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Von der USA lernen …

…heißt siegen lernen: Warum der europäische Oligarchenfußball so nicht mehr gespielt werden kann

In einem Monat werden wieder die besten Basketballtalente verteilt. Die Nachwuchsrekrutierung in den USA nennt sich Entry Draft. Eines der schlechtesten Teams der vergangenen Saison, die New Orleans Pelicans, dürfen sich den vermeintlich besten Jungwerfer schnappen, Zion Williamson. Nach diesem Schema geht es weiter: Die Memphis Grizzlies holen voraussichtlich Ja Morant zu sich, die New York Knicks nehmen RJ Barrett in ihren Kader auf. Seit 1950 wird auf diese Weise in der NBA verfahren. Das Modell wurde auch von der Eishockeyliga NHL oder der Fußballliga MLS kopiert. Damit ist garantiert, dass der Sport spannend bleibt. Das funktioniert ganz gut. Es gibt zwar auch in der NBA immer wieder tonangebende Teams, wie jetzt die Golden State Warriors, aber für Abwechslung ist durch das System des Drafts – und der Gehaltsobergrenzen – gesorgt: Schwache Kombos dürfen sich am geregelten Spielermarkt bevorzugt bedienen, die guten Teams müssen sich hinten anstellen. Das System ist ziemlich schlau, weil es die Chancen der Teams nivelliert. Über eine dirigistische Maßnahme wird so etwas wie Chancengleichheit und damit Spannung erzeugt – was wiederum auf Fans, Umsatz und Einschaltquoten belebend wirkt. Kurzum: Der US-Sport hat eine Methode gefunden, um sich aus sich selbst heraus immer wieder zu erneuern.

Das steht dem europäischen Fußball noch bevor. Ihm droht durch einen fast völlig ungeregelten Markt eine zunehmende Oligarchisierung. Große finanzkräftige Zentren bilden sich, Cluster, deren ökonomische und fußballerische Potenz von Saison zu Saison wächst. Und dieser Prozess vollzieht sich nicht nur linear, sondern exponentiell. Die Beschleunigung ist teilweise atemberaubend. In der Bundesliga gibt es nur einen großen Oligarchenklub. An der Spitze des neuen alten Deutschen Meisters FC Bayern München stehen keine bösen Ölscheichs aus den Emiraten oder Katar, sondern nur eine auf deutsche Verhältnisse fein abgestimmte „Familien“-Oligarchie, die von der FC Deutschland AG alimentiert wird, aber die Absetzbewegungen vom Rest in Freiburg, Bremen oder Hannover fallen trotzdem immer deutlicher aus. Die Bayern werden zu stark für die nationale Liga, was sich erkennbar an der Titelflut ablesen lässt. Europaweit sind sie aber nur ein Großverein unter vielen. Hier regiert ein ungezügelter Globalismus, bei dem die Bayern nur mitmischen können, weil sie betriebswirtschaftlich und fußballfachlich nicht auf den Kopf gefallen sind.

Die Bayern werden zu stark für die Liga, was sich an der Titelflut ablesen lässt

Europa mag in Fragen der Reisefreiheit von Waren und Personen gut aufgestellt sein, sportstrategisch könnte die radikale Marktzentrierung der Europäer freilich darauf hinauslaufen, dass der Fußballkontinent seine Mitte verliert, weil es die jeweiligen Ligachefs und allen voran die Uefa dulden, dass einige wenige Vereine – von A wie Arsenal bis P wie Paris St. Germain – plump gesagt immer reicher und dominanter werden, andere aber immer chancenloser (wirklich ärmer werden sie ja meist nicht). Wenn man aber einfach nur die Elle des Finanzglobalismus an den Sport anlegt und hofft, der Sportmarkt werde es schon irgendwie regeln, dann protegiert man zehn, zwölf Klubs, in denen unglaublich guter Fußball gespielt wird (toll, oder?), aber schafft gleichzeitig ein abgehängtes Heer von Fußballklubs, die nicht einmal mehr in die Nähe der Branchenführer kommen. Europa bräuchte also ein Draft-System, überdies Gehaltsobergrenzen, damit die Oligarchenklubs nicht ungezügelt weiterwachsen können und so ihre Vormachtstellung zementieren. Markus Völker