: „Adoption falsch dargestellt“
BuchpremiereAnnette Mingels erzählt davon, was Familie heute bedeutet. Gegen ihre Mutter, die sie weg gab, hegt sie keinen Groll
taz: Frau Mingels, warum wollten Sie Ihre leibliche Mutter kennenlernen?
Annette Mingels: Um ehrlich zu sein, ging die Initiative gar nicht von mir aus, sondern von meiner leiblichen Mutter. Ich fand das eine gute Idee und war dann auch neugierig.
Gehört sie denn jetzt auch zur Familie?
Nein, das nicht. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich das in meinem Buch thematisiert habe: Ich finde, dass das Thema Adoption immer sehr falsch dargestellt wird. Wenn eine Adoption gelingt, dann ist man eigentlich nicht mit 30 auf der Suche nach einer Mutter, denn dann hat man schon eine.
Sind Sie böse auf Ihre Mutter, weil sie Sie zur Adoption gab?
Ganz und gar nicht. Ich fand ihre Entscheidung immer sehr gut. Wenn eine Frau sich dazu entscheidet, finde ich das eigentlich eine kluge Entscheidung. Man macht das ja nicht aus Spaß, sondern weil man nicht anders kann. Und wenn man das vor der Geburt entscheidet, erspart man dem Kind womöglich das Schicksal, hinterher keine Familie zu haben.
Wer sollte ein Kind adoptieren dürfen?
Da bin ich sehr offen. Ich glaube, dass homosexuelle Paare das genauso gut können. Es kommt immer darauf an, wie stabil die Verhältnisse sind, die man dem Kind bietet.
Trotzdem stößt die Forderung, homosexuelle Paare sollen Kinder adoptieren dürfen, immer noch auf starken Widerstand.
Ich hatte tatsächlich erst selbst die Überlegung, ob es eine Benachteiligung für das Kind ist, wenn es bei zwei Vätern oder zwei Müttern aufwächst, aber ich habe durch meine Nachbarn in den USA, zwei homosexuelle Männer mit zwei Kindern, den Eindruck bekommen, dass das sehr gut funktionieren kann. Ich folge da der Anschauung, dass alle Menschen gleich sind.
Was ist bei einer Adoption besonders wichtig?
Ich finde es wichtig, dass das Kindeswohl zentral ist. Gleichzeitig haben die Adoptionsregeln auch normativen Charakter: Sie sollten darum so wenig diskriminierend wie möglich sein.
Sollte das Alter der Eltern eine Rolle spielen?
Da gibt es ganz pragmatische Überlegungen. Ich weiß nicht, ob es sinnvoll wäre, wenn die Eltern 60 sind, weil dann einfach die Lebenserwartung kürzer ist. Aber dass man das jetzt an einer Zahl festmacht, ist schwierig. Man sollte sich am Alter leiblicher Eltern orientieren und das steigt ja momentan.
Interview:Milena Pieper
Lesung aus dem Roman „Was alles war“: 19.30 Uhr, Buchhandlung Kortes, Elbchaussee 577. Anmeldung erforderlich, der Eintritt ist frei
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