Friedrich-Ebert-Stiftung klärt auf

Ungerechtigkeit im Schulsystem

Die Friedrich-Ebert-Stiftung leistet in einem neuen Band, was die Sozialdemokraten seit Pisa vergessen haben: die Chancenungleichheit im Bildungssystem zu brandmarken.

In den Hauptschulen lernen 58 Prozent der Insassen nur zwei Stunden Naturwissenschaften pro Woche - an Gymnasien sind es 17 Prozent. Bild: dpa

Wer wissen will, wie es um die Gerechtigkeit an Deutschlands Schulen bestellt ist, der sollte zu diesem Band greifen. Am Freitag erscheint bei der Friedrich-Ebert-Stiftung die Aufsatzsammlung "Soziale Herkunft entscheidet über Bildungserfolg". Die AutorInnen räumen mit der Mär auf, die nach Iglu und Pisa 2006 im Dezember die Runde machte: Dass schulmäßig alles wieder im Lot sei und es bei der sozialen Abhängigkeit der Bildungsergebnisse Fortschritte gebe.

Das Gute an dem Papier ist, dass es so schnell, so knapp und so prägnant daherkommt. Die Pisastudien zu lesen ist eine Qual, besonders die Fassungen des deutschen Konsortiums umschreiben die Knackpunkte stets abstrakt. Das ist bei Eberts anders. Auf wenigen Seiten wird das Kaleidoskop abgehandelt.

Am wichtigsten ist wahrscheinlich Heike Solgas Abriss über die institutionellen Ursachen von Bildungsungleichheit. Solgas Text sollte Pflichtlektüre für die Kultusminister werden. Denn sie zeigt an drei Beispielen, was eine gegliederte Schule anrichtet. Erstens entstehen dadurch "differenzielle Lernmilieus". Das heißt, die Haupt- und Sonderschulen haben sich zu sozialen Problemzonen entwickelt, die negativen Einfluss auf Leistung und Motivation der Schüler haben. "Das ist eindeutig ein Beleg dafür, dass unser Bildungssystem soziale Unterschiede verstärkt, statt sie zu verringern."

Das ist ein alter Hut, aber gut, dass die neue Direktorin am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin ihn noch einmal aufsetzt. Zweitens berichtet Solga auch, dass selbst die Lehrpläne bereits eine Benachteiligung enthalten. In den Hauptschulen lernen 58 Prozent der Insassen nur zwei Stunden Naturwissenschaften pro Woche - an Gymnasien sind es 17 Prozent. Drittens ist es der Staat selbst, der die Karrierepfade von Haupt- und Oberschülern auseinandertreibt: aktiv - und durch Unterlassen. In Schweden, England und den Niederlanden besuchen 80 Prozent der Grundschüler eine Schule, in der es Co-Teaching für Leseprobleme gibt. Eine solche zweite Person für Stütz- und Förderunterricht bieten die deutschen Bundesländer nur in 42 Prozent der Primarstufen an.

Der Ebert-Sammelband ist aber nicht nur gut, sondern auch höchst ärgerlich. Ärgerlich, weil man sich fragt: Warum erst jetzt? Warum haben die Sozialdemokraten, die ja selbst auch in der Broschüre vorkommen, so lange und so eisern geschwiegen? Erinnert sei an Doris Ahnen, die jahrelang aus Rücksicht auf ihre Unionskollegen Wortgirlanden kreiert hat. Und die erst in den letzten Monaten ihre Sprache wiedergefunden hat. Vielleicht hätte es gut getan, wenn die Sozis früher den Mund getan hätten, wenn sie die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) nicht hätten allein im Regen stehen lassen. Nur so wäre man früher zu der Erkenntnis gekommen, dass natürlich ein Umbau der Schulen von heute auf morgen nicht zu haben ist, dass man aber, bitteschön, sofort hätte anfangen müssen.

Der Witz ist ja, dass heute Bildungskritik in aller Munde ist. Erst am Wochenende haben die Spitzenverbände der Arbeitgeber und Industrielle mitgeteilt, dass es "skandalös" ist, wenn laut Pisa jeder fünfte Schulabgänger nicht ausbildungsreif sei. Alarmierend sei auch, dass 15 Prozent der Jugendlichen keinen Berufsabschluss hätten und 21 Prozent der Studienanfänger ihr Studium vorzeitig abbrächen. Recht haben sie. Aber wieso eigentlich kann die Wirtschaft im Jahr sieben nach Pisa mit solchen Meldungen Schlagzeilen machen? Weil viele Sozialdemokraten so lange so eisern geschwiegen haben. CHRISTIAN FÜLLER

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