wasser.

Vom Nordarm zweigen sogenannte Schiffsgräben in die Dörfer im Teufelsmoor ab. In den letzten Jahrzehnten teilweise trockengelegt, dienten sie früher dem Transport des abgebauten Torfs nach Bremen. Nach der Erschließung der Moorgebiete durch eine Kleinbahn um 1900 wurde die Torfschifffahrt eingestellt. Auf Nachbauten der historischen Torfkähne werden in der Gegend inzwischen wieder Ausflugsfahrten angeboten.

An der Holzbrücke Hexenberg ist unsere Tour zu Ende. Unterhalb dürfen auch Motorboote fahren, auch machen sich Ebbe und Flut bemerkbar. Ab hier würde es ungemütlich.