Frankreichs Arbeiter wehren sich: Eingesperrte "Diktatoren"

In Grenoble wehren sich Arbeiter des Baumaschinenherstellers Caterpillar gegen geplante Entlassungen - und nehmen die Spitzenmanager in Arrest.

Pierre Piccarreta, der Vertrauensmann der Gewerkschaft CGT schlichtet bei Arbeitern und Managern. Bild: dpa

GRENOBLE taz "Ganoven!", hallt es über den Parkplatz. "Gauner!", "Diebe!", "Verschwindet!" Hunderte Männer stehen dicht gedrängt beieinander. Brüllen. Und pfeifen. Durch ihre Mitte bewegen sich langsam vier Männer in zerknitterten Hemden. Während die Menge tobt, blicken die vier starr ins Leere. Vertrauensleute, die den Namen von Gewerkschaften am Revers tragen, und Polizisten in Zivil bahnen ihnen den Weg zu einer wartenden Limousine.

Mit "la crise" begründen immer mehr profitable Unternehmen radikale Stellenstreichungen.

Einer der jüngsten Kürzungsspläne stammt von dem deutschen Reifenfabrikanten Continental. Nachdem sich dessen Beschäftigte vor zwei Jahren bereit erklärt haben, ohne Lohnerhöhung länger zu arbeiten, soll ihre Fabrik in Clairvaux (1.120 Arbeitsplätze) jetzt komplett geschlossen werden.

Massiven Stellenabbau betreiben auch die französischen Autohersteller Renault (4.900 Jobs in diesem Jahr) und PSA Peugeot Citroën (3.550 Arbeitsplätze in diesem Jahr), obwohl beide mit zinsgünstigen Milliardenkrediten vom Staat unterstützt werden. Deshalb gibt es Proteste wie Freiheitsberaubungen von Spitzenmanagern, wie zuletzt bei Sony, bei 3M und bei Caterpillar. DORA

Die vier sind Spitzenmanager auf dem Rückweg in die Freiheit. Der Generaldirektor, der Personalchef, der Qualitätschef und der Europachef waren 25 Stunden eingesperrt. Die Männer in der Menge sind Arbeiter. Sie haben die Manager festgehalten und bewacht. Von Dienstagmorgen bis Mittwochmittag. Erst als die vier Manager vor einem eigens hinzugerufenen Gerichtsvollzieher erklären, dass sie die abgebrochenen Verhandlungen wiederaufnehmen und den Lohn für die Streiktage zahlen, dürfen sie ihr Büro verlassen. Sie haben Zeit für eine Dusche. Eineinhalb Stunden später müssen sie sich zu einer Verhandlungsrunde mit den Gewerkschaften einfinden. Sie findet in einem anderen Büro statt. Mehrere hundert Meter Sicherheitsabstand von den Arbeitern entfernt.

"Geiselnahme bei Caterpillar", titeln die Medien, als die Nachricht aus Grenoble kommt. In Frankreich ist es die dritte Aktion dieser Art binnen weniger Tage. Auch bei Sony und bei 3M haben Beschäftigte ihre Manager über Nacht fest gehalten. Es sind Rückzugsgefechte. Überall drohen Massenentlassungen. Dieses Mal will der US-amerikanische Konzern Caterpillar 733 Stellen in seinen beiden Fabriken in Grenoble streichen. Jeder vierte Arbeiter ist betroffen.

"Wir sollen brave Jungs sein. Sollen den Kopf senken. Und sollen mit uns machen lassen, was sie wollen", sagt Pierre Piccarreta, als die vier Manager den Parkplatz verlassen haben, "aber so geht das nicht. Nicht mit uns." Der Vertrauensmann von der Gewerkschaft CGT hat fast keine Stimme mehr. In den vorangegangenen 25 Stunden war er nur vier Stunden zu Hause. Die übrige Zeit hat er im Betrieb verbracht. Hat abwechselnd bei Arbeitern und Managern geschlichtet. Hat den Arzt geholt, als sich ein ursprünglich ebenfalls festgesetzter fünfter Manager unwohl fühlte. Vor der Belegschaft begründet er anschließend, weshalb Manager Nummer fünf vorzeitig freigelassen werden soll: "Er ist ein Mensch. Er hat ein Herz." Als eine Pariser Zeitung behauptet, das Chefbüro sei verwüstet worden, springt Pierre Piccarreta wieder ein und führt Journalisten durch das Gebäude, damit sie sehen, dass nichts zu Bruch gegangen ist.

Die Herstellung der Traktoren und Bulldozer in Grenoble ist fast ausschließlich Männersache. Manche arbeiten bereits in der zweiten Generation an den Werkbänken. Ihre Welt gerät im Oktober in Unruhe, als Caterpillar mit Hinweis auf Auftragsrückgänge Kurzarbeit einführt. Der Durchschnitt der Löhne schrumpft durch die Kurzarbeit auf knapp über 1.000 Euro. Im Februar folgt die nächste Hiobsbotschaft. Die Zentrale in den USA will weltweit 20.000 bis 24.000 Stellen streichen. Der Konzern Caterpillar, dessen Maschinen auf fast keiner Großbaustelle und in fast keinem Bergwerk fehlen, hat im vergangenen Jahr 51 Milliarden Dollar Umsatz gemacht und einen Nettogewinn von sogar 3,56 Milliarden Dollar verzeichnet. Das ist genauso viel wie im Jahr zuvor, trotz Auftragsrückgang. Jetzt leitet Caterpillar einen der radikalsten Entlassungspläne der Industrie ein.

Während sich in Aurora, Decatur und East Peoria in den USA Zigtausende anschicken, Mitte dieses Monats ihre Werkbänke zu räumen, wehren sich in Grenoble die Beschäftigten. Philippe di Bartolomeo von der Gewerkschaft CFTC versammelt täglich eine Gruppe von Beschäftigten auf dem Parkplatz zwischen der Gendarmeriekaserne und dem Verwaltungsgebäude der Fabrik. Direkt unterhalb des Eckbüros im ersten Stock, in dem der Generaldirektor arbeitet. An den beiden nationalen Streiktagen im Januar und im März führen "Cater" die Demonstrationen in Grenoble an. Sie skandieren: "Keine Entlassungen in Unternehmen, die Gewinn machen!" Und tragen ein Transparent, das sowohl an das Unternehmen als auch an die nationale Politik appelliert: "Rettet den Standort Grenoble!" Die Beschäftigten fürchten, dass nach der großen Entlassungswelle Caterpillar France ganz schließen könnte. Einerseits, weil der Konzern dieselben Traktoren auch in Lateinamerika produziert. Und andererseits, weil nach den Massenentlassungen irgendwann die "kritische Grenze" für eine rentable Produktion unterschritten sein könnte.

Beschäftigte auf dem Parkplatz verbrennen Reifen, weil die Direktion von "Caterpillar France" keine Zugeständnisse bei den Verhandlungen macht. Schwarze Rauchsäulen verdecken den Blick auf das hinter der Fabrik gelegene Bergmassiv des Vercors, wo der letzte Schnee des Winters schmilzt. Sie blockieren auch den Zugverkehr auf dem Bahnhof von Grenoble. Mitte März besetzen sie zum ersten Mal das Verwaltungsgebäude. Damals flohen die Manager überstürzt aus ihren Büros. Der Europadirektor verlor einen Schuh, seither nennen die Arbeiter ihn "Aschenputtel". Das ist eine Erweiterung der Liste der Kosenamen für die Männer in der Chefetage. Sonst heißen sie "Diktatoren". Manchmal auch "Hitler".

Die Beziehungen zwischen oben und unten haben sich bei Caterpillar in den letzten zehn Jahren verschlechtert. Yvon Rinaldi, seit fünf Jahren Rentner, zuvor Vertrauensmann für die Gewerkschaft CFDT, schwärmt von einer vergangenen Idylle. Seit Beginn des Konflikts kommt der Rentner wieder auf den Parkplatz, um seine Kollegen aufzumuntern. Er erinnert sich an die Zeit, als Arbeiter innerhalb der Fabrik aufstiegen, um Vorarbeiter zu werden - und als ein Generaldirektor die Hindernisse zwischen Arbeitern und Führungskräften abschaffen wollte. Heute sucht Caterpillar seine Vorarbeiter außerhalb der Region und trennt Freunde an der Werksbank. "Damit keine Stimmung aufkommt", sagt Rinaldi. Selbst das innerbetriebliche Verbesserungswesen ist anonymisiert worden: Statt mit seinem Vorgesetzten zu sprechen, muss ein Arbeiter, der einen Vorschlag hat, jetzt ein Formular in einen Briefkasten legen.

Den Rest an schlechter Stimmung schafft der "Sozialplan". Nie zuvor hat es bei Caterpillar France so niedrige Abfindungsprämien, nie zuvor so wenig Verhandlungsbereitschaft gegeben. Selbst in den Jahren 1982 und 1990, als Caterpillar France rote Zahlen schrieb, bot der Konzern drei Monatslöhne pro Jahr Betriebszugehörigkeit als Abfindung an. Jetzt will er seine Beschäftigten mit 0,6 Monatslöhnen pro Jahr Betriebszugehörigkeit abfertigen. "Das ist keine Prämie, sondern eine Aufforderung zur Revolte", sagt ein hagerer Mann, der mit verschränkten Armen auf dem Parkplatz steht. "In einer Zeit, wo es jeden Monat 90.000 neue Arbeitslose in Frankreich gibt, wissen wir, dass wir keine neue Arbeit finden", erklärt Gewerkschafter Pierre Piccarretta, "wir können uns nicht mit Brosamen abspeisen lassen." Ein junger Arbeiter mit arbeitsloser Frau und zwei kleinen Kindern listet seine ausstehenden Rechnungen auf. "Noch ist genügend Geld zum Essen da", sagt er, "aber lange reicht es nicht mehr."

Am Montag treten die Arbeiter von Caterpillar France in den Streik. Er ist nicht angekündigt. Aber 95 Prozent der Belegschaft beteiligen sich daran. Am Nachmittag boykottiert der Generaldirektor mit Hinweis auf den Streik eine Verhandlungsrunde. Am Morgen drauf, um zehn Uhr, schnappt in der Chefetage die Falle für die Manager zu. Dutzende von Arbeitern hindern sie daran, ihre Büros zu verlassen. Aus den USA beklagt Caterpillar-Vizepräsident Chris Schena "die Aktion einer kleinen Minderheit". Aber bei den 2.800 Arbeitern in Grenoble kritisiert niemand die Aktion. Bloß das Wort "Geiselnahme" gefällt den Beschäftigten nicht. Sie sagen lieber "Arrest".

Manche Beschäftigte wären gerne weitergegangen. "Wir hätten sie länger behalten sollen", murrt ein Mann auf dem Parkplatz, nachdem die Mehrheit seiner Kollegen am Mittwochvormittag für die Freilassung der vier Manager gestimmt hat: "Sie waren unser einziges Druckmittel." Er ist erst wenige Jahre im Betrieb. Wie andere junge und unverheiratete Männer befürchtet er, dass er zu den Ersten gehören wird, die entlassen werden. "Wir mussten sie gehen lassen", hält ein hagerer älterer Kollege dagegen: "Nachdem sie Zugeständnisse gemacht hatten, blieb uns keine Wahl. Sonst hätte heute Abend die Polizei eingegriffen." Statt der Polizei greift am Mittwochvormittag Staatspräsident Nicolas Sarkozy ein. Nachdem er zuvor die Lage bei Caterpillar ignoriert hat, verspricht er wenige Stunden nach Beginn des "Arrests" der Spitzenmanager im Radiosender Europa 1: "Ich werde den Standort retten."

In Grenoble wollen die Beschäftigten das große Echo auf ihre Aktion als Erfolg verstehen. Und als Mahnung an andere Spitzenmanager. "Wenn einer Angst haben muss, dann solche wie die", sagt ein Mann auf dem Parkplatz und deutet mit einer Kinnbewegung auf die Direktionsbüros im ersten Stock.

Persönlich treibt viele "Cater" eine andere Sorge um. Daniel Defooz, der seit fast vier Jahrzehnten in der Fabrik arbeitet und auch seinen ältesten Sohn hereingeholt hat, denkt oft daran. Nicht nur wenn er die Fernsehberichte über Obdachlose sieht. Neulich sagte er es seiner Familie: "Nichts schützt uns davor, dass wir eines Tages die Mülltonnen durchwühlen müssen."

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