China-kritische Bloggerin aus Tibet: Minderheit im eigenen Land

Die Staatssicherheit steht immer vor der Tür, ihr Blog wurde bereits mehrfach gesperrt: Ein Besuch in Peking bei der tibetischen Schriftstellerin Tsering Woeser.

Tsering Woesers Blog. Bild: screenshot woeser.middle-way.net

PEKING taz Seit 2003 lebt die tibetische Schriftstellerin und Bloggerin Tsering Woeser in Peking. Das Treffen mit der Tibeterin und ihrem chinesischen Mann Wang Lixiong, einem prominenten Dissidenten, findet unter konspirativen Umständen in einem Hotelzimmer statt. Vor dem Gebäude stehen sonnenbebrillte Männer - die Agenten der chinesischen Staatssicherheit geben sich nicht einmal Mühe, sich verborgen zu halten. Nach dem Gespräch folgen sie Woeser und Wang in die Tiefgarage zum Auto. "Ich werde ständig kontrolliert," sagt sie. Telefon und Post würden überwacht, der Reisepass sei einbehalten.

Bis zu den Unruhen im März galt Tibet vielen Chinesen als exotisch, als chic. Sie reisten gern auf das "Dach der Welt", waren von der dortigen Spiritualität fasziniert und schmückten sich mit Kleidung und Accessoires aus Tibet. Zum gegenseitigen Verständnis zwischen Tibetern und Chinesen hat all das allerdings nach Meinung Woesers nicht beigetragen. "Diese chinesische Mode ist oberflächlich und ahmt den Westen nach", sagt sie. Für den sei Tibet schon länger ein interessanter und geheimnisvoller Ort gewesen. Das Verhältnis zwischen Tibetern und Chinesen ist auch kurz vor den Olympischen Spielen nachhaltig gestört. "Unter den 56 so genannten Minderheiten in China gilt die tibetische Kultur heute als besonders geheimnisvoll, früher wurde sie offen als rückständig dämonisiert."

Woesers tibetischer Vater diente in der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Die 42-jährige Frau gilt heute innerhalb Chinas als die regierungskritischste tibetische Stimme unter denen, die sich überhaupt öffentlich äußern. Die meisten ihrer zehn Bücher, darunter Gedichtsammlungen und Prosa, sind in der Volksrepublik verboten. Zwei Bücher hat sie über die negativen Auswirkungen der Kulturrevolution auf Tibet geschrieben. Damals wurden fast alle buddhistischen Klöster und Tempel zerstört. Woeser recherchierte das Schicksal von Personen, die auf alten Fotos ihres Vaters zu sehen waren. Über die Kulturrevolution (1966-1976) kann bis heute in China nicht frei berichtet werden. Nachdem sie diese Bücher in Taiwan veröffentlicht hat, galt sie in China als verfemt.

Woeser verlor ihre Stelle bei der staatlichen tibetischen Kulturvereinigung in Lhasa. Die KP-Einheitsfrontabteilung und das Kontrollamt für Verlagswesen entschieden, dass ihre Schriften "politische Irrtümer" enthielten. So hatte sie sich auch positiv über den Dalai Lama geäußert.

Seitdem lebt sie in einer Art innerchinesischem Exil in Peking. Mehrfach wurde ihr regierungskritischer Blog gesperrt oder von Hackern angegriffen. Inzwischen publiziert sie über einen Server in den USA. Aber auch das schützt nicht vor Hackerangriffen. Ende Mai hatte sie selbst keinen Zugang zu ihrer eigenen Webseite.

Auch im taz-Gespräch, einem ihrer ganz wenigen Interviews seit den Unruhen im März, nimmt sie den Dalai Lama in Schutz, äußert sich aber ansonsten vorsichtig. Chinas Regierung denke überhaupt nicht nach, warum dieses Jahr in Tibet antichinesische Krawalle ausgebrochen sind, sagt sie. Die Olympischen Spiele seien eine Gelegenheit, den Tibetern eine Stimme zu geben. "Der Lebensstandard in Tibet hat sich zwar erhöht", räumt sie ein. Aber hauptsächlich profitierten davon die zugezogenen Han-Chinesen, sagt sie. Die Tibeter würden in Lhasa zur Minderheit im eigenen Land. Zwar gebe es inzwischen Schulen, die auf Tibetisch unterrichten. Aber der Unterricht dort sei so schlecht, dass viele Tibeter ihre Kinder auf chinesischsprachige Schulen schicken, weil diese sonst keine Berufschancen hätten.

Ihr Mann Wang, der ebenfalls Schriftsteller ist, gilt als einer der wenigen unabhängigen Tibet-Experten Chinas. Ende März lancierte der 55-Jährige einen offenen Brief an die Regierung. 200 chinesische Intellektuelle unterschrieben. Sie forderten die Regierung in Peking auf, eine unabhängige Untersuchung der Unruhen zuzulassen und die verbalen Attacken auf den Dalai Lama einzustellen. Wang sagt, er könne sich auch kritischer äußern als seine tibetische Frau: "Als Han-Chinese wird mir von den Behörden unterstellt, dass ich nicht für die Unabhängigkeit Tibets bin."

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