Subtext Unbedingt männlich schrieb im Science-Fiction-Genre eine Frau: Alice B. Sheldon, die als James Tiptree jr. große Erfolge feierte. Ihre Erzählungen erscheinen jetzt neu

Das Wetter hassen, die Aliens lieben

Suggestive Sprache für fremde Lebenswelten: James Tiptree jr./Alice B. Sheldon Foto: Septime Verlag

von Frank Schäfer

Der bekannte Science-Fiction-Schriftsteller Robert Silverberg soll ein Vorwort schreiben zu „Warm Worlds and Otherwise“, der zweiten Erzählungssammlung des geheimnisvollen James Tiptree jr. Obwohl Tiptree zu diesem Zeitpunkt, 1975, bereits mit den beiden prestigeträchtigsten Preisen des Genres, dem Hugo und Nebula Award, gekürt wurde, weiß keiner so recht, wer das ist. Silverberg offenbart neidlose Bewunderung für den narrativen Einfallsreichtum, die Tiefgründigkeit und stilistische Brillanz dieses Autors und hat Spaß am Rätselraten. „Es wurde spekuliert, Tiptree sei eine Frau. Ich finde diese Theorie absurd, denn Tiptrees Schreibstil hat für mich etwas unbedingt Maskulines.“ Sein Urteilsvermögen trügt ihn nicht. Tiptree schreibt in der Regel aus der Perspektive von Männern oder setzt gleich Männer als Erzähler ein, die bei der Beschreibung ihrer Virilität und ihres sexuellen Begehrens denn auch eine gewisse Drastik an den Tag legen.

Aber dieser Ton ist artifiziell. Kurz darauf lüftet Alice B. Sheldon in einem Brief an Silverberg ihr Pseudonym, und der düpierte Vorwortautor muss für die weiteren Auflagen noch einen Appendix anhängen, in dem er erklärt, wie er „zum Narren gehalten“ und „die gesamte Vorstellung davon, was ,männliche' oder ,weibliche‘ Literatur ist, infrage gestellt“ wurde.

Vielleicht war das Sinn der Sache. Vielleicht wollte Sheldon auch einfach nur mit der gleichen Unvoreingenommenheit wie ihre männlichen Kollegen wahrgenommen werden. Sie hatte im Krieg in der U.S. Army gedient, war danach mit ihrem Mann beim Aufbau der CIA beteiligt und klagte später dar­über, sie habe „einmal zu oft die Erfahrung“ gemacht, „irgendeiner verdammten Beschäftigung als erste Frau nachgegangen zu sein“.

Vielleicht verfolgte sie aber auch noch eine diffizilere Strategie – nämlich unter der betont muskulösen Oberfläche die feministischen Botschaften im Subtext weitaus überzeugender in die Öffentlichkeit schmuggeln zu können, weil sie sich so nicht mehr als weibliches Pro-domo-Lamento abtun ließen.

Eine ihrer bekanntesten Geschichten, „Frauen, die man übersieht“, scheint diesen wirkungsästhetischen Schlachtplan zu bestätigen. Sie enthält subkutan eine Art Aufklärungsprogramm, das den männlichen Leser seiner durchsexualisierten Wahrnehmung und nicht zuletzt der eigenen Triebsteuerung überführt. Der joviale Ich-Erzähler Don stürzt an der Küste Yucatáns mit dem Flugzeug ab. Alle überleben glücklich. Neben ihm und dem Piloten sind noch zwei Frauen an Bord, Mutter und Tochter Parsons, die sich in der Notsituation als absolut ebenbürtig, ja mit ihrem ruhigen, klaglosen Pragmatismus nachgerade überlegen erweisen. Das weckt seinen Machtinstinkt. Don versucht die Herrschaftsverhältnisse wieder zurechtzurücken. Und zugleich gewinnen sie für ihn an sexueller Attraktivität. Er will sie in zweifacher Hinsicht erobern. Als er mit der Mutter, Ruth, zum Wasserholen in den Dschungel geht, wird sie mehr und mehr zur männlichen Beute.

Skandalöserweise bleibt er weiterhin unser Komplize, ein guter Kerl, dem man durchaus Erfolg wünscht bei seinem Eroberungsfeldzug. Sein wachsender erotischer Affekt bekommt aber einen entscheidenden Dämpfer bei einem langen Gespräch am Lagerfeuer, in dem sich Ruth als gänzlich desillusionierte Feministin präsentiert. Sie hasst die Männer nicht einmal, denn das „wäre genauso dumm wie – das Wetter zu hassen“, sie ist einfach nur existenziell zermürbt von ihrer Aggressivität und Herrschsucht, die selbst Don, dieser friedfertige Jedermann, kurz vorher einmal mehr unter Beweis gestellt hat. Sie ist so grundsätzlich abgestoßen von ihm und seinesgleichen, dass sie sich lieber in die Hände von Aliens begibt, das ist Sheldons harsche Pointe der Geschichte, um mit ihrer Tochter diesen Planeten zu verlassen. Es kann woanders nur besser werden.

„Liebe ist der Plan“, der zweite Band der „Sämtlichen Erzählungen“, die beim nicht genug zu lobenden Septime Verlag in sorgfältigen Ausgaben erscheinen, versammelt Tiptrees/Sheldons Arbeiten aus den Jahren 1969 bis 1972. Ihre literarisch produktivste und thematisch wie formal vielseitigste Zeit. Nicht zuletzt ihre stilistische Variabilität ist beeindruckend.

In der titelgebenden, zu Recht preisgekrönten Geschichte fühlt sie sich in ein vorrationales, dumpf-instinkthaftes Alien-Rieseninsekt ein, das anfängt, so etwas wie ein Bewusstsein zu entwickeln, und findet eine ganz eigene, suggestive Sprache dafür. Ihre rhetorisch-imaginativen Fähigkeiten, mit denen sie zukünftige, meistens außerirdische Lebenswelten immer wieder lebensprall visualisiert, zeugen von einer beachtlichen literarischen Potenz. Um das zu erkennen, muss man nur mal einen Moment vergessen, dass es sich hier bloß um Genre-Literatur handelt; bei Krimis und Comics geht das inzwischen ja auch. Die Ressentiments von vorgestern gehören endlich vaporisiert von megamäßigen Psi-Strahlen.

James Tiptree jr.: „Liebe ist der Plan“. Aus dem Amerikanischen von Eva Bauche-Eppers, Elvira Bittner u. a. Septime Verlag, Wien, 526 Seiten, 24,90 Euro