heute in hamburg

„Massaker des Hungers“

Buchvorstellung Jean Ziegler über die Macht der Superreichen und eine kannibalische Weltordnung

Jean Ziegler

Foto: Henning Kaiser(dpa)

83, Soziologe, war Abgeordneter im schweizerischen Parlament, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und sitzt derzeit im Beratenden Ausschuss des UN-Menschenrechtsrates

taz: Herr Ziegler, was war Ihre größte Niederlage im Kampf gegen Hunger und Armut?

Jean Ziegler: Ich war acht Jahre lang Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren – auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt. Das heißt: Ein Kind, das jetzt Hungers stirbt, wird ermordet.

Sie kritisieren auch, dass das Vermögen der Reichsten und der Ärmsten immer weiter auseinander klafft – hat das nicht etwas mit der Globalisierung zu tun? Jeder, der eine gute Idee hat, kann diese global vermarkten.

Es geht um die Finanzmärkte, nicht um Geschäftsideen – die haben einen kleinen Anteil. Nach Angaben der Weltbank kontrollieren die 500 größten Privatkonzerne 53 Prozent des Welt-Bruttosozialprodukts. Die haben eine Macht, wie sie nie ein Kaiser oder Papst gehabt hat. Sie entziehen sich jeglicher Kontrolle und haben eine einzige Geschäftsstrategie: die Profitmaximierung.

Steht von diesem Vermögen nicht das meiste auf dem Papier? Bei einem Börsencrash wäre es bloß noch die Hälfte wert.

Es hat in den letzten 25 Jahren in absoluten Zahlen massiv zugenommen. Die globalisierten Oligarchien des Finanzkapitals haben eine Weltdiktatur über den Nationalstaaten errichtet.

Aber noch haben Staaten mehr Machtmittel als jeder Privatmann. Sie entscheiden über Leben und Tod.

Nein. Die Oligarchien entscheiden. Wir leben in einer absurden kannibalischen Weltordnung, denn dieser unglaublichen Machtakkumulation stehen die Leichenberge in der Dritten Welt gegenüber.

Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Die Hungerzahlen. Heute gibt es keinen objektiven Mangel mehr. Es gibt Nahrung für das Doppelte der Weltbevölkerung. Trotzdem gibt es das tägliche Massaker des Hungers, weil die Opfer keinen Zugang zu Nahrung haben.

Kapitalisten dürften am Hunger kein Interesse haben – schließlich brauchen Sie Konsumenten.

Einer der Gründe des Hungers ist die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel. Die Hedgefonds und Großbanken erwirtschaften damit astronomische Profite und in den Slums der Welt, wo die Mutter mit ganz wenig Geld Reis kaufen muss, sterben noch mehr Kinder.

Wie könnte man dagegen vorgehen?

Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Die grundlegenden Reformen, die morgen früh durchgesetzt werden könnten, wenn der Druck stark genug wäre, lauten: Radikalverbot der Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel, Streichung der Auslandsschulden der ärmsten Länder dieser Welt, das Agrardumping der EU auf den afrikanischen Märkten beenden, den Landraub stoppen.

Interview Gernot Knödler

Jean Ziegler spricht über sein neues Buch „Der schmale Grat der Hoffnung. Meine gewonnenen, oft verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden“: 20.30 Uhr, Schauspielhaus