Mischmasch Wir wollen beim Spargelessen ein rumänisch-russisch-arabisch-deutsches Sprachgewirr veranstalten. Alle bringen eine Sauce und ihre Geschichten mit

Das Reden wird leicht

Manche der Gäste sind erst seit ein paar Jahren in Deutschland, andere schon ein halbes Leben. Spargel stand bisher nicht so auf ihrer Speisekarte Foto: Lia Darjes

Von Waltraud Schwab

Ich bin immer auf die Schnauze gefallen“, sagt Maria Caraivan, „und jetzt auf die Knie“. Einen Tag vor dem Spargelessen mit Flüchtlingen ruft sie aus dem Krankenhaus an. Die Kniescheibe ist mehrfach gebrochen. Maria war während der Ära des rumänischen Diktators Ceaușescu geflohen, die deutschen Gerichte glaubten ihr ihre Fluchtgründe nicht. Sie biss sich durch, blieb, nahm jeden Job an. Jetzt drückt sie ihren Schmerz beiseite, wie sie es immer getan hat, entschuldigt sich, sie hatte doch an unserem Kochen-mit-Flüchtlingen-Abend für den rumänischen Sound und eine Sauce Hollandaise sorgen wollen.

Zati, kommst du mit Olga?

Die Einladung zum Essen war spontan. Spargel aus Süddeutschland war von meinen Besuchern mitgebracht worden – ein Gastgeschenk. Ewig kann der nicht in nassen Tüchern im Kühlschrank liegen. Zati, kommst du mit Olga? Najet, kommst du? Aura, kommst du auch? „Bring deine Mutter mit!“ Aura kam vor zehn Jahren als Studentin aus Rumänien nach Berlin. Ihre Mutter ist gerade zu Besuch. Steffi, komm doch mit Andrey, sie meine Kollegin, er einst russischer Nationalität. Ja, ja, wir kommen, wir werden ein rumänisch-russisch-arabisch-deutsches Sprachgewirr veranstalten. Und alle wollten eine Sauce zum Spargel und ihre Geschichten mitbringen.

Zati Ferdil, 75 ist er jetzt, flüchtete als Student aus dem Irak nach Russland. Er gehörte einer kommunistischen Gruppe an, eines Tages war einer seiner Freunde verschwunden, ein anderer tot. Zati verstand und floh. In Russland konnte er Fuß fassen, promovierte als Architekt, plante Häuser, heiratete Olga, sie bekamen eine Tochter. Aber nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde es für Ausländer mit dunkler Haut schwierig. Er verlor die Arbeit, war rassistischen Anfeindungen ausgesetzt, flüchtete erneut, beantragte Asyl in Berlin. Olga und die Tochter kamen mit. Eine Flucht verkraftete Zati, bei der zweiten verzweifelte er am deutschen Asylsystem, es dauerte viele Jahre, bis man ihn anerkannte, und Olga mit ihrem russischen Pass ging es auch nicht gut. Zati wollte mit Najet Adouani reden. Auf Arabisch. Sie, Lyrikerin, Dissidentin, flüchtete vor drei Jahren aus Tunesien und war „Schriftstellerin im Exil“ des deutschen PEN-Zentrums.

Spargel stand nicht so auf der Speisekarte der meisten Gäste. Najet wollte schälen helfen, ihre Finger gehorchten den Bewegungen, die ein Spargelschäler einem abverlangt, nicht. Aura wiederum wollte die Spargelköpfe wegschneiden. „Halt, bloß nicht!“ Aber drei Kilo Spargel schälen, das bringt Menschen so oder so zusammen. Warum? Weil es nervt. Es nervt so lange, bis es zur Meditation wird. Das aber ist nicht so einfach, wenn gleichzeitig noch jemand Salate macht und Soßen anrührt. Basilikum mit Knoblauch durch die Knoblauchpresse gedrückt, mit Salz und Pfeffer in Schmand gerührt.

Mit den Flügeln einer Taube

Das Essen war unglaublich gut. Zatis Soße die Beste. Najet beginnt, Gedichte vorzutragen

Damit niemand hungrig bleibt, der Spargel nichts abgewinnen kann, diesem Inbegriff deutscher Luxushausmannskost, haben wir noch einen Linsensalat und „Sultans Delight“ vorbereitet. Letzteres ein feingeriebener Karotten-Apfel-Salat mit Zitrone, Zucker, Salz und Nüssen.

Mitten in die Vorbereitungen platzt eine SMS: Die Beerdigung von Yasemin Tasev sei am folgenden Tag. Ein Schock, Yasemin tot. Yasemin, die auch so ein Migrantenschicksal hatte. Yasemin, von der man lernen konnte, dass Essen, Singen und Tanzen die Menschen verbindet. Ich schneide mir in den Finger.

Olga kam etwas später, ohne Zati und arabischen Sound. Sie brachte seine Entschuldigungen und eine Riesenschüssel fantastisches – wie sich herausstellte – Labneh von Zati mit. Steffi wiederum hatte schon eine Sardellensoße dabei. Die Erdbeer-Ingwer-Soße, die noch geplant war, wurde vergessen. Stattdessen aßen wir am Ende die Erdbeeren als Dessert. Die beste Sauce wollten wir prämieren. Wie? Indem wir hier das Rezept verraten.

Ich fliege weit, weit, weit

Und dann endlich essen. Und reden. Das Reden wird leicht, wenn es sich mit Süßem, Säuerlichem, Würzigem, Scharfem, Salzigem den Mund teilen muss. „Es ist so schwer in Deutschland“, sagt Najet. „Es wird leichter mit der Zeit“, sagt Olga – ein schöner Satz von ihr, die schon über 25 Jahre hier lebt und meistens traurig war, obwohl viele sie unterstützten. Dank der Bereitschaft einiger, subversiv zu handeln, konnte sie sogar studieren, illegal, weil es Asylbewerberinnen nicht erlaubt war, und Olgas Chancen, je anerkannt zu werden, waren gering. Als sie ihren Asylbewerberausweis bei der Immatrikulation vorlegte, wurde dieser ignoriert und man registrierte sie trotzdem. (Deshalb ist hier ihr Name verändert.)

1 Kilogramm Joghurt (kein Magerjoghurt)

1 frische Gurke, sehr klein geschnitten

3 Zehen Knoblauch, gehackt

1 EL Olivenöl

Saft von 3 Zitronen

1 Bund Petersilie, gehackt

1 Bund Estragon, gehackt

1 Bund Pfefferminz, gehackt

1 Teelöffel Zatar (ein Majoran-Thymian-Gewürz aus dem Orient)

Salz und PfefferEin sauberes Tuch mit Wäscheklammern über einem Topf befestigen. Den Joghurt darin 24 Stunden abtropfen lassen. Alle übrigen Zutaten unter den abgetropften Joghurt mischen.

Das Essen war unglaublich gut. Zatis Soße die beste. Najet begann, Gedichte auf Arabisch aus ihrem Buch „Meerwüste“ vorzutragen: „Ich fliege weit, weit, weit“, fängt eines an und endet so: „Hier beginne ich / mit den Augen eines Adlers / den Flügeln einer Taube / und einer kupfernen Kehle“.

Am nächsten Tag gehe ich auf die Beerdigung von Yasemin, die als Kind nach Deutschland kam, Verkäuferin in einer Bäckerei wurde und später Unternehmerin. Sie brachte die türkische Badekultur nach Berlin und gründete den ersten Hamam. Nach islamischem Ritus wird Yasemins Körper aus dem Sarg gehoben, ins Grab gelegt und von den Trauernden mit Erde bedeckt. 58 Jahre alt wurde sie.

Eine Woche später wird Najet Adouanis Asylantrag abgelehnt.

Die Essecke: Autoren der taz treffen sich auf dieser Seite jeden Monat mit Flüchtlingen, um mit ihnen zu kochen. Außerdem im Wechsel: Jörn Kabisch befragt Praktiker des Kochens, Philipp Maußhardt schreibt über das Essen in großen Runden, und Waltraud Schwab macht aus Müll schöne Dinge