Kommentar Iran: Die Revolution frisst ihre Enkel

Die Nachgeborenen laufen der iranischen Revolution in Scharen davon. Die Reaktionen der angeschlagenen Machthaber lassen Schlimmstes für Verschwundete und Verhaftete befürchten.

In diesen Tagen füllen sich im Iran die Gefängnisse. In den Kellern des Innenministeriums oder im Evin-Gefängnis werden die zu Tausenden Verhafteten gefoltert. Dort wurden schon zu Zeiten des Schahs die Menschen zu Tode gequält. Nur in viel geringerer Zahl als nach 1979 unter der islamistischen Diktatur.

Die Medien des Regimes sprechen nun von 645 Verhafteten. Man weiß, was das zu bedeuten hat. In den Achtzigerjahren wurden zehntausende Oppositionelle im Iran ermordet. Als Vorwand dienten zumeist nationalistische Verschwörungstheorien, die die Islamische Republik nach 1979 zusammenhielten. Deren Strahlkraft ist heute erloschen - Bush ist weg, Saddam ist weg, die Wirtschaft liegt danieder -, der Bruderkampf ist von daher schon seit längerem eröffnet. Mussawi, Chatami und die iranischen Massen fühlen sich weniger von Israel und Barack Obama bedroht oder hintergangen als von den eigenen religiös-politischen Machthabern.

Teheran gleicht in diesen Tagen einer belagerten Stadt. Die vom Land und aus den Vorstädten zusammengekarrten Basidschi, die paramilitärischen Garden, rekrutieren sich in der Masse aus einfachen, jungen Männern. Diesen steht symbolisch unübersehbar eine Vielzahl junger, städtischer Frauen gegenüber. Sie sind das sichtbarste Zeichen der Zeitenwende im Iran. Auch wenn die Islamisten sie noch einmal von der Straßen prügeln, ihre Zeit wird kommen. Der Revolution laufen die Nachgeborenen in Scharen davon.

Die panische Willkür und terroristische Grausamkeit, mit der die angeschlagenen Machthaber jetzt reagieren, lassen auf Schlimmstes für die jetzt Verschwundenen und Verhafteten schließen. Vor Mord und Folter sind auch Prominente nicht gefeit. Die vorübergehende Verhaftung der Tochter von Haschemi Rafsandschani war eine deutliche Warnung. An die Moral von Leuten wie Ahmadinedschad oder Ali Chamenei zu appellieren, ist da wenig vielversprechend. Sie sind es gewohnt, sich gewaltsam durchzusetzen. Es ist in ihren Augen ohnehin das Blut Minderwertiger, Ungläubiger, das fließt. Sie denken feudalistisch und stehen nun mit dem Rücken zur Wand.

Wer soll dieses Regime stoppen? Wie werden die anderen Geistlichen und die hinter Mussawi stehenden oppositionellen Machteliten nun reagieren? Werden sie sich mit der Bewegung und den Opfern weiterhin solidarisieren? Oder fürchten sie doch nichts mehr als den Weg aus der Islamischen Republik und die Transformation zu rechtsstaatlichen Verhältnissen?

Noch haben die Kräfte um Chamenei die organisierten und bewaffneten Repressionskräfte hinter sich. Und sie setzen rücksichtslos auf Terror, um die Opposition abzuwehren. Im In- und Ausland soll man gerade so viel davon erfahren, dass man weiß, dass blutige Tage angebrochen sind. Möglichst anonym und ohne Gesichter. Schauen wir genau hin und lassen wir sie damit nicht durchkommen.

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Andreas Fanizadeh, geb. 1963 in St.Johann i.Pg. (Österreich). Leitet seit 2007 das Kulturressort der taz. War von 2000 bis 2007 Auslandsredakteur von „Die Wochenzeitung“ in Zürich. Arbeitete in den 1990ern in Berlin für den ID Verlag und die Edition ID-Archiv, gab dort u.a. die Zeitschrift "Die Beute" mit heraus. Studierte in Frankfurt/M. Germanistik und Politikwissenschaften.

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