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Grüne Hölle hoch im Norden

Kanufahren Deutschlands nördlichster Fluss Treene ist durchaus störrisch. Der Oberlauf, noch immer ein Geheimtipp, mäandert durch menschenleere Wiesen, Weiden und Gehölze voller Vögel und Libellen

Mitunter bockig und im Oberlauf durchaus anspruchsvoll zu befahren: Die noch immer weitgehend unbekannte Treene Foto: Helene Hinrichsen

von Sven-Michael Veit

Schwungvoll kracht das Heck in die Uferböschung, Wolken unerwünschter Insekten steigen auf, Laub und Staub rieselt aus den Bäumen herab. Man darf mit dem Paddeln eben nicht zu früh aufhören auf diesem kurvigen Flüsschen, dem ein mitunter durchaus störrischer Charakter zu eigen ist. So entspannt man passagenweise das Kanu treiben lassen kann bei einer Fließgeschwindigkeit von drei bis vier Stundenkilometern, so sehr rächen sich selbst kleine Unaufmerksamkeiten in den schmalen Biegungen. Die quirlige Treene, der nördlichste Fluss Deutschlands, will ernst genommen werden.

Immerhin 73 Kilometer, samt Quellfluss Bondenau sogar 95 Kilometer, lang ist der Nebenfluss der Eider, dem mit 188 Kilometern längsten, nun ja: Strom im Land zwischen den Meeren. In unzähligen Windungen mäandert der Oberlauf des lebendigsten Flusses in Schleswig-Holstein, meist kaum breiter als das Kanu lang ist, durch menschenleere Wiesen, Weiden und kleine Gehölze, und wer nach ein paar Stunden um seinen Orientierungssinn zu fürchten beginnt, hat dafür gute Gründe. Aus Gegenwind wird Seitenwind wird Rückenwind wird wieder Gegenwind, und niemand hier darf sich wundern, desselben Baumes in Ufernähe von drei verschiedenen Seiten ansichtig zu werden.

Befahren verboten gilt oberhalb von Tarp im Naturschutzgebiet Obere Treene. Die erste Einsetzstelle für Kajaks und Kanus ist bis heute noch ein Geheimtipp: die Wiese am Klinkenberg in Eggebek-Langstedt. Eine kleine Halbtagestour über zwölf Kilometer bis Silberstedt-Hünning dauert etwa vier Stunden plus Pausen. Ab dort, vom Zeltplatz und Kanuverleih „Bauer Jensen“ an, gibt es alle paar Kilometer Möglichkeiten der Bootsausleihe und Übernachtung auf Zeltplätzen oder in Heuherbergen (siehe Kasten) bis nach Friedrichstadt. Das aber sind drei weitere Tagestouren.

Bis dahin jedoch ist nicht selten Hindernisfahren um herabgefallene Äste angesagt, die die Treene enger und schneller machen, auch von umgestürzten Bäumen unter der Wasserlinie sollte man sich nicht nervös machen lassen in dieser Grünen Hölle hoch im Norden, nahezu jede Innenkurve ist voller Sandbänke und Untiefen, am Gegenhang indes ist die Strömung umso stärker. Richtig bockig kann die Treene sein und hier im Oberlauf, auf dem man in der Regel allein unterwegs ist, ist sie durchaus anspruchsvoll zu befahren. Leichter wird es für Ungeübte erst ab Treia, dem kleinen Ort in der Mitte zwischen Schleswig und Husum, wo die Strömung deutlich abnimmt.

Ab hier wird die Treene breiter und ruhiger und in den Kurven gemächlicher. Das wussten schon die alten Wikinger zu schätzen. Bis hier ruderten sie von Westen auf einströmendem Nordseewasser Eider und Treene herauf, bogen südlich des heutigen Hollingstedt nach Osten in die Rheider Au ab und zogen ihre Drachenboote die letzten Kilometer über den Geestrücken bis zur Schlei in ihre Handelsmetropole Haithabu.

In weiten Schwingen fließt die Treene südlich der Rheider Au gemächlich durch Naturschutzgebiete wie das Wilde Moor und die flache Landschaft der Eider-Treene-Sorge-Niederung, ein wichtiges Natura-2000-Gebiet, Rückzugsraum für viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Der Wachtelkönig lebt hier, Kiebitze und Große Brachvögel, Rohr- und Wiesenweihen ebenfalls, auch Kraniche, Reiher und Seeadler. In den Böschungen nisten Uferschwalben und Eisvögel. Auch wird man im Kanu beständig umschwirrt von den kleinen Blauen Prachtlibellen und den größeren Schwarzen Heidelibellen.

Die Kanutour wurde freundlich unterstützt von regiomaris.

Ein Komplettpaket mit Bahnfahrt, Transfers, Kanutour, Imbiss kostet für 49 Euro pro Person, Familien 119 Euro. Zweitägige Kanutour mit Ü/F bei Bauer Jensen kostet 89 Euro, 2 Erw. und 1 Kind 199 Euro. Details: 040 /50 690 700, www.regiomaris.de.

Nördlichster Kanuverleih an der Treene ist der Zeltplatz "Bauer Jensen" in Hünning: www.bauerjensen.de.

Infos zum Wasserwandern in Schleswig-Holstein unter: www.kanu-sh.de und www.kanuland-sh.de.

Alles über die Störche der Region findet sich auf www.bergenhusen.nabu.de; alles über das sehenswerte Friedrichstadt auf www.friedrichstadt.de.

Und natürlich gibt es hier Weißstörche. In Bergenhusen zwischen Treene und Alter Sorge brüten Jahr für Jahr dutzende Störche. Voriges Jahr zogen hier 21 Paare ihre Jungen auf, immerhin 15 wurden flügge, auch aktuell brüten wieder 40 Weißstörche in Bergenhusen. Allerdings droht 2017 ein schlechtes Jahr für den Nachwuchs zu werden, befürchtet der Naturschutzbund (Nabu): Bei Regen und Kälte im April seien viele Küken verendet. Im Nabu-Informationszentrum, dem Storchenmuseum Bergenhusen, erfahren Besucher alles Wissenswerte über Adebar und können per Videokamera das Geschehen im Storchennest auf dem Dach erleben. Auf den Feuchtwiesen in weitem Umkreis sind die großen Vögel bei der Futtersuche zu beobachten, in den Niederungsflächen kann man sie bisweilen selbst vom Kanu aus in Schilfgebieten und Flachwasserzonen auf Nahrungssuche sehen.

In Friedrichstadt, dem pittoresken Holländerstädtchen kurz vor der Nordsee, mündet die Treene in die Eider. Auch sie, die große Schwester, ist im Unterlauf für Kanus und Kajaks gut befahrbar, auf jeden Fall ab Rendsburg oder ab Gieselauschleuse. Jedoch ist der tidebeeinflusste und recht breite Strom mit erhöhter Vorsicht zu genießen, denn der Gezeitenschub der Nordsee reicht weit ins Land hinein. Unterhalb von Friedrichstadt ist die Eider nur noch routinierten Seekajakfahrern zu empfehlen. Bei ablaufendem Wasser kann die Strömung ungeübte Gelegenheitskanuten bis ins Wattenmeer hinein ziehen – sofern sie nicht zuvor am Eidersperrwerk zerschellen: Hier besteht definitiv Lebensgefahr.

Sorgloser Spaß hingegen ist ganz oben zu finden, wo die Treene noch jung, schmal und kurvig ist, mitunter ganz schön ungebärdig und noch immer weitgehend unbekannt.