Russland: Bedauerlich, aber nicht zu ändern

Vor einem Jahr wurde die Journalistin Anna Politkowskaja in Moskau erschossen. Ehemalige Kollegen befürchten, dass die Hintermänner des Mordes niemals enttarnt werden sollen.

Vor einem Jahr erschossen: Anna Politkowskaja Bild: dpa

Auch Gedenken und Erinnerung unterliegen in Russland wieder staatlicher Kontrolle. Maximal 500 Teilnehmer genehmigten die Moskauer Behörden für die am Sonntag im Zentrum der Hauptstadt geplante Veranstaltung zum Gedenken an Anna Politkowskaja. Die Journalistin der Nowaja Gaseta (NG) war im Oktober letzten Jahres im Eingang ihres Wohnhauses kaltblütig erschossen worden. Durch mutige Recherchen über den Tschetschenienkrieg und die Willkür von Amtsträgern im Kaukasus hatte sie sich viele Feinde gemacht. Sie zählte auch zu den wenigen unerschrockenen Kritikern von Präsident Putin.

Die Wertschätzung, die sie über ihren Tod hinaus im Westen erfährt, wird ihr in Russland nicht zuteil. Im Gegenteil. Gäbe es nicht die oppositionelle Nowaja Gaseta und einige mutige Kollegen, der Fall wäre längst zu den Akten gelegt worden. Denn auch in der gleichgültigen und apathischen Öffentlichkeit überwiegt der Tenor: "Bedauerlich, aber nicht zu ändern. Warum musste sie ihre Nase auch in Dinge stecken, die sie nichts angehen."

Manchmal liegen vor ihrem Haus in der Lesnajastraße ein paar Blumen. Doch das ist eher selten zu beobachten. Nur ihr kleines Arbeitszimmer in der Redaktion ist zu einer Art Wallfahrtsort geworden. Eine rote Rose und ein Foto stehen auf dem Schreibtisch. Sonst ist alles so geblieben wie am letzten Tag. Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner war einer der letzten prominenten Besucher hier, und wollte "unbedingt ihren Stuhl berühren".

Bereits im August meldete die Generalstaatsanwaltschaft Vollzug: Der Mord stehe unmittelbar vor der Aufklärung, nachdem zehn Verdächtige festgenommen worden seien.

Im September erhob ein Gericht gegen einen weiteren mutmaßlichen Täter Anklage wegen Beihilfe zum Mord. Schamil Burajew, der ehemalige Chef des tschetschenischen Regierungsbezirks Atschkoi-Martan, soll die Adresse Politkowskajas bei einem bekannten Geheimdienstmitarbeiter in Erfahrung gebracht und an die Mörder weitergeleitet haben.

Auch die NG, die neben der Staatsanwaltschaft auf eigene Faust ermittelt, ging seit längerem von einer wichtigen Spur nach Atschkoi-Martan aus. Zeitung und Staatsanwaltschaft waren bis dahin unabhängig voneinander zu gleichen Ergebnissen gelangt: Alle Verdächtigen sind als Organisatoren, Helfer oder Täter an dem Verbrechen beteiligt gewesen. Unter ihnen befinden sich auch vier Offiziere des Innenministeriums und des Inlandgeheimdienstes.

Inzwischen befürchten die Zeitungsleute jedoch, dass die Ermittlungen bewusst in die falsche Richtung gelenkt werden. Der Verdacht entstand schon im August, als die Namen der Inhaftierten unerklärlicherweise innerhalb kürzester Zeit an die Öffentlichkeit gelangten. "In den Sicherheitsorganen versucht jemand, die Arbeit zu sabotieren", meint der Reporter Roman Schleinow. Die große Frage sei, wen sie schützen wollen. Wahrscheinlich sollen Mittäter gewarnt werden. Als kurz nach dem Ermittlungserfolg eine Fahndergruppe unter neuer Führung mit den Nachforschungen betraut wurde, erhärtete sich die Vermutung.

Auch der stellvertretende NG-Chefredakteur Sergej Sokolow vermutet hinter den "undichten Stellen" in den Behörden Methode. Durch die Aufdeckung hätten die Auftraggeber und Hintermänner kalte Füße bekommen. "Die Kette zwischen Ausführenden, Organisatoren und Auftraggebern soll mit aller Gewalt zerrissen werden", meint er. Die Festnahme Burajews sei auch nur einem Zufall zu verdanken gewesen. Hochgestellte, sonst eher wortkarge Mitarbeiter des FSB und der Justiz seien auf einmal bereit, der Presse Rede und Antwort zu stehen und sogar Namen zu nennen, sagt Sokolow. Ihnen sollte eigentlich an einer stillen Fortführung der Ermittlungen gelegen sein.

In der Tat passieren im Umfeld der Untersuchungen unerklärliche Dinge. Misstrauen erweckte bereits die Freilassung zweier Verdächtiger im August. Die Staatsanwaltschaft hatte es versäumt, rechtzeitig weiteres Beweismaterial vorzulegen. Der Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes und ein freigelassener Polizist sollen die Journalistin unmittelbar vor dem Mord beschattet haben. Mysteriös sind auch die Vorgänge rund um die Figur des FSB-Oberstleutnants Pawel Rjagusow. Die NG und Rjagusows Vorgesetzter im FSB halten den Oberstleutnant für eine Schlüsselfigur bei der Einfädelung des Mordes. Rjagusow sitzt zurzeit in Untersuchungshaft. Es stellte sich jedoch heraus, dass der Arrest nichts mit den laufenden Ermittlungen zu tun hat. Der Geheimdienstler befindet sich wegen Erpressung und Amtsmissbrauchs in Haft und wird im Fall Politkowskaja nur als Zeuge verhört. Rjagusow war es aber, der Burajew schwer belastete. Der inzwischen in Moskau lebende Tschetschene soll ihn telefonisch nach Politkowskajas neuer Adresse gefragt haben. Kaum hatte Rjagusow vor Gericht ausgesagt, lief die Meldung über die Nachrichtenagenturen. Burajew hätte gewarnt sein müssen, auch wenn es anders kam. Wieder tat sich ein Leck auf.

Auch die entscheidende Frage ist nach wie vor ungeklärt: Wer waren die Auftraggeber? Der Kreml beharrt auf seiner ursprünglichen Auslandsversion. Moskau vermutet den 2000 nach London geflohenen Exoligarchen Boris Beresowski, der bei Präsident Wladimir Putin in Ungnade gefallen war, hinter dem Attentat. Den Nachforschungen der NG hält diese Version jedoch nicht stand. Dort fürchtet man, dass die wahren Hintermänner auch gar nicht ans Licht kommen sollen.

Eins haben die Ermittlungen immerhin erbracht: die beunruhigende Erkenntnis, wie eng Unterwelt und Sicherheitsorgane miteinander verzahnt sind.

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