Stadtgespräch
Bernhard Clasen
aus Kiew

Nur Wasser in der Küche, aber nicht im Bad und im Klo: Wäre Julia Timoschenko Präsidentin, würde das sicher nicht passieren

Wütend sind die Bewohner eines 8-stöckigen Wohnhauses am Ende der Donezker Straße in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Seit einer Woche haben sie in Bad und Toilette kein fließendes Wasser. Wie Verschwörer stehen zwei Dutzend Mieter im Flur des sechsten Stocks vor zwei geöffneten Wohnungen. Eine ältere Dame beklagt sich, mit was für einer stoischen Gelassenheit Vermieter, Behörden und Bekannte reagieren würden.

So habe der Vermieter sie mit der Bemerkung zu beruhigen versucht, das ganze Haus habe derzeit kein Wasser in Klos und Badezimmern. Sie solle bei der Hausverwaltung anrufen. Die habe ihr versprochen, das Problem in wenigen Stunden zu beheben. Das Gespräch habe aber vor vier Tagen stattgefunden.

Eine Freundin in einem anderen Stadtteil hatte gemeint, es hätte auch schlimmer kommen können. Sie habe schon tagelang mit kalten Heizkörpern im Winter leben müssen. Als in ihrer Wohnung der Strom für zwei Tage ausgefallen sei, habe sie sich auch nur dumme Bemerkungen anhören müssen.

So fühlen sich die Mieter wieder einmal im Stich gelassen. Wie es sein könne, dass das Wasser nur in Toiletten und Badezimmern nicht fließe, man in den Küchen aber kein Problem habe, wirft ein Anwohner in die Runde.

Schnell richtet sich die Wut auf die Politik. Schuld an der Misere seien doch Bürgermeister Klitschko und Präsident Witali Petro Poroschenko, schimpft Vika. Wasser, Strom und Heizung würden immer teurer, die kommunale Versorgung immer schlechter. Wenn Julia Präsidentin der Ukraine wäre, würde es derartige Schlampereien nicht geben. Vika spricht von Julia Timoschenko, die derzeit in den Meinungsumfragen für die Präsidentschaftswahl am 31. März an der Spitze liegt. Julia, so die Rentnerin, habe versprochen, die Preise für Gas, Strom und Heizung um die Hälfte zu senken. Sie rät allen, für Timoschenko zu stimmen.

Julia sei die Einzige, die etwas für die armen Teile der Bevölkerung tue. Ohne Julia wüsste sie nicht, wie ein Computer funktioniert. Doch Timoschenkos Partei organisiere ein kostenloses Bildungsprogramm für Rentner und andere Benachteiligte.

Bei näherem Nachfragen stellt sich jedoch heraus, dass es bei diesen Kursen weniger um Weiterbildung als um Wahlpropaganda geht. Man lerne nicht nur mit Windows umzugehen, gibt Vika zu, sondern erfahre auch vieles aus dem Leben und der politischen Arbeit von Julia Timoschenko. Und so habe sie sich überzeugen können, dass Julia die Einzige sei, die etwas für die sozialen Randgruppen tue.

So fühlen sich die Mieter wieder einmal im Stich gelassen

Doch nicht alle auf dem Flur teilen Vikas politische Präferenzen. „Ich wähle den Komiker Wladimir Selenski“, erzählt die 25-jährige Olga. Die hagere Frau arbeitet im Haushalt eines berühmten ukrainischen Fußballers. Sie sei bisher noch nie zur Wahl gegangen. Aber Selenski bringe Schwung in den Laden. Der Mann habe sein Geld redlich verdient, nicht mit Diebstahl wie die Oligarchen Timoschenko oder Poroschenko. Seit Jahren spielt der Komiker in der Serie „Diener des Volkes“ ukrainischer Präsident. Dort macht er sich vor allem über Poroschenko lustig.

In der Neujahrsnacht wurde aus dem Spiel Ernst. Da hatte Selenski erklärt, für das Amt des Präsidenten zu kandidieren. Zunächst habe sie diesen Auftritt für eine weitere Einlage der Sendung „Diener des Volkes“ gehalten, gibt Olga zu. Doch der Mann gefalle ihr, weil er die Herrschenden aus der Fassung bringe.