Kommentar Gaza-Streifen: Ohne die Hamas geht nichts

Die Grenze zum Gaza-Streifen ist wieder zu. Ägypten beugt sich den Realitäten.

Die Grenze ist wieder versiegelt. Und gewonnen haben paradoxerweise nicht diejenigen, die sich weiterhin draußen frei bewegen können, sondern jene, die zurück in den Gazastreifen gesperrt werden. Denn die Grenzschließung ist ein taktischer Sieg für die Hamas. Sie erfolgte nach mehrtägigen Gesprächen zwischen der Regierung in Kairo und einer dort angereisten Delegation der Hamas.

Für die Hamas waren die letzten Wochen ein voller Erfolg. Zunächst gewann sie an Ansehen, denn sie war es, die die israelische Blockade im wörtlichen Sinne auf der ägyptischen Seite gesprengt hat. Als maskierte Kämpfer der Hamas den Grenzzaun, der Gaza von Ägypten trennt, in die Luft gejagt hatten, war ihre Popularität über Nacht gestiegen. Sie hatten der Bevölkerung in Gaza ein lang ersehntes Tor zur Außenwelt geöffnet. Von Hamas-Raketen auf Israel, je nach Sichtweise als Auslöser oder als Rechtfertigung der israelischen Blockade, sprach zu diesem Zeitpunkt in Gaza kaum jemand.

Der große Verlierer ist Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und seine Fatah-Organisation. Abbas hatte gehofft, sozusagen über die Hintertür, für seine Fatah Sicherheitsleute wieder einen Fuß in den Gazastreifen zu bekommen. Doch Hamas konnte sich so stark fühlen, dass sie Abbas Forderung, die Grenze zu Ägypten wieder von Fatah kontrollieren zu lassen und damit den Konflikt zu entschärfen, getrost ignorieren konnte. Die Regierung in Kairo ist wahrlich kein Anhänger der Hamas, die der größten ägyptischen Oppositionsgruppe, den Muslimbrüdern, nahesteht. Aber den neuen Machtverhältnissen in Gaza mussten sich nun auch die ägyptischen Nachbarn beugen. Denn nicht nur für Ägypten lautet das Fazit nahöstlicher Realpolitik: Ohne die Hamas läuft derzeit nichts im Gazastreifen.

Und die israelische Bilanz? Die etwas hilflos wirkende Politik, die Hamas mit einer Blockade des Gazastreifens in die Knie zu zwingen, hat nicht funktioniert. Genauso wenig wie die offizielle amerikanische und europäische Politik, die so tut, als ließe sich der Nahostkonflikt ganz ohne den Faktor Hamas lösen.

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Karim El-Gawhary arbeitet seit fast drei Jahrzehnten als Nahost-Korrespondent der taz mit Sitz in Kairo und bereist von dort regelmäßig die gesamte Arabische Welt. Daneben leitet er seit 2004 das ORF-Fernseh- und Radiostudio in Kairo. 2011 erhielt er den Concordia-Journalistenpreis für seine Berichterstattung über die Revolutionen in Tunesien und Ägypten, 2013 wurde er von den österreichischen Chefredakteuren zum Journalisten des Jahres gewählt. 2018 erhielt er den österreichischen Axel-Corti-Preis für Erwachensenenbildung: Er hat vier Bücher beim Verlag Kremayr&Scheriau veröffentlicht. Alltag auf Arabisch (Wien 2008) Tagebuch der Arabischen Revolution (Wien 2011) Frauenpower auf Arabisch (Wien 2013) Auf der Flucht (Wien 2015)

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