Vom Hildesheimer Prosanova-Festival: Der neue alte Wille zur Literatur

Lieber zuhören statt Thesen dreschen: Auf den Leseinseln unter blauem Himmel flossen die Worte auf dem Prosanova-Festival.

Prosanova-Werkstatt: So lässt es sich gut über Literatur sprechen. Bild: prosanova

Zehn Schriftsteller und drei Moderatoren sitzen wie zum letzten Abendmahl nebeneinander an einem langen Podium aufgereiht. Im Februar hatten sich die Schriftsteller - eine Mischung aus bereits bekannteren Namen und Insidertipps - in einer Hildesheimer Villa getroffen, um über Grundlagen und Rahmenbedingungen ihres Schreibens zu diskutieren. Nun sollen sie auf der zentralen Veranstaltung des Prosanova-Festivals für junge Literatur, das am vergangenen Wochenende in Hildesheim stattfand, Auskunft darüber geben.

Das klappte dann aber nicht recht. Die Moderatoren sind zwar wohlwollend, locken, legen Fährten aus, bringen in der Villa debattierte Begriffe wie Generation, Markt, Relevanz oder Narration ins Spiel (ein gerade erschienener Sonderband der Literaturzeitschrift Bella Triste dokumentiert die Villa-Debatten). Doch die Autoren fremdeln erkennbar mit ihrer Rolle, hier nun diskutieren zu sollen, womöglich gar kontrovers. Der deutsche Literaturbetrieb, so sagt es einer von ihnen, ist doch groß genug, um alle Ansätze zu beherbergen. Die Autorin Jagoda Marinic sieht sich sogar dazu veranlasst, ein Recht auf schriftstellerische Naivität einzufordern.

Das war das eine schlagende Bild, das das vom Hildesheimer Studiengang für Kreatives Schreiben getragene Festival zum Stand der jungen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur produzierte. Die Veranstaltungen hakten, sobald versucht wurde, nicht nur neue Literatur vorzustellen, sondern über neue Literatur zu sprechen. Alles blieb bei einem unverbundenen Nebeneinander der Schreibansätze stehen.

Es gibt aber noch ein zweites, für dieses Festival charakteristisches Bild, und das fällt geradezu idyllisch aus. Auf diesem Bild sieht man Gruppen junger Menschen wie zu einem Picknick im Gras sitzen, einer von ihnen liest einen Text vor, die anderen hören interessiert zu. Eine Reihe von Leseinseln war am Samstagnachmittag auf einem lauschigen Hügel unweit des eigentlichen Festivalgeländes - einer leer stehenden Industrieanlage der ehemaligen Phoenix-Werke, die bald abgerissen wird - eingerichtet worden. Hinweisschilder mit Pusteblumenmotiven führten zu ihnen hin. Sogar das Wetter fügte sich dieser federleichten Inszenierung und sandte einen blauen Himmel.

Auch wenn diese sommerlichen Lesungen in freier Natur etwas unweigerlich Nettes hatten: Es wurde einem um die Zukunft der Literatur nicht bang. Denn die Ernsthaftigkeit, mit der die vorgetragenen Texte gearbeitet waren und die Zuhörer ihnen folgten, war enorm. Als Beobachter dieser Szenerie bekam man einen beruhigenden Eindruck davon, von welch breiter Szene der Wille zur Literatur gegenwärtig getragen wird; der Nachwuchs wird ihr sicherlich nicht ausgehen.

Man muss wohl diese beiden Bilder zusammennehmen. Sobald Texte gelesen wurden, war alles gut; aber alle Versuche, über diese Texte dann zu reden, hatten etwas Defizitäres - dieser Gegensatz lässt sich an beinahe allen Veranstaltungen ausbuchstabieren. Bei der gemeinsamen Lyriklesung von Ulrike Almut Sandig, Christian Schloyer und Ron Winkler flogen nur so die Metaphern, dass es eine Lust war; aber in den Gesprächspassagen der Veranstaltung kam man über Plattitüden rund um Tiermotive und die Farbe Blau in den Gedichten nicht hinaus.

Das war symptomatisch. Dankbar konnte man zwar registrieren, dass keiner der Teilnehmer zum großen Thesendreschen neigte. Aber sie konnten sich auch nicht darauf einigen, wie man nun stattdessen über Lyrik reden könne. Offenbar gingen die Autoren davon aus, dass auch so schwierige Gebilde wie Gedichte für sich selbst sprechen. Und beim Prosagespräch war das Podium mit Uwe Tellkamp, Anna Weber und Jo Lendle von vornherein so disparat besetzt, dass ein gemeinsames Gespräch eh aussichtslos war.

Dafür liefen alle Veranstaltungen gut, die den Text in eine Performance einbanden, das Live-Hörspiel etwa. Und dass die gegenwärtige Studentengeneration wenig Abgrenzungsprobleme zu Pop und neuen Medientechnologien hat, konnte man beim Rahmenprogramm mit Poetry Slam, DJs und Bands gut sehen.

Viele gute präsentierte Autoren und Texte ergaben ein bunte Pluralität und keine kongruenten Debatten - und doch hat man wenig Lust, sich mal wieder zu überlegen, ob das Glas nun halb voll oder halb leer war. Interessanter ist die Möglichkeit, dass beide Bilder eventuell ja verschiedene Seiten derselben Medaille darstellen: Vielleicht ist die Praxis des Schreibens in der jungen Literatur der über lange Zeit eingeübten Art und Weise, wie über Texte zu sprechen ist, ja doch wenigstens an manchen Punkten voraus. Die Texte, die man in Hildesheim kennenlernen konnte, waren jedenfalls in sich viel reflektierter als das Auftreten auf den Podien.

Das kann man auch positiv wenden. Von der Textweihe, wie sie in manchem Literaturhaus gepflegt wird, war das Festival ebenso weit entfernt wie von der hierarchieseligen Literaturbetriebswelt, die immer noch der Fiktion nachläuft, den einen Roman der Saison krönen zu können. Das Fremdeln der Autoren beim Podium lässt sich dann womöglich auch dahingehend begreifen, dass man in solche eingeschliffenen Mechanismen keineswegs einfluchten möchte. Aber selbst dann bleibt die Aufgabe, mit Möglichkeiten zu experimentieren, über die eigenen Ansätze auch zu sprechen.

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