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Der Reiz der Nebeneinkünfte

Korrupte Tennisspieler: Warum selbst blutjunge Profis für Wettmanipulateure anfällig sind

Vor geraumer Zeit hat sich Osman Torski Rat bei Boris Becker geholt, also bei jener Tennislegende, die derzeit nicht nur die French Open für Eurosport kommentiert, sondern im deutschen Verband auch als Head of Men’s Tennis firmiert. „Man kann in zwei, drei Tagen nicht die Technik ändern, aber man kann jungen Spielern neue Philosophien übers Welttennis erklären“, hat Becker doziert. Vielleicht hätte der Wim­ble­don-Champ den jungen Spieler darüber aufklären sollen, wie korruptionsanfällig der Tennissport ist, gerade für Spieler in der dritten und vierten Reihe. Torski, Jahrgang 2001, ist jetzt wegen Korruptionsverdacht für neun Monate suspendiert worden. Das teilte die Untersuchungsbehörde im Tennis (TIU) mit. Sie nennt sich Tennis Integrity Unit. Torski soll den Ausgang seines eigenen Spiels bei einem kleinen deutschen Turnier im Oktober 2017 manipuliert haben; sechs Monate der Sperre wurden auf Bewährung ausgesetzt. Die TIU war von den großen Verbänden zur Bekämpfung von Betrug und Korruption eingerichtet worden. Torski ist die Nummer 172 im zweitklassigen Ranking der internationalen Tennisföderation (ITF). Er war zum Zeitpunkt seines mutmaßlichen Betrugs noch nicht einmal volljährig.

Wenn also schon Milchbärte im Tennis mit Wettmanipulateuren gemeinsame Sache machen, wie weit verbreitet ist dann dieses Pro­blem im gesamten Tennissport? Im Vorjahr versuchte eine unabhängige Untersuchungskommission darauf eine Antwort zu geben. Sie fiel eindeutig aus: Es gebe keine Sportart, in der es mehr Wettbetrug gebe. Befragt wurden 3.200 Spielerinnen und Spieler, und von ihnen hatten fast 15 Prozent direktes Wissen von Match-Fixing-Praktiken. Das Problem betreffe vor allem den Männerbereich sowie Turniere der mittleren und unteren Ebene, fanden die Inspekteure heraus.

Die Anfälligkeit für Offerten dieser Art ist im Tenniszirkus stark, denn die meisten Spieler jenseits der Top 100, an deren Spitze Multimillionäre wie Serena Williams oder Rafael Nadal stehen, müssen extrem hart um ihre Einkünfte kämpfen. Nur 336 Männer und 253 Frauen schaffen es, mit einem Plus aus dem Tennisjahr zu gehen, hat die TIU in ihrer Studie ermittelt. Es gibt demnach ein großes „Tennisprekariat“, das nach alternativen Verdienstmöglichkeiten Ausschau hält – und manchmal eben auch auf die schiefe Bahn gerät. Es verwundert daher nicht, wenn in regelmäßigen Abständen Spieler auffliegen. In den vergangenen Monaten waren das: der ägyptische Tennisspieler Karim Hossam, der Brasilianer Joao Souza, Patricio Heras aus Argentinien und sein Landsmann Nicolas Kicker sowie die ukrainischen Zwillinge Gleb und Wadim Alexejenko. Sie wurden sogar auf Lebenszeit gesperrt; zwischen Juni 2015 und Januar 2016 sollen beide bei mehreren Turnieren auch in Deutschland Spiele manipuliert haben, auf die sie zuvor mithilfe eines Mittelsmannes gewettet hatten.

Es gebe keine Sportart, in der es mehr Wettbetrug gebe, verkündete eine Untersuchungskommission

Der Unterschied zwischen den Aufgeflogenen und der deutschen Nachwuchshoffnung? Das Alter. Während sich die meisten Delinquenten im Herbst ihrer Karriere und im Niemandsland der Weltrangliste befanden, schien Torski gerade erst die Manege betreten zu haben. Er wurde gefördert im Leistungszentrum Hannover, schmiss das Abi, um sich voll auf den Sport zu konzentrieren. Sein Verhalten erscheint unverständlich, es sei denn, der Tennissport hat doch ein systemisches Problem. Aber das will dem weißen Sport ja noch nicht einmal die schnelle Eingreiftruppe von der Integritätspolizei attestieren. Markus Völker