Schöner Müll Wie muss ein Sattelschoner aussehen, damit er bei Regen nicht entwendet wird? Die Antwort findet sich auf dem Küchentisch von Tanten und Großeltern

Für ein neues Wachstuchtischdenken

Das Ausgangsmaterial. Viel zu schö… äh: schade, um es wegzuwerfen! Fotos: taz

Von Waltraud Schwab

So weit ist es: Jetzt werden einem schon die Plastiktüten geklaut, die man bei Regengefahr über den Fahrradsattel stülpt, um zu verhindern, dass einem der Hintern nass wird. Dass industriell konfektionierte Fahrradsattelüberzüge gestohlen werden, ist bekannt. Aber Plastiktüten? Gut: An sich sind Plastiktüten Wanderware, sie kommen und gehen, wie Kugelschreiber, Feuerzeuge, Regenschirme oder Tupperdosen. Aber wenn es regnet, sollte man sie an Ort und Stelle lassen, alles andere ist gemein.

Also, nachdenken: Wie müsste so ein Sattelüberzug be­schaf­fen sein, damit er nicht geklaut wird? Antwort: Er müsste kitschig oder hässlich sein oder sehr, sehr eigen. Und zack, war da plötzlich diese Idee: Er müsste aus alten Wachstuchtischdecken gefertigt werden.

Woher man die bekommt? Von Großmüttern und Müttern, Tanten und manchmal auch Onkels. Wenn noch irgendwo Wachstuchtischdeckenästhetik herrscht, dann an deren Küchentischen. In regelmäßigen Abständen wird die Decke ausgetauscht, weil sie an den Tischkanten aufgerieben ist. Dann gibt es Abendbrot mit Wachstuchtischdeckenduft, denn das Plastik der neuen dünstet noch aus. Riechen Sie es im Kopf beim Lesen?

Weil die Tischdecken in der Fläche meist noch intakt und Großmütter, Mütter, Tanten möglicherweise von Kriegs- oder Nachkriegserfahrungen geprägt sind – eingefleischt also die Erkenntnis: nichts darf weggeworfen werden –, wird die neue Wachstuchtischdecke einfach auf die alten gelegt.

Aus denen muss man Sattelüberzüge machen, denn die Muster auf Wachstuchtischdecken sind an Absonderlichkeiten nicht zu überbieten: Karos mit Blumen, Kreise mit Katzen, Früchte vor Gartentoren, Tee- und Kaffeekannen mit Sternen. Es ist Schöner Müll ganz im Verborgenen, und wer einmal die Tischdecke bei Muttern anhebt, hebt diesen Schatz.

Die Deckenmuster sind reich an Absonderlichkeiten: Karos mit Blumen, Kreise mit Katzen, Früchte vor Gartentoren

Vorschlag: Schenken Sie Ihrer Tante, Großmutter, Mutter eine neue Wachstuchtischdecke und luchsen Sie ihr die alte ab. Da wird schon noch ein halber Quadratmeter intakt sein. Ansonsten werden nur ein wenig Augenmaß und Anfängergeschick beim Nähen benötigt. (Ist keine Nähmaschine da, tut’s auch Klebstoff.)

Unübertroffen ist das Gefühl, dass der Hintern der Fahrrad fahrenden Kindeskinder mit einem Stück von Großmutters Küchentischtischdecke vor Regen geschützt wird. Das stärkt die familiären Bande mehr als jede Mail oder SMS an sie.

Anleitung

1. Sie brauchen: ein Stück Wachstuch in der Größe 60 x 70 Zentimeter; ein altes Geschenkband, 1,50 Meter lang, einen Knopf mit großen Löchern.

2. Messen Sie Ihren Sattel aus und malen Sie den Umriss mittig auf die Rückseite des Wachstuches. Es muss nicht perfekt sein: Zeichnen Sie so was Ähnliches wie eine Birne, die irgendwie an einen Sattel erinnert. Wichtig dabei ist nur: Seien Sie großzügig. Im Zweifel muss die Birne größer sein als der Sattel, nicht kleiner.

Also wird der Rand umgeschlagen und vernäht …

3. Danach zeichnen Sie eine zweite Birne, mit zehn Zentimetern Abstand um die innere Birne. (Das ist das Material, das die Seiten des Sattels schützen wird.) Und dann noch eine dritte Birne, im Abstand von fünf Zentimetern von der zweiten Birne. (Diese fünf Zentimeter werden umgeschlagen und festgenäht, um die Kante zu stabilisieren.)

4. Jetzt schneiden Sie die größte Birne aus. Anschließend schneiden Sie den Rand im Abstand von circa fünf Zentimetern ein, bis an der Rand der zweiten Birne.

5. Die so entstehenden Abschnitte werden auf der Rückseite umgeschlagen, festgesteckt und festgenäht. Weil der Umriss der dritten Birne größer ist als der Umriss der zweiten Birne, überlappen sich die Abschnitte. Bitte nähen Sie die umgeschlagene äußere Birne doppelt am äußeren und am inneren Rand fest, damit die Abschnitte gut fixiert sind. Dazwischen sollten etwa drei Zentimeter sein, wo keine Naht ist.

6. Nun schneiden Sie mit einem Cutter in jeden Abschnitt je einen kleinen, maximal zwei Zentimeter langen Schlitz. Die Schlitze sollten zwischen den Nähten liegen und im rechten Winkel zum Rand gemacht werden. Die Nähte sind dabei ein natürlicher Stopp, falls so ein Schlitz mal ein- bzw. aufreißt.

… das Ergebnis im Einsatz: etwas kitschig und sehr, sehr eigen

7. Nun wird das Geschenkband durch die Schlitze gefädelt. Start- und Endpunkt sollte in der Mitte des hinteren Teils des Sattels sein, am Ende müssen beide Enden des Bandes aus der Oberseite, also die mit dem Muster, hinausschauen.

8. Die Enden werden nun durch je ein Loch des Knopfes geführt. Dann machen Sie, nachdem Sie mit dem Band den Sattelbezug etwas gerafft haben, einen Knoten auf den Knopf. Bedenken Sie, dass Sie etwas Spiel brauchen, um den Sattelbezug über den Sattel zu ziehen. Die Enden des Bandes lassen Sie lang, damit der Sattelbezug auch irgendwo am Fahrrad festgebunden werden kann.

Zum Schluss hoffen Sie, dass der Wachstuchtischdeckensattelbezug nicht geklaut wird.

Nächste Woche geht es um Potica, das slowenische Festtagsgebäck, das auch Melania Trump ihrem Mann backt.