Kabul–München

Pouya dank Fassbinder zurück

Die meiste Zeit hielt er sich in einem Hotel auf, das einem Hochsicherheitstrakt glich

Ahmad Shakib Pouya ist wieder in München. Der Kunst wegen. Die Schauburg, das städtische Kinder- und Jugendtheater, hatte dem Zahnarzt, Dolmetscher und Schauspieler die Hauptrolle in einer Inszenierung von Fassbinders „Angst essen Seele auf“ angeboten und ihm so ein Visum verschafft. Das Theaterteam war zu dem Schluss gekommen, dass niemand die Rolle des Ausländers Ali besser darstellen könnte als Pouya. Denn er weiß, was Angst bedeutet.

Angst hatte Pouya in den vergangenen Wochen reichlich. In seiner Heimat Afghanistan. Als er am 20. Januar von München nach Kabul flog, war es eine Reise in ein Land, in dem er um sein Leben fürchtete. Eine Reise in die Hölle, wie er es nennt.

Afghanistan, zur Erinnerung, ist das Land, in das man, einer „dringenden Reisewarnung“ des Auswärtigen Amtes folgend, besser nicht reisen sollte. Landesweit, so schreibt das Amt auf seiner Website, könne es „zu Attentaten, Überfällen, Entführungen und anderen Gewaltverbrechen kommen“. Bei Bundesinnenminister Thomas de Maizière hört es sich so an: Die Lage ist kompliziert, aber vielerorts sicher.

Sicher für einen wie Pouya? Für einen, der seinen Vater verlor, als eine Granate in das Elternhaus geworfen wurde, weil er, der junge Arzt, von den Taliban der Kollaboration mit dem Westen verdächtigt wurde? Für einen, der in Deutschland Lieder gegen die Taliban nicht nur gesungen, sondern auch ins Netz gestellt hat? Knapp zwei Monate verbrachte Pouya nach seiner „freiwilligen“ Ausreise in Afghanistan. Die meiste Zeit hielt er sich in einem Hotel auf, das einem Hochsicherheitstrakt glich.

Pouya, seit 2011 als Flüchtling in Deutschland, war nach Afghanistan ausgereist, um seiner Abschiebung zuvorzukommen – die ein dreijähriges Wiedereinreiseverbot bedeutet hätte. Was seinen Fall so besonders machte: Er galt als beispielhaft integriert. In Augsburg hatte er ein Flüchtlingsprojekt aufgebaut, in München spielte er in einer Operninszenierung des Vereins Zuflucht Kultur mit, bei der IG Metall hatte er einen Job als Dolmetscher. Der ehemalige bayerische CSU-Minister Thomas Goppel machte sich für ihn stark, Claudia Roth sowieso, selbst das Bundespräsidialamt.

Dank Fassbinder ist er jetzt wieder in Deutschland. Und probt. Die Premiere ist bereits am 22. April. Mit dem Rollenangebot habe ihm die Schauburg das Leben gerettet, sagt Pouya. Klingt nach einem Happy End. Die Wirklichkeit jedoch klingt eher nach Fassbinder: Am Ende von „Angst essen Seele auf“ sitzt die deutsche Putzfrau Emmi am Krankenbett ihres Mannes Ali. Ein Magengeschwür hat ihn niedergeworfen. Er werde wohl wieder gesund, sagt der Arzt. Aber das Geschwür könne jederzeit wiederkommen.

Pouyas Visum ist bis August befristet. Dominik Baur