Erfolgreiche deutsche FechterInnen: Goldiges Gefuchtel

Britta Heidemann und Benjamin Kleibrink haben alle Gegner ausgestochen und gewinnen Goldmedaillen im Fechten. Imke Duplitzer hingegen schied im Viertelfinale aus.

Die Freude für die Ungarin ldiko Mincza-Nebald währte nur kurz. Gold holte Britta Heidemann. Bild: dpa

Benjamin Kleibrink wäre um ein Haar nicht im Medaillenspiegel der Sommerspiele 2008 in Peking aufgetaucht. Dann hätte er am Mittwoch keine Goldmedaille im Florettfechten gewonnen. Es hätte keine Siegerehrung für ihn gegeben, keine Blumen, keinen Ruhm. Der nur 1,73 Meter große Kleibrink galt einst als großes Talent im Rollhockey, einer nichtolympischen Sportart. Es zog ihn aber auf die Planche, "einfach so", wie Kleibrink sagt.

Vieles in der Sportkarriere des Benjamin Kleibrink scheint einfach so gegangen zu sein. Erst focht er für den FC Moers, wechselte später zum OFC Bonn. Dort wurde nicht nur sein Umgang mit dem Florett geschult sowie die Attacken auf den Oberkörper des Gegners, sondern auch seine Psyche. Heute gehört Kleibrink zu den mental stärksten Fechtern der Welt. Er ist dermaßen abgebrüht mit seinen 22 Jahren, dass er seinen Halbfinalgegner, den Chinesen Zhu, regelrecht von der Bahn fegte. Die chinesischen Fans hatten sich schon bereit gemacht für ein ohrenbetäubendes Crescendo, aber Kleibrinks Trefferfolge ließ das chinesische Publikum schnell verstummen. "Es lief einfach", sagte Kleibrink lapidar. Auch im Finale, das er locker und leicht gegen den Japaner Ota gewann, lief es.

Ähnlich gut lief es für Degenfechterin Britta Heidemann, 25: Im Finale besiegte die Leverkusenerin die Rumänin Ana Maria Branza mit 15:11. Mit dem Degen darf der ganze Körper des Gegenübers angegriffen werden, was Heidemann in Perfektion tat. "Ich habe versucht, heute nicht zu überdrehen, nicht zu hektisch zu fechten", sagte sie vor dem Finale. Das war gleich im Auftaktgefecht zu sehen, als die Kölnerin abwartend gegen die Koreanerin Jung kämpfte. Als sie den ersten Treffer gesetzt hatte, stieß sie freilich einen Freudenschrei aus, der die Fundamente der Fechthalle erzittern ließ. So schaffte sie es in den Endkampf, so gewann sie die Goldmedaille.

Auch sie wäre dem Fechtsport fast verloren gegangen. Sie erprobte sich als Leichtathletin, machte Modernen Fünfkampf. Erst 1997 entschied sie sich endgültig für die Fuchtelei mit dem Degen. "Mich fasziniert, dass es ein sehr mentaler Sport ist. Mir gefällt die Kombination aus Konzentration, Technik und Schnelligkeit", begründete sie ihre Entscheidung. Sie erzählte das auch auf Chinesisch im Interview mit dem Staatssender CCTV. Heidemann hat mehrere Monate in Peking verbracht und die Sprache gelernt.

Der Tag von Imke Duplitzer war es hingegen nicht. Wortlos und gesenkten Hauptes schritt sie nach ihrer Niederlage vorbei an Kameraleuten und Journalisten, hinein in die Umkleide. Nur nach ihrem ersten Gefecht, das sie gegen Luna Jimenez (Panama) im Achtelfinale gewonnen hatte, sagt sie knapp: "Jetzt bin ich warm." Im Viertelfinale traf die Bonnerin auf Ildiko Mincza-Nebald. Duplitzer hatte keine Chance. Die Ungarin gewann 15:10. Duplitzer sei ein Opfer des cleveren Fechtstils der Magyarin geworden, sagte Bundestrainer Manfred Kaspar: Dann wurde es kompliziert. "Beide provozieren die Quart", also eine Parade, die die innere Körperseite abdeckt, "und wer die andere in den falschen Reflex lockt, der ist vorn dran." Es gehe um Sekundenbruchteile, erklärte der Bundestrainer. "Imke wurde in ihren Instinkt hineingelockt."

Was der Bundestrainer im Fechtjargon formulierte, das bedeutete: Duplitzer, 33, war ihrer Konkurrentin auf den Leim gegangen. Es dauerte es nicht lang, bis Kaspar die Frage der Fragen beantworten musste: Ob Duplitzers pointierte Aussagen zum Tibet-Konflikt und ihre Funktionärsschelte sie nicht Kraft und Konzentration gekostet hätten. "Ach, das schon wieder", stöhnte Kaspar. Am liebsten hätte er die Frage mit einer Stichwaffe aufgepikst und erledigt, aber es wurde eine Reposte von ihm erwartet. "Auf der Planche denkt doch niemand an die politische Situation in China", sagte er fast schon entrüstet. "Jeder Athlet darf sich doch neben dem Sport mit etwas anderem beschäftigen, das trifft gerade auf Fechter zu."

Der Wettkampf der Degenfechterinnen wurde mit einiger Spannung erwartet. Viele Geschichten waren im Vorfeld geschrieben worden über Duplitzer und Heidemann. Die Fechterinnen, die privat gut miteinander auskommen, schienen sich einen kleinen Wettkampf zu liefern, wessen Name öfter in der Zeitung auftaucht. Duplitzer profilierte sich als heller Kopf, der auch auf politisch brisante Fragen zu antworten weiß, Heidemann punktete als China-Expertin. Manche Medien versuchten, die angeblich so grundverschiedenen Athletinnen in scharfen Kontrasten zu zeichnen. Am Ende war es schlicht und einfach so, dass die eine Fechterin eine Medaille gewonnen hatte und die andere nicht, dass die eine wahnsinnig glücklich und die andere todtraurig war. Oder wie Imke Duplitzer zu späterer Stunde noch sagte: "Manchmal ist man wie vernagelt. Manchmal bricht eine Welt zusammen."

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