Kommentar UN-Kosovo-Mission

Europa versagt

Der Rückzugs-Plan der UN aus dem Kosovo ist an Russland gescheitert - und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sitzt mit seinem Kompromiss zwischen allen Stühlen.

Eigentlich wollte niemand mehr die UN-Mission im Kosovo verlängern. Denn viele Staaten der Welt haben die Nase voll von dem Konflikt. Die UN verschleudere nur Geld und gute Leute in einer Region, die doch eigentlich von den Europäern selbst betreut werden könnte, meinen viele in New York, dem Sitz der UNO. Dann könnte diese sich wieder stärker anderen Regionen der Welt zuwenden.

Doch die UN kann sich nicht einfach so aus dem Lande stehlen. Der ursprüngliche Plan, sich am 15. Juni aus dem Kosovo zurückzuziehen und die Verantwortung den Europäern zu übergeben, ist an Russland gescheitert. Der neue Kompromiss, den Generalsekretär Ban Ki Moon jetzt anbot, sieht eine abgespeckte UN-Mission vor, unter deren Schirm die EU wirken könnte. Doch auch dieser Kompromiss stößt, wie schon der Ahtisaari-Plan der EU, in Moskau auf Ablehnung. Die jetzige serbische Regierung hat ohnehin schon abgewinkt, und das, obwohl der Generalsekretär ihre Bedingung erfüllte, neue Gespräche über die künftigen Aktivitäten der Europäer im Kosovo zu führen.

Klar ist, dass alle Konzessionen an Serbien und Russland nichts nützen werden. Doch diese Warnung verhallte in Brüssel und den Hauptstädten ungehört. Will man trotz einer bisher sehr gehorsamen Regierung in Prishtina nicht die Albaner zu einer Reaktion provozieren, muss am europäischen Aufbau des Kosovo festgehalten werden. Bleibt zu hoffen, dass eine neue Regierung in Serbien pragmatischer an die Dinge herangeht. Und dass Russland bis nächste Woche doch einlenkt.

Wenn nicht, müsste das in der Kosovo-Frage zerstrittene Europa endlich Flagge zeigen. Dass es dazu überhaupt noch in der Lage ist, muss nicht nur angesichts der Abstimmung in Irland bezweifelt werden. Dieser Zweifel bestimmt auch das Kalkül der handelnden Politiker in Moskau und Belgrad. Von Europa ist eine geschlossene, harte Haltung nicht zu erwarten, von den USA im Vorwahlkampf und mit einem Präsidenten auf Abruf auch nicht. Doch unter der Unsicherheit über ihre Zukunft müssen ja nur jene leiden, die selbst im Kosovo leben.

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Geboren 1947 in Bad Berneck im Fichtelgebirge, ist taz-Korrespondent in Südosteuropa, wohnt in Sarajevo und in Split. Nach dem durch politische Aktivitäten in der Spontiszene garnierten Studium der Geschichte und Politik in München und Berlin, nach Absolvierung des I. und II. Staatsexamens und Forschungaufenthalten in Lateinamerika kam er 1983 als West- und Osteuroparedakteur zur taz. Ab 1991 als Kriegsreporter im ehemaligen Jugoslawien tätig, versucht er heute als Korrespondent, Publizist und Filmemacher zur Verständigung der Menschen in diesem Raum beizutragen. Letzte Bücher: Kosovo- die Geschichte eines Konflikts, Berlin 2010, Bosnien im Fokus, Berlin 2010, Schnittpunkt Sarajevo, Berlin 2006.

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